Manche Lehrer lassen ihre Schüler fallen

Wer gerne mit dem Drachen- oder dem Gleitschirm fliegt, kennt vermutlich Hessens höchsten Berg, die Wasserkuppe. Denn dort im Mittelgebirge Rhön befindet sich Europas größte Schule für Drachen- und Gleitschirmflug, die Papillon GmbH & Co. KG. Nach Angaben des Deutschen Hängegleiterverbands (DHV) gehen 40 Prozent aller in Deutschland erteilten Fluglizenzen auf den Besuch eines Papillon-Flugkurses zurück. Laut Papillon heben jedes Jahr mehr als 1000 Schüler mit ihr in die Lüfte ab.

Der Ursprung von Papillon liegt in einem kleinen Bauernhäuschen inmitten der Rhön. Dort begann 1996 die Flugschulung unter der Leitung von Andreas Schubert und Ulrich Kroll, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hatten. Vier Jahre später übernahmen sie das Flugcenter auf der Wasserkuppe, modernisierten und erweiterten es. In den darauf folgenden Jahren eröffneten sie weitere Standorte in Deutschland und Österreich. Sie übernahmen auch die beiden höchstgelegenen Hotels Hessens, in denen die Schüler untergebracht werden können.

Das Angebot des Unternehmens reicht von Anfängerkursen im Gleitschirmfliegen und Snowkiting bis hin zu Sportreisen, auch nach Südafrika und Chile. Eine große Flugschule zieht Großveranstaltungen an. 2011 wurde das Finale des Paragliding-Worldcups im Punktlanden auf der Wasserkuppe ausgerichtet, und 2012 traf sich dort die Elite des Präzisionsfliegens zum Vorfinale. Bei diesem Spektakel gilt es, mit viel Zehenspitzengefühl exakt in der Mitte eines kleinen, kreisrunden Landefeldes den Flug zu beenden.

„Die Wasserkuppe bietet für Einsteiger optimale Trainingsbedingungen. Durch die offenen Wiesen und Hänge in fast alle Windrichtungen lässt sich die Handhabung des Schirms bestmöglich erarbeiten und festigen“, erklärt Mike Küng, Inhaber des Höhenflugweltrekordes im Paragliding und Gleitschirmtestpilot. Er bietet mehrere Male im Jahr Seminare auf der Wasserkuppe an. Allerdings werde der Berg bei Hobbyfliegern immer beliebter und sei bisweilen überlaufen, gibt Küng zu bedenken.

„Wir geben unseren Kunden die Möglichkeit, an nahezu jedem beliebigen Tag im Jahr mit uns das Gleitschirmfliegen zu erlernen“, sagt die Leiterin der Flugschulorganisation von Papillon, Eva Maria Schubert-Eisner. Doch hat man nach einer Marktanalyse festgestellt, dass die Kosten für einen Schnupperkurs mit rund 150 Euro im Vergleich zu anderen deutschen Flugschulen hoch sind. Ein Grund dafür sei, dass man besonders viel Wert auf Sicherheit lege. Zum Beispiel schaffe die Schule ständig neue Gleitschirmausrüstungen an.

Wer alleine fliegen möchte, braucht eine A-Lizenz, denn auch in der Luft gelten Verkehrsregeln. Diese sind in der Flugbetriebsordnung festgelegt. Um den Luftfahrerschein zu erwerben, muss der Schüler einen jeweils einwöchigen Kombi- und Höhenflugkurs absolvieren. Erst wenn er anschließend die Prüfung bestanden hat, darf er ohne Beaufsichtigung eines Lehrers fliegen. Die Ausbildungskosten bis dahin belaufen sich in der Flugschule auf der Wasserkuppe auf rund 1370 Euro, wobei der zweite Ausbildungsteil in den Alpen stattfindet. Nach dem Kombikurs schafft sich dann so mancher schon einen Gleitschirm an. Ein neuer Schirm kostet rund 3000 Euro.

Gleitschirmfluglehrer arbeiten meistens nebenberuflich. Nicht so bei Papillon: Von den dreißig Lehrern, die dort unterrichten, ist etwa die Hälfte fest angestellt. Sie verdienen brutto rund 2500 Euro im Monat. Etwa ein Drittel der Trainer von Papillon sind zudem „Performance-Trainer“. Das weist nach Angaben von Charlie Jöst, dem Vorsitzenden des DHV, darauf hin, dass sie besonders hoch qualifiziert seien. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums überwacht der Hängegleiterverband die Pilotenausbildung und bildet die Fluglehrer aus. Mit rund 33000 Mitgliedern ist er der größte Verband für Gleitschirm- und Drachenfliegen auf der Welt.

Das Gleitschirmfliegen haben Fallschirmspringer in Frankreich Mitte der achtziger Jahre erstmals in größerem Umfang praktiziert, sagt Jöst. Anschließend habe das Paragliding mehr Zulauf gehabt als andere Luftsportarten. 1996 sind die Mitgliederzahlen des DHV dann aber leicht gesunken. Seit 2002 steigen sie wieder. Auch Papillon verzeichnete in den vergangenen Jahren eine steigende Nachfrage. 2012 verbuchte das Unternehmen einen Nettoumsatz von 4,7 Millionen Euro; es rechnet mit weiterem Wachstum.

Der Grund für das steigende Interesse liegt auch in einem stressbeladenen Alltag, denn beim Fliegen kann man sich eine Auszeit nehmen. Nach Untersuchungen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) würden sieben Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gerne Drachen- oder Gleitschirm fliegen. Bisher seien jedoch nur 55000 aktiv. Das ist aber die Hälfte der auf der ganzen Welt Aktiven. Eine Leseranalyse des Mitgliedermagazins des Hängegleiterverbands hat ergeben, dass 90 Prozent der Flieger Männer sind und das Durchschnittsalter zwischen 30 und 40 Jahren liegt. Ein Drittel hat ein Nettoeinkommen von mehr als 2500 Euro im Monat.

„Mein Probeflug nahm leider in einem Baum sein Ende“, erzählt Gleitschirmflieger Roland Baumann, Inhaber eines Fuldaer Ingenieurbüros. Dies sei allerdings auf eigene Unachtsamkeit zurückzuführen gewesen. Baumann hatte an einem Schnupperkurs teilgenommen. Nach der aktuellsten Gleitschirmunfallstatistik des DHV ereigneten sich 2011 in Deutschland 154 Unfälle oder Störungen, von denen acht tödlich endeten. Papillon-Geschäftsführer Andreas Schubert versichert, dass es in seiner Schule bisher weder schwerwiegende noch tödliche Unfälle gegeben habe. Das freie Fliegen ohne Lehrer sei jedoch weitaus gefährlicher.

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche Lehrer lassen ihre Schüler fallen
Autor
Verena Tobert
Schule
Winfriedschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance