Liquide Mittel bewegen

Gastransporte auf hoher See erfordern spezielle Tanks.

Die Nachfrage nach Kunststoff wächst stetig. Für die Produktion von Kunststoffen benötigt man Ethylen. Weltweit werden etwa 140 Millionen Tonnen dieses petrochemischen Gases in sogenannten Steamcrackern produziert, aber nur rund 5 Millionen Tonnen werden in Gastankern transportiert. Der weitaus größte Teil wird direkt vor Ort oder in der Nähe weiterverarbeitet. Im Mittleren Osten wird Ethylen aufgrund der dort vorhandenen billigen Rohstoffe (Ethan oder Naphtha) erheblich billiger produziert als in Europa oder in den Vereinigten Staaten, so dass sich ein Teil der Produktion gut verkaufen lässt.

Ethylen ist aufgrund seiner chemischen Eigenschaften (der Siedepunkt liegt bei minus 104 Grad Celsius) schwer zu transportieren. Die TGE Marine Gas Engineering GmbH hat sich in den letzten Jahren zum Weltmarktführer im Bau von Gasanlagen und Tanksystemen auf Schiffen und Offshore-Einheiten entwickelt. Das Unternehmen wurde 1980 von Horst Schierack und Vladimir Puklavec unter dem Namen Liquid Gas International Ingenieursgesellschaft mbH (LGI) gegründet. 1993 wurde das Unternehmen von der belgischen Tractebel-Gruppe erworben. Nach einem Management-Buy-out im Jahr 2006 bekam es den heutigen Namen.

TGE arbeitet mit Reedereien und Werften auf der ganzen Welt zusammen. In den achtziger Jahren kooperierte man mit kleinen Werften im norddeutschen Raum und in Holland. Seit Anfang der neunziger Jahre erhält TGE jedoch den größten Teil der Aufträge aus Asien, wo inzwischen die meisten Werften sitzen. „Unsere Hauptkunden kommen aus China, Japan und Korea“, sagt Geschäftsführer Manfred Küver. Zwischen 1999 und 2000 zum Beispiel stellte TGE gemeinsam mit der chinesischen Werft Jiangnan Shipyard fünf Ethylengastanker mit Volumina von 22 000 Kubikmetern her, die einen Gesamtumsatz von 75 Millionen Euro bedeuteten. Je nach Projekt übernehmen die Ingenieure von TGE die Entwicklung des Schiffsdesigns, die Produktion der Gastanks, das Projektmanagement, die Beschaffung der Materialien sowie die Inbetriebnahme und das Schulen der Arbeiter. „Der Gastankermarkt ist ein Nischenmarkt, der zu klein ist, um große Anlagenbauer anzuziehen. Er ist aber auch ein konservativer Markt, so dass die Eintrittsbarriere für neue Firmen sehr hoch liegt. Die großen Reedereien akzeptieren nur maximal drei Namen auf der Herstellerliste für die Gasanlagen: TGE, LGE und Hamworthy“, sagt Küver. Zudem sei spezielles Wissen notwendig, um die Anlagen auf engstem Schiffraum zu planen. Nur sehr wenige Werften hätten den Schritt zu einer eigenen Gasplanungsabteilung gewagt, da dieser Markt stark schwankt und eine solche Gruppe dann manchmal über Jahre nicht beschäftigt werden kann.

Seinen Hauptsitz hat TGE in Bonn mit rund 60 Mitarbeitern. Zudem verfügt man über ein Büro in Schanghai. Zwischen 2007 und 2011 erwirtschaftete das Unternehmen einen durchschnittlichen Jahresumsatz von 65 Millionen Euro. Bis heute hat man Gas- und Lagertechnik auf mehr als 120 Gastanker geliefert und installiert. Die Firma hatte sich bereits mit ihrer Gründung auf Ethylengastanker spezialisiert. Damals wurden diese Schiffe fast ausschließlich in Europa produziert, und der Markt wurde von vier Anlagenbauern dominiert: LGI und LGA in Deutschland sowie LGE in Schottland und KSE in Norwegen. TGE konnte in China und Korea schließlich eine dominierende Marktstellung besetzen und sich im Ethylengastankeranlagenbau mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent nach eigenen Angaben zum Weltmarktführer entwickeln.

Die im Schiffsrumpf befindlichen Ladetanks sind für zahlreiche Kohlenwasserstoffe ausgelegt. Bei Ethylengastankern sind dies zum Beispiel Ethylen, Ethan, Propylen, Propan, Ammoniak, Butan, Butylen, Butadien und VCM mit Siedetemperaturen zwischen minus 104 und plus 45 Grad. „Die Herstellung solcher Tanks kann mehr als sechs Monate dauern, und sie können bis zu 650 Tonnen wiegen. Je nach Größe kosten sie zwischen 6 und 9 Millionen Euro“, erklärt Küver und fügt hinzu: „Wir rechnen mit einem Wachstum von rund 5 bis 6 Prozent in der Branche.“ In den letzten Jahren gab es starke Schwankungen. „Der Weltschiffbau neigt dazu, in guten Jahren zu stark zu kontrahieren und teilweise auf Spekulation neue Schiffe zu bestellen. Der Gastankermarkt im Bereich der semigekühlten Schiffe mit weniger als 23 000 Kubikmeter Kapazität ist in den Jahren 2008 bis 2010 um etwa 8 bis 10 Prozent im Jahr gewachsen, während in den Jahren 2005 bis 2007 nur eine geringe Zunahme von rund 2 bis 3 Prozent zu beobachten war. Das sehr starke Wachstum basierte auf den großen Investitionen in neue Ethylencracker im Mittleren Osten, die den Neubauboom auslösten“, erläutert Küver.

In den kommenden Jahren will man sich verstärkt auf den Bau von kleinen LNG-Tankern (liquefied natural gas) und LNG-Logistikkonzepten konzentrieren. Diese neuen LNG-Tanker transportieren Erdgas bei minus 163 Grad zu kleinen dezentralen Verbrauchern. TGE hat Schiffskonzepte zwischen 5000 und 40 000 Kubikmeter Ladekapazität entwickelt und baut zurzeit auf der Meyer-Werft in Warnemünde einen LNG-Tanker mit einer Ladekapazität von 15 600 Kubikmeter für die holländische Reederei Anthony Veder. Für diese Schiffe gilt es, die richtigen Gasanlagen-Systeme zu entwickeln. Denn man rechnet damit, dass in naher Zukunft viele kleine Kraftwerke mit Blick auf steigende Emissionen und steigende Preise für Schweröl und Diesel zu Erdgas als Kraftstoff wechseln werden. Solche kleinen Kraftwerke sind auf nahezu jeder Insel der Welt für die Stromproduktion zuständig. Und die Aggregate für große Dieselmotoren lassen sich heute auf Erdgas als Kraftstoff umrüsten. Für die Versorgung dieser Kraftwerke sind die kleineren Tanker optimal geeignet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Liquide Mittel bewegen
Autor
Marc Stein
Schule
Clara-Schumann-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 1. November 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance