Geld stinkt doch

Darlehen werden meistens nur gegen ausreichende Sicherheiten vergeben. Für so manchen Bauern aus der italienischen Region Emilia-Romagna stellt das freilich kein Problem dar: Die Bank Credito Emiliano Spa gewährt ihnen Kredite – wenn sie Parmesankäse als Sicherheit hinterlegen. „Schon seit 1953 lagern wir die beiden Sorten Parmigiano Reggiano und Grana Padano und sorgen dafür, dass es dem Käse während seiner Reifeperiode an nichts mangelt“, erklärt William Bizzarri, Generaldirektor von Magazzini Generali delle Tagliate, des für die Käsereifung zuständigen Tochterunternehmens der Bank. Dabei wird der Käse zwei Jahre – so lange braucht ein guter Parmigiano Reggiano zum Reifen – in klimatisierten Tresoren gelagert. Auch die Kredite laufen über zwei Jahre; die Bank lagert die 30 bis 40 Kilogramm schweren Laibe zu Beginn der Zeit ein und gibt sie, wenn der Kredit durch den Verkauf des Käses „abgezahlt“ ist, fertig gereift wieder heraus. Nach den zwei Jahren kann der Käse für 11 Euro je Kilogramm verkauft werden. Die Bank bekommt etwa zwei Prozent Zinsen.

„Der Wert des Käses wird nach einer wöchentlich aktualisierten Tabelle kalkuliert“, sagt Bizzarri. Jedes Käserad ist mit einer Registrationsnummer versehen und kann so leicht zurückverfolgt werden. Während der Reifung steigt der Wert des Käses um etwa 25 Prozent. In den beiden Lagerhäusern des Finanzinstituts lagern rund 450000 Käselaibe, sie sind etwa 180 Millionen Euro wert.

Die Kredite gegen Käse machen nicht einmal ein Prozent der Gesamteinkünfte der Bank aus. Dennoch sind sie wichtig für die Region, denn sie verschaffen den Bauern, die meistens auch Kunden der Bank sind, Kapital und unterstützen so den regionalen Landwirtschaftssektor. Zudem sind die Darlehen für die Bank risikoarm: „Der Käse ist sehr beliebt, gut zu verkaufen und stellt daher eine gute Sicherheit dar“, erläutert Bizzarri. Dass ein Erzeuger seinen Kredit nicht zurückzahlen konnte, ist nach Angaben der Bank bisher nur zwei oder drei Mal vorgekommen.

Die aus je 550 Liter Milch hergestellten Laibe sind seit jeher in der Region als Tauschmittel beliebt. In der Bank werden sie in meterhohen Regalen sorgsam gelagert, kontinuierlich abgeklopft, gebürstet und gewendet. Sogar Röntgenmaschinen werden verwendet, um Fehler wie Luftblasen zu finden. Zur Überwachung der Käsereifung sind dreißig Pfleger eingestellt worden: „Die Tätigkeiten in der Käselagerung unterscheiden sich natürlich von normalen Bankgeschäften“, sagt Bizzarri.

Nach seinen Angaben sind die Preise für Parmigiano Reggiano gesunken, weswegen die Hersteller immer öfter nach höheren Krediten fragten. Der Umsatz von Magazzini Generali delle Tagliate lag 2011 bei etwa 3,5 Millionen Euro, was einer Steigerung von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. 2012 sind die Erlöse nach Schätzungen der Bank um 5 bis 8 Prozent gestiegen.

Der Gesamtumsatz des italienischen Parmesansektors, der in rund 400 Käsereien erwirtschaftet wird, stieg 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent. Jedes Jahr werden rund 3 Millionen Laibe hergestellt, der Gesamtgewinn der Produzenten liegt nach Angaben von Bizzarri zwischen 10 und 15 Millionen Euro. Einen Schrecken jagte der Branche das Erdbeben von 2011 ein, das auch einige Parmesanlager zum Einsturz brachte und so einige hunderttausend Laibe beschädigte, die nicht mehr weiterreifen konnten. Doch die Italiener bewiesen Solidarität: Im ganzen Land kauften sie Käse aus beschädigten Laiben zu Sonderpreisen, um den Bauern zu helfen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geld stinkt doch
Autor
Adrian Schulz
Schule
Felix-Klein-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance