Die amerikanische Heimsuchung

Wohnen wie in einem amerikanischen Film: Spezialisten fertigen für Familien und Individualisten Holzhäuser mit Veranden und Gauben. Sie fliegen aus Übersee Fenster und sogar Zimmerleute ein.

Typische amerikanische Häuser kennt man aus Hollywood-Filmen. Zwei deutsche Unternehmen wollen dafür sorgen, dass sie auch hierzulande immer öfter zu sehen sind. „Die meisten Bauherren haben in den Vereinigten Staaten gelebt. Manche sind mit amerikanischen Frauen verheiratet und wollen diesen ein Stück Heimat bieten“, erklärt Markus Klein, Geschäftsführer von The White House American Dream Homes Design GmbH. Andere hätten die Häuser in amerikanischen Serien gesehen. „Oft verlässt aber potentielle Kunden der Mut, so etwas Spezielles zu bauen.“

Die Idee für sein Unternehmen kam Klein, als er in Amerika lebte. Ihm gefielen die Häuser mit Veranda, Gauben und Keilstülpschalung, einer besonderen Art der Fassadenverkleidung. Wenn so viele Menschen in Amerika, Australien und den skandinavischen Ländern in Holzhäusern lebten, so sollte man auch ausreichend Interessenten hierzulande finden, dachte Klein. The White House gründete er 1999 in Hoegsdorf in Schleswig-Holstein. Man machte sich auf die Suche nach amerikanischen Anbietern für einzelne Teile eines solchen Hauses, zum Beispiel für die typischen Schiebefenster. Bis Ende des Jahres wird The White House knapp neunzig Häuser errichtet oder geplant haben; fast fünfzig hat die Firma dann selbst gebaut, die restlichen wurden entweder von Kunden fertiggestellt, oder die Pläne warten noch auf einen Käufer.

„Keiner dürfte in Deutschland mehr amerikanische Häuser gebaut haben als wir“, sagt Klein. Je nach Zahl der Projekte variiert der Umsatz von Jahr zu Jahr zwischen 1,5 und 5 Millionen Euro. 2012 belief er sich auf 3 Millionen Euro. Je Haus werden durchschnittlich etwa 500000 Euro eingenommen. Kostengünstig seien die Bauten wegen der vielen Handarbeit und der reichhaltigen Ausstattung nicht. Teurer als in Amerika seien sie schon wegen höherer Löhne und viel strengerer Bauvorschriften. Die Häuser werden nach Kundenwunsch und unter Zuhilfenahme von Fertigbauteilen errichtet. Das Einsteigermodell bietet 76 Quadratmeter Wohnfläche, die Luxusvilla bis zu 1500. Der Kunde kann sich an mehr als hundert Modellen orientieren. Die Preise bewegen sich zwischen 70000 und 4 Millionen Euro. Auch Steinhäuser werden gebaut.

The White House konkurriert inzwischen nur noch mit wenigen Anbietern. Vor gut zehn Jahren tummelte sich noch ein Dutzend Unternehmen auf dem Markt. Die Konkurrenten hätten die amerikanischen Baupläne nicht an den europäischen Markt angepasst, erklärt Klein. So lebten die Deutschen anders als die Amerikaner nicht nach vorne hinaus. „Das Wohnzimmer liegt in Amerika zum Vorgarten hin und nicht zum Garten an der Rückseite des Hauses.“ Außerdem seien in Amerika die Wände dünner und weniger gedämmt, weil Energie viel günstiger sei. The White House verbaue deshalb Außenwände, die nicht nur 15 Zentimeter, sondern bis zu gut vierzig Zentimeter dick seien. Amerikanische Optik in deutscher Qualität, sagt Klein.

Amerikanische Häuser genössen hierzulande freilich keinen guten Ruf: Die Deutschen schätzten die Lebenszeit von Holzhäusern als kurz ein. Doch litten diese deutlich seltener an Baufeuchte. So stünden in Nordamerika sehr alte Häuser, die einem viel extremeren Klima ausgesetzt seien als Bauwerke im gemäßigten europäischen Klima.

Dass sich der deutsche Markt nicht so entwickelte wie erhofft, liegt nach Kleins Ansicht auch an der antiamerikanischen Haltung während der Ära von George W. Bush, der von 2001 bis 2009 Präsident war. Auch Verkäufer von amerikanischen Möbeln hätten in dieser Zeit von Umsatzrückgängen berichtet. „Am schlimmsten hat sich jedoch ausgewirkt, dass ein Anbieter mehrere vom Einsturz gefährdete Häuser baute, die nach Maßgabe der Baubehörden nicht bezogen werden durften.“ Das Fernsehen hatte 2012 über das Unternehmen berichtet. Dass die Bauherren nicht einziehen konnten, habe so manche Familie, die schon im Voraus bezahlt hatte, ruiniert.

Nach Kleins Worten gibt es nur noch einen ernstzunehmenden Konkurrenten: die Boston Haus Baumanagement GmbH in Berlin. Sie baut seit 1993 ausschließlich Holzhäuser im amerikanischen und kanadischen Stil und war somit das erste deutsche Unternehmen dieser Art. Die Idee dazu kam der Geschäftsführerin Andrea Lissner-Espe während eines längeren Studienaufenthalts in den Vereinigten Staaten. Ihr gefielen die großzügigen Häuser mit dem vielen Stauraum. Boston Haus schaffte es, sich im Baugewerbe zu etablieren. Das sei nicht einfach gewesen, sagt Lissner-Espe: „Baufirmen leben gefährlich, vor allem kleine, denn wenn ein Kunde am Ende des Baus nicht zahlt, riskiert man eine Pleite.“ Doch Boston Haus wächst stetig und erwirtschaftete nach eigenen Angaben 2012 einen Umsatz von 1,5 Millionen Euro – Tendenz steigend.

Der Kunde kann zwischen zwölf Grundmodellen wählen und das Haus nach seinen Wünschen gestalten lassen. Er kann nur den Rohbau in Auftrag geben und dann selbst fertigbauen; er kann auch ein Haus bestellen, das bei Einzug komplett ist – mit Teppichen, Holzböden und Wandfarbe. Eines der beliebtesten Häuser ist „Evans“; es kann für rund 25000 Euro Aufpreis um eine Garage für zwei Autos erweitert werden. Es besitzt eine überdachte Veranda im klassischen amerikanischen Stil, vier bis fünf Schlafzimmer und eine Wohnfläche von 170 Quadratmetern. Das Modell kostet schlüsselfertig rund 280000 Euro.

Nach Angaben von Boston Haus ist der Rohbau nach fünf Wochen fertig, der Innenausbau nach zwei bis drei Monaten. Es werde versucht, so viele original amerikanische Teile wie möglich zu verwenden. Deshalb werden Fenster, Farbe, Armaturen und vieles mehr importiert. Es werden sogar Zimmerleute aus Kanada eingeflogen, die schon Erfahrungen mit der Holzrahmenbauweise gesammelt haben.

Ihre Kunden seien vor allem Familien mit Kindern, erzählt Lissner-Espe, aber auch alleinstehende Individualisten. Die Zielgruppe von The White House ist wohlhabender. Die Kunden seien zu „80 Prozent Ärzte, Manager, Politiker und auch Prominente“, sagt Klein. Einer gehöre sogar zu den 500 reichsten Deutschen.

Wegen der intensiven Betreuung und Beratung würden maximal fünf Häuser im Jahr gebaut. Mit stark steigenden Auftragszahlen rechnet Klein nicht. „Das sind absolute Liebhaber-Häuser.“ Ein solches Haus sei ein Luxusgut und kein Massenprodukt. Ein Engpass sei auch, dass es zu wenig geeignete Grundstücke gebe, schließlich müsse ein außergewöhnliches Haus auf einem außergewöhnlichen Grundstück stehen. Klein erzählt von einem Kunden, der das „Weiße Haus“ von The White House bauen lassen wollte. „Doch scheiterte das Projekt am Grundstück, denn der Kunde wünschte sich für seine Villa ein 20000 Quadratmeter großes Grundstück, das er nicht fand.“

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die amerikanische Heimsuchung
Autor
Dennis Marzoll
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juli 2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance