Schreiner können einpacken

Ob arabische Kamelschokolade, schottischer Whisky, australischer Wein oder deutscher Lebkuchen – Hersteller präsentieren außergewöhnliche Produkte gern in exklusiven Holzverpackungen. Davon profitiert die Holzmanufaktur Max Liebich GmbH aus Regen im Bayerischen Wald. Der Spezialist für Verpackungen aus Holz wurde 1948 von Max Liebich gegründet und wird seit zwei Jahren von Thomas Koy geleitet. Die Produktpalette der Holzmanufaktur, die gut fünfzig Mitarbeiter beschäftigt, ist mit mehr als 900 Holzartikeln und etwa acht neuen Produkten im Monat vielfältig: Sie umfasst Standardartikel, individualisierte Verpackungen sowie Spielzeug und Dekoration. In der Branche der hochwertigen Holzverpackungen sei sein Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Marktführer, berichtet der 48 Jahre alte Geschäftsführer.

„Wir verarbeiten ausschließlich zertifiziertes, heimisches Holz, vornehmlich aus Bayern“, erklärt Koy. Vom Leim über den Lack bis hin zur Schraube sei alles „made in Germany“. Auf Wunsch sende man den Kunden auch GPS-Daten zu, damit sie auf Google-Earth schauen könnten, aus welchem Waldstück das Holz stamme. Im Jahr werden etwa 700 Artikel aus dem Sortiment der hochwertigen Präsentverpackungen verkauft. Rund 5 Prozent sind Standardartikel – mit Schiebedeckel, Klappdeckel und diversen Beschlägen. Geschlossene Geschenkverpackungen sind darunter und offene Steigen.

Die weitaus meisten Produkte werden jedoch nach Kundenwunsch gefertigt. Beispiele sind ein High-Heel, der als Flaschenhalter dient, eine Schatztruhe für Spirituosen, ein fahrbarer Weinschrank im Stil der Kofferschränke des 19. Jahrhunderts und dreieckige Pralinenkästen. Eine Kiste für eine Weinflasche mit Standard-Schiebedeckel aus 3 Millimeter dickem Sperrholz kostet 2,39 Euro, die „Altarbox“ für französischen Cognac hingegen bis zu 239 Euro. „Verpackung kann eben mehr sein als die bloße Holzkiste mit Schiebedeckel“, sagt Koy.

Zu den Kunden gehören Privatpersonen, die im fabrikeigenen Geschäft einkaufen, Kindergärten, Schulen und Verlage. Hinzu kommen internationale Lebensmittelkonzerne und ein Weltmarktführer für opto-elektronische Geräte. „Unter den 70 Prozent Stammkunden findet sich alles von A wie Asbach über N wie Nestlé bis hin zu Z wie Zum fröhlichen Zecher“, sagt Koy. Auch für den im Jahr 2000 verstorbenen Künstler Friedensreich Hundertwasser und die Punkband Die Toten Hosen habe man schon Stücke angefertigt. „Wir sollten mal Holz-Dildos für eine Erotikkette produzieren und verpacken, was wir jedoch abgelehnt haben“, berichtet Koy. Manche Produkte würden nur einmal angefertigt, andere 250000 Mal. Auch der Name des Kunden kann auf der Verpackung erscheinen, als sogenannter Einbrand, gestaltet mittels Sieb-, Digital- oder Laserdruck oder traditionell mit Brennstempeln geflammt. Das Würzburger Weingut am Stein Ludwig Knoll bestellt im Jahr mindestens dreimal einige hundert Verpackungen. „Ich brauche sie für die Weinpräsente“, erklärt Vertriebsleiter Christian Lau. Mit der Verpackung werde der Wert des Produktes betont.

Die Exportquote der Holzmanufaktur beträgt rund 20 Prozent. Exportiert wird in mehr als zwanzig Länder, auch nach Japan, China und die Vereinigten Arabischen Emirate. Der Jahresumsatz beträgt rund 3 Millionen Euro, 80 Prozent werden mit den kreativen Präsentverpackungen erwirtschaftet. Starke Konkurrenz verspürt das Unternehmen aus China. Produkte von dort bestünden aus nicht zertifiziertem Tropenholz und billigen Rohstoffen. Sie würden günstig über große Möbelhäuser und Baumärkte vertrieben.

Unter solchen Entwicklungen leidet offenbar auch die Beliebtheit des Ausbildungsberufes Schreiner. „Im Jahr 1982 wurden in Bayern noch 8618 Schreiner ausgebildet, 2010 waren es gerade noch 2712“, berichtet Harald Gerster von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Auch die Zahl der Betriebe sei deutlich zurückgegangen. Dies liege vor allem an der gesunkenen Bereitschaft in der Bevölkerung, Geld für maßgefertigte und hochwertige Holzprodukte auszugeben. „Ich erlebe jedoch in den vergangenen eineinhalb Jahren, dass Holz emotional wieder an Wert gewinnt“, sagt Koy. „Früher konnte es nie billig genug sein, und Holz wurde teilweise sogar durch Kartonage ersetzt. Doch wir erleben eine Renaissance des Werkstoffes Holz.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Schreiner können einpacken
Autor
Jana Becker
Schule
Johannes-Kepler-Gymnasium , Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance