Viel Ahnung von Tuten und Blasen

Der Ton eines Blasinstrumentes fängt beim Mundstück an. Doch davon gibt es viele. „Es sind 5000 verschiedene Modelle im Umlauf“, sagt Henk Rensink aus den Niederlanden, der nach eigenen Angaben einzige professionelle Mundstückberater in Europa. Da finden sich Musiker nur schwer zurecht. Und das Ausprobieren ist zeitaufwendig und kostspielig. Rensink verspricht Hilfe. Sein Ziel ist es, jedem Musiker das optimale Mundstück zu verschreiben.

Eine Beratung funktioniert so: Man nimmt Kontakt mit der „Mundstückpraxis“ auf, also Rensink und seiner Frau in ihrer ländlichen Heimat Apeldoorn, und besorgt sich einen Termin. Dort angekommen, füllt man einen Fragebogen aus: Gefragt wird nach Wünschen zu Instrument und Ton und dem vorherigen Mundstück. Anschließend werden Begutachtungen und Messungen an Lippen, Mund, Gaumen, Rachen und Zähnen vorgenommen. Mit Hilfe eines Netzwerks, das aus Zahnärzten, Kieferorthopäden, HNO-Ärzten, Neurologen, Physiotherapeuten und Logopäden besteht, macht sich Rensink ein Bild. Mitglieder dieses Netzwerks sind frühere Kunden. Zum Beispiel brauchte sein heute wichtigster Berater im Fach Neurologie vor Jahren eine Mundstückanpassung auf der Trompete.

Dann geht es schnell: In meistens 15 bis 20 Minuten legt sich Rensink auf zwei bis drei Mundstücke fest. Diese testet der Kunde. Rensink stellt nur eine Empfehlung aus, er verkauft keine Mundstücke. Zu seiner Berufung kam er mit einem Untersuchungsprojekt aus den siebziger Jahren, in dem er alle Mundstückpatente seit 1815 analysiert hat. Über seinen Beruf sagt er: „Mich begeistert, dass ich jeden Tag einen Menschen glücklich machen kann, indem ich ihn in seiner Leidenschaft voranbringe.“

„Vielleicht ist dies die endgültige Lösung meines Mundstückproblems“, hofft der niederländische Jazz-Saxophonist Hans Dulfer nach einem Besuch bei Rensink. Als ein Mundstück, auf dem er schon seit dreißig Jahren spielt, erste Abnutzungen zeigt, geht Dulfer zu Rensink. „Eigentlich verstehe ich nichts davon“, bekennt der erfahrene Saxophonist, „aber dieses hier spielt sich leicht und klingt so gut.“ Das überrascht ihn sehr. „Denn ich kaufe Mundstücke nach ihrem Namen oder nach äußeren Gesichtspunkten. Und die passen dann oft nicht so recht.“

98 Prozent seiner Kunden seien zufrieden, sagt Rensink. Im Jahr berät er rund 1500. Darunter sind auch ganze Orchester. Das Verhältnis von Einzelberatung zu Ensembleberatung beläuft sich auf 70 zu 30, von Amateuren zu Profis auf 90 zu 10 und von Holz- zu Blechinstrumenten auf 30 zu 70. Auch Melissa Venema, ein aufstrebendes niederländisches Talent im Fach Trompete, wurde von Rensink beraten, genauso wie die Blasmusiker des Orchesters von André Rieu. Unter den Blechbläsern berät er vor allem Trompeter, unter den Holzbläsern Klarinettisten. Der Mundstückdoktor hat irgendwann aufgehört, seine Kunden zu zählen. „Viele Tausende“, sagt er nur. Sie kämen aus mehr als zwanzig Ländern.

Rensink nimmt für die erste Beratung 40Euro und für jedes weitere Instrument 20 Euro. Im Jahr erzielt der Fachmann einen Umsatz von 60000 Euro. Seine Kosten belaufen sich auf 20000 Euro. Die hohen Kosten kommen von der ständigen Anschaffung neuer Mundstücke, denn Rensink muss auf dem Laufenden bleiben. Kostspielig ist auch die Pflege der älteren Mundstücke.

Der Anteil seiner deutschen Kunden ist in den vergangenen zwanzig Jahren von 5 auf 15 Prozent gestiegen. Werbung macht Rensink nicht. Er setzt auf sein persönliches Auftreten auf Messen, selbstgeschriebene Fachliteratur und Mundpropaganda. Zu seinem Talent sagt er bescheiden: „Würden Sie sich über 25 Jahre damit beschäftigen, könnten Sie es genauso gut wie ich.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Viel Ahnung von Tuten und Blasen
Autor
Tim Marrenbach
Schule
Kaufmännisches Berufskolleg , Oberberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance