Die verlorene Schirmherrschaft

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In Deutschland gibt es nur noch wenige Schirmmacher, die von Hand fertigen. „Bis Anfang der achtziger Jahre befanden sich sowohl Produktion als auch Vertrieb hauptsächlich in Deutschland, jetzt macht die Ware aus China beinahe 95 Prozent des Marktes aus“, sagt Willy Schüffler, einer der letzten deutschen Schirmmacher. Und die Schirmmacherin Carola Vertein ergänzt: „1970 arbeiteten noch 20000 Leute in der deutschen Schirmindustrie.“ Heute seien es ungefähr 20. Damals war die Arbeit rund um den Schirm auch eine Chance für diejenigen, die keinen Beruf erlernt hatten oder mit einer Behinderung lebten. „Schirmbezüge nähen konnten alle lernen“, sagt Vertein.

Handgefertigte Regenschirme sind inzwischen eine Marktnische. 1998 wurde die Ausbildung zum Schirmmacher abgeschafft. „Ich würde niemandem raten, neu einzusteigen, bringt er nicht viel Erfahrung mit“, betont Schüffler. Sein Geschäft in Essen läuft gut. Der Jahresumsatz liegt bei etwa einer halben Million Euro, die Schirme kosten bis zu 600 Euro. Der Onlineshop trägt wesentlich zum Erfolg bei. „Dadurch haben wir Kunden aus aller Welt“, meint Schüffler. Sie seien ausgelastet, und damit meint er nicht nur die Eigenproduktion von rund 5000 Regenschirmen im Jahr, sondern vor allem Instandsetzungen. Schüffler hat vier Mitarbeiter in seinem Familienbetrieb. Sowohl die Großmutter als auch der Vater des Schirmmachers hatten das Handwerk erlernt und dann ein Geschäft gegründet, das Schüffler selbst seit mehr als 40 Jahren führt. Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Schirm & Stock, die um den Fortbestand des hochwertigen Regenschirms ringt. Sie zählt 41 Mitglieder.

„Schirme werden in Deutschland kaum noch hergestellt“, erklärt Schüffler. Bei den Vereinsmitgliedern handelt es sich vorrangig um Reparaturbetriebe

und Schirmfachgeschäfte. „Nach meiner Kenntnis ist meine Firma der letzte Schirmmacher-Meisterbetrieb in Deutschland, der als Regenschirmhersteller bei der Handwerkskammer eingetragen ist.“ Schüffler ist dennoch nicht der Einzige, der selbst Regenschirme produziert. Ihm fällt es leicht, die anderen aufzuzählen: Er selbst und Vertein in Hamburg stellten noch nennenswerte Stückzahlen her. Weiterhin erwähnt er Blankenheim in Hattingen, Finger in Bremen und Brauer in Aachen. Jedoch rede man hier nicht von großen Mengen.

Schirme werden heutzutage kaum noch als wertvolles Schmuckstück angesehen, sie sind reine Gebrauchsgegenstände geworden. „Der Kunde kauft oft billig, auf Qualität wird immer weniger Wert gelegt“, beschwert sich Schüffler. Und Vertein ergänzt: „Das größte Problem ist die Einstellung der Leute, dass man zu faul geworden ist, auf die eigenen Sachen aufzupassen.“ Einen Regenschirm sollte man lieben und pflegen, dann lohne es sich auch, Geld für ihn auszugeben. Der Preis für einen guten Schirm beginnt bei 50 Euro. Dafür muss er dann auch einiges leisten: Der treue Begleiter soll stabil, handlich, wetterbeständig, langlebig und dabei auch noch schön anzusehen sein. Sonderwünsche wie ein Seidenbezug, Schlangenholz oder Silbergriffe treiben den Preis in die Höhe. „Warum darf ein Schirm nicht 1000 Euro kosten, wenn manche für eine Uhr mehr als 30000 Euro bezahlen?“, fragt Vertein. Doch wer zahlt solche Preise? „Es ist weniger die Prominenz als vielmehr der Normalbürger, der einen teuren und qualitativ hochwertigen Regenschirm erwirbt“, sagt Schüffler. Auch sei es eher der Spaziergänger. „Autofahrer sind schlechte Schirmkunden.“

Fragt man Schüffler nach seinem Lieblingsschirm, erzählt er die Geschichte seines persönlichen Schmuckstücks, das ihn nun seit fast 40 Jahren begleitet. Handgefertigt natürlich. „Er ist so schön wie am ersten Tag“, meint Schüffler. Zur Herstellung von Hand gehören viele Einzelschritte: unter anderem das Nähen und Säumen des Stoffes und die Bearbeitung des Stockes, das Einsetzen der Federn und gegen Ende das Befestigen des Bändchens, mit dessen Hilfe das kostbare Stück zusammengehalten wird.

Persönlich geht es auch bei Schirm Finger in Bremen zu. Geschäftsführer Till Finger verwirklichte 2006 seinen Kindheitstraum und gründete den kleinen Betrieb. Er bringt die notwendige Erfahrung mit. Finger wuchs in einer Schirmmacherfamilie auf, er stammt aus der Dynastie der Schirm Eggers, die in Deutschland über Jahre zehn Fachgeschäfte mit mehr als 100 Mitarbeitern betrieben. Doch für Finger ist der Gedanke an Expansion in weiter Ferne: „Wir wünschen uns zuallererst, überleben zu können.“ Fragt man nach dem Jahresumsatz, so erhält man nur ein Schmunzeln. Für den Kauf eines Hauses habe es gereicht. Von der Massenproduktion lässt er sich nicht beeindrucken. „Ich möchte in Leute investieren, die ihr Geld in hochwertigen Schirmen anlegen“, betont Finger. Die meisten Kunden seien aus der Generation 50 plus, doch auch junge Leute fänden den Weg in sein Geschäft. Finger sucht den persönlichen Kontakt: „Online ist nicht alles möglich, es ist schließlich auch sperrige Ware, die ich zu verschicken hätte.“ Zudem ist die ideale Anpassung eines Schirms an den Kunden nur vor Ort möglich. Bisher produzieren er und seine beiden Mitarbeiter jährlich 150 bis 200 Schirme. Der Verkauf liegt bei 8000 bis 10000 Schirmen im Jahr. „Da zähle ich aber die Schirme unter 10 Euro nicht dazu“, stellt Finger fest. Seine selbständig produzierten Schirme kosten ab 50 Euro. Reparaturen nehmen einen Großteil der Arbeit ein. „Fast mehr als Eigenproduktion“, gibt er zu und spricht von bis zu 4000 Reparaturen im Jahr. Vertein bestätigt, dass auch zu ihr viele Kunden wegen Instandsetzungen kommen, vor allem wenn es sich um Liebhaberstücke handelt. „In Hamburg sind wir die Letzten, die reparieren“, sagt sie, „damit verbringen wir die Hälfte unserer Zeit.“ Ihre Eigenproduktion beläuft sich auf 200 Schirme im Jahr, verkauft werden bis zu 3000 Stück. „Wir sind nur ein kleiner Betrieb, reich werden kann man davon nicht.“ Der Umsatz liege bei 200 000 Euro im Jahr.

„Der Schirm ist seit mehr als 4000 Jahren bekannt und inzwischen ein Kulturgut“, sagt Schüffler. Damit erinnert er an vergangene Zeiten in China, wo Schirme einst Sonnenschutz bietend als Herrschaftssymbol galten. Und einen Tipp hat Schüffler auch: Hat ein Schirm zehn Speichen, ist das ein Qualitätsmerkmal. 16 Speichen machen ihn nicht besser. Verteins Wunsch für die Zukunft ist eindeutig: „Ich wünsche mir die durchschnittlich 100 Regentage im Jahr, die uns zustehen.“ An einem Regentag erzielt sie ungefähr den doppelten Umsatz im Vergleich zu einem trockenen Tag.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die verlorene Schirmherrschaft
Autor
Janina Hettche
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 1. November 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance