Seine Hörner beim Kunden abstoßen

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Alljährlich treffen sich Politiker und Stars in Bayreuth, um Richard Wagners Opern zu hören. Gerade in der Oper Siegfried kommt ein Instrument besonders zur Geltung: das Waldhorn. „Mein Hans-Hoyer- Horn ist im Klang sehr umfangreich, so dass eine voluminöse Klangfarbe entsteht“, berichtet Gregory Hill, der Solo-Hornist des New Zealand Symphony Orchestra. Hans-Hoyer-Hörner werden von der B&S GmbH – Blechblas- und Signalinstrumente – im vogtländischen Markneukirchen hergestellt. B&S ist einer der größten Metallblasinstrumentenhersteller weltweit und baut weiterhin die Hörner, wie sie einst Hoyer selbst baute. Diesem wurde sein Beruf in die Wiege gelegt, denn seine Vorfahren übten ihn seit Beginn des 19. Jahrhunderts aus. Hoyer (1921 bis 1992) musste jedoch seine Ausbildung aufgrund des Zweiten Weltkriegs unterbrechen. Nach dreimonatiger Kriegsgefangenschaft in Amerika kehrte er nach Sachsen zurück. In den sechziger Jahren entwickelte er für B&S neue Hörner. Für seine innovativen Arbeiten gewann er mehrfach die Leipziger Goldmedaille, eine bedeutende Auszeichnung in der DDR. Hoyers Hörner werden auf allen Kontinenten der Welt von Profis und Amateuren gespielt.

In Markneukirchen stellen 180 Mitarbeiter außerdem Trompeten, Tuben, Euphonien und Posaunen anderer Qualitätsmarken in Handarbeit her. „Gerade der Bau eines einzigen Hoyer-Horns ist aufwendig und dauert in der Regel sechs bis acht Wochen“, betont Eberhard Schopferer, Geschäftsführer der B&S. Die Hörner werden in mehreren Schritten hergestellt. Zunächst werden alle Einzelteile vorgefertigt. Dabei kommen althergebrachte handwerkliche Methoden ebenso wie moderne Technologien zum Einsatz. „Die Rohmaterialien kaufen wir ausschließlich in Deutschland, weil wir nur so höchste Qualität anbieten können“, erklärt Matthias Krüger, der für das Qualitätsmanagement und den Einkauf zuständig ist. Im zweiten Schritt, der Montage, wird der Ventilstock mit den Stimmzügen sowie den weiteren Einzelteilen verlötet, und allmählich entsteht der Instrumentencorpus. Zinnreste, die beim Löten entstanden sind, werden mit einem eigens entwickelten elektrochemischen Verfahren entfernt, damit im Anschluss die Oberflächenbehandlung erfolgen kann. Poliermaschinen reiben das Metall mit hoher Geschwindigkeit und unter starkem Druck mit Stoffscheiben ab. Dann wird das Instrument mit Klarlack überzogen. Zum Schluss werden die mechanischen Komponenten angebracht, und jedes Instrument wird angespielt. Erwerben kann man Hans-Hoyer-Hörner nur im Fachhandel zu Preisen von 2500 Euro an aufwärts. „Gerade Frauen greifen bei der Instrumentenwahl gerne zum Horn“, berichtet Marketingmanager Marcus Borchert, der ein erfahrener Hornspezialist ist. Dies bestätigt Marie Luise Neunecker. Sie ist Preisträgerin mehrerer internationaler Wettbewerbe und wurde zum Sommersemester 2004 als Professorin für Horn an die Hochschule für Musik Hanns Eisler (Berlin) gerufen. „In der Tat gibt es beim Horn die meisten Frauen, die sich für ein Blechblasinstrument entschieden haben. Vielleicht fühlen sich die Frauen bei diesem Instrument nicht so eindeutig auf eine männlich heroische Tonart reduziert, da das Horn weicher klingt als alle anderen Blechblasinstrumente. Vielleicht gefällt ihnen auch einfach nur der wärmere, rundere Klang besser.“

Rund 30 Prozent der insgesamt 15000 Metallblasinstrumente, die jährlich bei B&S produziert werden, sind Hans-Hoyer-Hörner. Von diesen werden knapp zwei Drittel außerhalb des deutschsprachigen Raums verkauft, die größten Anteile nach Japan und Amerika. Der Trend zu Bläserklassen an Schulen wird unterstützt. „Da wir nahezu alles selbst herstellen, können wir auch Schülerhörner herstellen, die im Gewicht viel leichter und für Kinder angenehmer sind. Dies ist ein spezieller Markt, der speziell bedient werden muss. Die Schülerhörner gibt es bereits ab 1500 Euro zu kaufen“, sagt Marketingdirektor Andreas Gafke.

Die Konkurrenz hat das Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von rund 12 Millionen Euro im Jahr 2009 hinter sich gelassen. Aber die globale Wirtschaftskrise traf auch B&S. „Besonders in den Vereinigten Staaten mussten wir unter anderem wegen des schwachen Dollars Einbußen verzeichnen“, erklärt Gafke. Alle Blechblasinstrumentenhersteller waren betroffen. Die Umsätze von knapp 1700 Betrieben mit rund 6700 Beschäftigten gingen 2009 um 15 Prozent auf rund 650 Millionen Euro zurück, teilt der Bundesverband der deutschen Musikinstrumentenhersteller mit. Im Inland sei die Nachfrage stabil geblieben, doch brach der Außenhandel stark ein. Dieser war in den vergangenen Jahren der Wachstumsträger: Seit 2006 war der Wert der exportierten Blechblasinstrumente von 25 Millionen Euro auf knapp 35 Millionen im Jahr 2008 gestiegen. Im Krisenjahr brach dann der Export ein. In den ersten drei Quartalen 2009 wurden rund 60 Prozent weniger Instrumente in die EU exportiert und nur noch knapp die Hälfte in die Vereinigten Staaten. Bei B&S habe man daher auf Kurzarbeit umsteigen müssen, könne nun aber wieder alle Mitarbeiter voll beschäftigen.

Das Unternehmen arbeitet mit Profi-Hornisten zusammen, die Verbesserungsvorschläge machen. André Cazalet, Solohornist des Orchestre de Paris, schätzt sich mit dem Ergebnis äußerst glücklich. „Ich habe das Model C1 mit B&S entwickelt und bin mehr als zufrieden, weil es alle meine Wünsche erfüllt.“ Sehr zufrieden ist auch Erich Markwart, der Solohornist der Sächsischen Staatskapelle Dresden ist. „Durch die offene Bauweise bietet das Instrument einen hervorragenden Luftfluss, auch wenn es manchmal etwas dunkel klingt.“ Doch nicht nur Profis können ihre individuellen Wünsche erfüllen. „Für den Mitarbeiter einer Diamantenmine in Australien, der bei einem Unfall seine rechte Hand verloren hatte, fertigten wir eine linksgriffige Tuba“, erzählt Borchert.

Doch den Hoyer-Sound hört man nicht nur in Konzertsälen oder Opernhäusern, wie Borchert verrät: „Da auch Musiker aus Los Angeles unsere Hörner für ihre Arbeit gewählt haben, ist der Klang der Hoyer-Hörner in der Titelmusik legendärer Blockbuster zu hören.“ Darunter sind die Filme „Rocky“, „Der weiße Hai“ und „Fluch der Karibik“.

Informationen zum Beitrag

Titel
Seine Hörner beim Kunden abstoßen
Autor
Ludwig Hollmann, Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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