Hühnchen in 10000 Meter Flughöhe

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Lufthansa war die Fluggesellschaft, die 1955 als Experiment das erste Flugzeug mit einer Bordküche ausstatten ließ. Das Essen über den Wolken gehört heute zum Standard, eine Reihe von Unternehmen ist auf die Herstellung von Flugzeugspeisen spezialisiert. Köche und Ernährungswissenschaftler kreieren Menüs, die auch bei Niederdruck auf der Zunge zergehen. Besonders beliebt ist dabei das zarte Fleisch von Geflügel. Das Tiefgefrorene wird dann im Flugzeug in der Küche erhitzt.

Auch für Werner Sell und sein damals in Herborn gegründetes Unternehmen Sell Haus- und Küchentechnik, das die erste Bordküche der Lufthansa baute, wurde das Experiment von damals zum Erfolg. Heute ist die Sell GmbH, Tochterunternehmen der Zodiac Aerospace, marktführender Anbieter für Bordküchen in Langstreckenflugzeugen und beschäftigt mehr als 1400 Menschen an sechs Standorten. Das Unternehmen stellt neben den Bordküchen, die abhängig von den Kundenwünschen aus Ofen, Wasserkocher, Kaffee- und Getränkemaschine und manchmal einem Brötchenaufwärmer bestehen, auch Bars, Ruheräume für das Personal, Stauschränke, Treppen und Einrichtungen für VIP-Kabinen her.

Dabei setzt Sell auf Qualität aus Deutschland. „Kein Produkt kommt von der Stange. Wir verwirklichen die Wünsche unserer Kunden“, erklärt Marketingmanagerin Sonja Naumann. „Wie auch andere Unternehmen nutzen wir die Struktur von Honigwaben als Vorbild für die Leichtbauweise von Küchen.“ Zwischen zwei mit Phenolharz gehärteten Pappplatten, die von außen mit einer Kunststoffschicht geschützt sind, befindet sich ein Stützkern. Er besteht aus sechseckigen, miteinander verbundenen Formen, die wie Honigwaben aussehen. Da diese in der Mitte jeweils hohl sind, ist diese Bauform besonders leicht. Die Sell-Öfen seien leichter als die der Konkurrenz, sagt Naumann. Derzeit entwickelt Sell einen Ofen, der rund 16 Kilogramm wiegen soll, das ist nochmals fast ein Dritttel weniger als der aktuelle. „Sie sind einfach zu bedienen, und man verbrennt sich auch nicht“, erzählt der Flugbegleiter Jan Dittmar. „Allerdings schwanken die Temperaturen in den Öfen manchmal“, fügt er hinzu. Eine Bordküche hat im Schnitt einen Wert von 60000 bis 80000 Euro. In Großraumflugzeugen mit mehr als einer Küche und Bars kann es dann aber auch schnell mehr als 1 Million Euro sein.

Die Auflagen in der Luftfahrt sind hoch. „Mit allen Küchen müssen Tests gemacht werden, bevor sie eingebaut werden“, sagt Naumann, „so müssen sie zum Beispiel in alle Richtungen zwölfmal ihr Eigengewicht tragen können.“ Dazu kommt, dass keine brennbaren Materialien benutzt werden dürfen. Position und Form der Bordküchen im Flugzeug sind durch Richtlinien vorgeschrieben. Die einzelnen Maschinen sind auf Schienen festgemacht, das erleichtert das Putzen und Reparieren. Für den Bau von Bordküchen für Kurzstreckenflugzeuge werden zwei bis drei, für Langstreckenflugzeuge sechs bis sieben Monate benötigt. Im Monat werden rund 200 Ausstattungen ausgeliefert, davon mehr als 100 Bordküchen.

Während die Tendenz sinkt, einen warmen Leckerbissen auf Kurzstreckenflügen serviert zu bekommen, und vor allem Billiglinien Mahlzeiten an Bord nur gegen Bezahlung anbieten, „gibt es bei einer langen Flugzeit immer warmes Essen“, erklärt Annette Gomeringer von LSG Sky Chefs, dem weltgrößten Anbieter für Bordverpflegung. Vor allem auf Langstreckenflügen in der ersten Klasse ist im Laufe der Jahre auch das Design immer anspruchsvoller geworden. Hier ordern die Fluggesellschaften Flugzeugküchen mit Ledereinsätzen und anderen Extras. Rund 350 Fluggesellschaften aus aller Welt zählen zu den Kunden des Unternehmens. Nach eigenen Angaben liegt der Marktanteil auf Langstreckenflügen bei rund 50 Prozent. Aber auch die japanische Konkurrenz Jamco mit Sitz in Tokio behauptet, Weltmarktführer für Flugzeugküchen und Toiletten zu sein. 40000 Bordküchen hat Sell bis zum Jahr 2010 verkauft. „Damit hält Sell den Industrierekord“, berichtet Naumann stolz. Der Anteil an Bordküchen im A380 liegt laut Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie mittlerweile bei 70 Prozent. Insgesamt steigerte das Unternehmen seinen Umsatz von rund 178 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 185 Millionen Euro im Folgejahr. 2011 waren es nochmals fünf Prozent mehr. Daran haben Bordküchen mit rund 70 Prozent den höchsten Anteil. „Sie sind unser Hauptgeschäft“, sagt Naumann.

Im Frühjahr 2010 geriet Sell in die Schlagzeilen. Die britische Premium Aircraft Interiors Group wollte das Unternehmen verkaufen. Schnell wurden Interessenten gefunden, und seit September 2010 ist Sell Teil von Zodiac Aerospace, das weltweit führend in Flugzeugausstattung ist. Damit kann Zodiac jetzt eine komplette Kabinenausstattung herstellen. „Für Sell bedeutet die Übernahme außerdem, dass mehr in das Unternehmen investiert werden wird“, sagt Naumann. Neben dem Sitz in Herborn gibt es ein Konstruktionsbüro in Homberg/Ohm sowie weitere Außenstellen in Hamburg, Toulouse und Seattle. Das Unternehmen baut auf seine jahrelange Erfahrung. 1978 gelang der Durchbruch, als die amerikanische Fluggesellschaft Eastern Airlines 25 Bordkücheneinrichtungen orderte. 1986 feierte das Unternehmen den Verkauf der Bordküche Nummer 10000. In den neunziger Jahren weitete sich der Verkaufsraum nach Asien aus. Außerdem begann Sell zusätzlich VIP-Kabinen zu produzieren. 1997 wurde Sell an das britische Unternehmen Britax International verkauft, trotzdem blieb die Produktion in Deutschland. „Die Auftragslage ist gut und sieht auch für die nächsten Jahre gut aus“, erklärt Naumann, „die positive Entwicklung zeigt sich in den Mitarbeiterzahlen.“ 2007 waren es erst 850 Beschäftigte, seitdem hat sie sich also fast verdoppelt.

Um den Nachwuchs zu fördern, bildet das Unternehmen in den Fachbereichen Flugzeugmechaniker, Elektroniker, Technisches Produktdesign und Industriekaufmann aus. Die Ausbildungen erfordern einen guten Realschulabschluss und dauern mindestens drei Jahre. „Wir bilden jedes Jahr insgesamt 14 Auszubildende aus“, erklärt Abteilungsleiter Johannes Diehl. Alle werden übernommen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hühnchen in 10000 Meter Flughöhe
Autor
Johanna Zimmermann
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 6. Dezember 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance