Den Karton kann man knicken

Schuhkartons, Kosmetikverpackungen und Medikamentenschächtelchen können nicht einfach so in eine präzise dreidimensionale Form geknickt werden – vorher muss der Karton gerillt werden: Er wird am Falz mittels einer sogenannten Rilllinie geschwächt. „Ein Produkt mit einem schlechten Knick im Karton kauft kein Mensch, darum ist die Rillung so wichtig“, erläutert Oliver Kellermann, Forschungsleiter der Cito-System GmbH aus Schwaig bei Nürnberg. Cito ist mit einem Anteil von 50 Prozent seit gut 15 Jahren Weltmarktführer im Bereich Rilltechnik. Es stellt seit mehr als sechzig Jahren Spezialwerkzeuge her, mit deren Hilfe Kartons gerillt, gestanzt und perforiert werden. Das Unternehmen hat 170 Mitarbeiter, davon 120 in Deutschland.

Erfolgreich sei man vor allem in der Fertigung von Rillstreifen. Dabei handelt es sich um zwei Flanken, die auf einer Kunststofffolie einen mittig liegenden Rillkanal bilden. Von ihnen werden Hunderte von Ausprägungen angeboten, die auf das jeweilige Material abgestimmt sind. Die Rillstreifen werden auf die Platte einer Stanzmaschine geklebt. Die stumpfen Rilllinien drücken dann den Karton genau in den Rillkanal zwischen die Flanken. In dem Karton entsteht so eine Rillung mit exakt definierter Breite und Position. „Im Grunde verkaufen wir das Nichts zwischen den zwei Flanken“, sagt Kellermann. Rillstreifen müssen im nasskalten Hamburg oder trockenheißen Rom genauso gut funktionieren wie im feuchtwarmen Mumbai. Deswegen werden die Produkte jeweils in Klimaschränken bei unterschiedlicher Temperatur, Luftfeuchte und Druckverhältnissen getestet.

Der Bedarf an Rillstreifen ist in der papier- und kartonverarbeitenden Industrie groß. Allein im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 18 000 Kilometer dieser unscheinbaren Kunststoffstreifen auf der ganzen Welt verkauft. Zu den Kunden gehören Verpackungsdruckereien, Wellpappenwerke, Stanzformenbauer und Offsetdruckereien.

1958 entwickelte man die ersten Rillstreifen, 1962 wurden die ersten nach Frankreich exportiert. Mittlerweile hat Cito sechs Tochtergesellschaften in Europa und ist mit einem Vertriebsnetzwerk auf allen Kontinenten vertreten. Seinen Umsatz steigerte das Unternehmen in den vergangenen dreißig Jahren stetig, im vergangenen Jahr betrug er 30Millionen Euro. 60 Prozent wurden mit Rillzurichtungen erwirtschaftet, 40Prozent mit der Produktion und dem Verkauf von Stanzformen sowie Aktivitäten im Offsetdruck.

1998 hat sich Cito auf ein neues Geschäftsfeld gewagt, das Print-Line. Dabei werden Werkzeuge in eine Druckmaschine eingebaut, um das Rillen, Stanzen und Perforieren in den Druckprozess zu integrieren. Vorne kommt weißes Papier in den Drucker hinein, hinten kommen Klebeetiketten, Gutscheine und Tickets heraus.

Der Marktführer sieht sich immer mehr Konkurrenz gegenüber. Zurzeit gebe es 15 Unternehmen auf dem Markt. Cito nimmt für sich in Anspruch, im Vergleich zu neuen Unternehmen aus Asien und Osteuropa auf eine höhere Qualität zu setzen, die aber auch höhere Preise mit sich bringe. „Wir müssen stetig unsere Effizienz verbessern, um auch in Zukunft in Deutschland produzieren zu können“, sagt Inhaber Jürgen Marien. Die Zukunft der Verpackungsindustrie sieht er im Digitaldruck, einem Verfahren mit digitaler Datenübermittlung zur Druckmaschine.

Die meisten Maschinen von Cito tragen übrigens Tiernamen, laut Kellermann „der weibliche Einfluss im Unternehmen“. Denn als die ersten Frauen in die Produktion kamen, fanden sie, dass sich Tiernamen wie Bär für die Presse, Uhu für die optische Inspektionsanlage und Echse für die Klimaschränke leichter merken ließen als etwa Drucker PS 08/15-4711.

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Karton kann man knicken
Autor
Leoni Onken
Schule
Wilhelms-Gymnasium , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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