Immer mehr Kunden fallen vom Fleisch ab

Veganer lehnen für ihre Ernährung und Lebensweise die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab. Sie verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milch und Wolle. Das scheint zu einer Weiß- und Currywurst-Nation nicht so richtig zu passen, gehört aber vor allem in deutschen Großstädten längst zum Alltag. Besonderer Ausdruck dafür sind Geschäfte, die ausschließlich vegane Produkte anbieten. So eröffnete im Juli 2011 in Berlin Prenzlauer Berg die Veganz GmbH Europas ersten veganen Supermarkt. Mehr als 6000 Produkte gibt es dort, von der Tiefkühlpizza über Schokolade und Marshmallows bis hin zu Tiernahrung. Die Waren enthalten keinerlei tierische Inhaltsstoffe und sind ohne Tierversuche hergestellt worden. Veganz hat noch zwei weitere Supermärkte eröffnet: Anfang 2013 in Frankfurt und im März in Berlin-Friedrichshain.

Geschäftsführer Jan Bredack ist selbst Veganer und regte sich früher oft darüber auf, dass er nichts zu kaufen fand. Dann kam der studierte Betriebswirt, der früher Manager bei Mercedes war, auf die Idee, einen veganen Supermarkt mit Vollsortiment zu eröffnen. Die Läden liefen gut an, vom ersten auf das zweite Jahr stieg der Umsatz um mehr als 50 Prozent. 2012 betrug er nach Bredacks Angaben 8 Millionen Euro, und das, obwohl auch konventionelle Supermarktketten ihr Sortiment um vegetarische und vegane Produkte erweitert hätten. Allerdings ist auch die Zahl der Veganer nach Angaben des Vegetarierbunds Deutschland (Vebu) rasant gestiegen: inzwischen sind es fast 700000. Zudem gibt es hierzulande 42 Millionen Teilzeitvegetarier, die an mindestens drei Tagen in der Woche bewusst kein Fleisch essen.

„Die meisten möchten durch den Kauf veganer Produkte ein klares Zeichen gegen das Leiden und Töten von Tieren setzen. Andere möchten das Klima und die Umwelt entlasten und manche entscheiden sich aufgrund immer neuer Lebensmittelskandale für eine pflanzliche Ernährung“, erklärt Elisabeth Burrer vom Vebu. Das Angebot an veganen Produkten werde spürbar größer und besser, sowohl in Supermärkten als auch in Restaurants, Kantinen und Mensen. „Nicht alle unsere Kunden sind reine Veganer, viele sind nicht einmal Vegetarier“, berichtet Bredack. „Diese machen nur 40 Prozent der Stammkunden aus.“

Achtzig Käsesorten bietet Veganz an, zum Beispiel No-Muh-Chäs, der größtenteils aus Öl, Kartoffelstärke und Reismehl besteht, oder Mozzarisella auf der Basis von gekeimtem Vollkornreis. „Wir haben 45 Milchersatzgetränke auf unterschiedlichen Basen wie Soja, Kokos, Hafer, Hanf, Reis und Gerste. Für Eier gibt es Eierersatz und Fleischersatz kann in allen Geschmacksrichtungen wie Ente, Rinderfilet und Hähnchenbrust gekauft werden“, erklärt Bredack. Auch Produkte, in denen man keine tierischen Bestandteile vermutet, können für ihre Herstellung tierische Stoffe benötigen. So wird Eiklar zur Harmonisierung und Schönung von Rotwein verwendet. Obwohl bei der Produktion für Veganz auf Eiklar verzichtet werden muss, ist eine Flasche Wein mit knapp sechs Euro nicht besonders teuer.

Weil 60 Prozent des Sortiments exklusiv seien, kämen auch Kunden von weiter her, um Produkte zu kaufen, die sie anderswo nicht fänden, sagt Bredack. Der Kundenkreis reiche von Studenten über Erzieher bis hin zu Beamten. Eine 25 Jahre alte Erzieherin, Veganerin und Kundin von Veganz, erzählt, dass sie am Einkauf im veganen Supermarkt schätze, nicht ständig Inhaltsstoffe vergleichen zu müssen. So spare sie Zeit.

Produkte, die wie Karotten keine tierischen Bestandteile direkt oder indirekt enthalten, kosten im veganen Supermarkt so viel wie im Biomarkt. Unter den Produkten, die einen Ersatz für tierische Ausgangsstoffe benötigen, sind die veganen Produkte nicht teurer als Bio-Tierprodukte im Supermarkt. Nicht die Fleisch- und Milchersatzprodukte sind die Verkaufsschlager von Veganz, sondern – gemessen an der Stückzahl – Avocados. „Danach kommen aber Fleischersatzprodukte“, sagt Bredack. So bietet der Supermarkt 400 Gramm Veggie-Räucherwurst für 5,79 Euro an und 150 Gramm Vegarnelen für 2,99 Euro.

Veganz vermietet Teile der Berliner Filialen an ein veganes Schuh- und Bekleidungsgeschäft. Dort kann man zum Beispiel Doc Martens aus Naturkautschuk und Peeptoes aus Microfaser erwerben. In den nächsten drei Jahren will Bredack zwanzig weitere Filialen in ganz Europa, unter anderen in Wien, Hamburg, Budapest und Prag, eröffnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Immer mehr Kunden fallen vom Fleisch ab
Autor
Myriam Rockel
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juli 2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance