Erst zieht es die Frau und dann Männer an

Dirndl

Traditionell, modisch, sexy –immer mehr Menschen tragen Dirndl oder Lederhose. Trachtengeschäfte freuen sich über steigende Umsätze. Auf dem Ende September beginnenden Oktoberfest werden die neuesten Trends zu besichtigen sein.

Festzelte, Hendl, Maß, Riesenrad und Gute-Laune-Musik – mit diesen Worten lässt sich das größte Volksfest der Welt, das Münchner Oktoberfest, schon recht gut beschreiben. Doch eines fehlt noch: die Tracht. Viele, ob jung oder alt, tragen auf der Wiesn Dirndl oder Lederhose. Trachten sind in Mode, der Umsatz ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen; auch für die Zukunft werden steigende Erlöse erwartet. Zu den wichtigsten Anbietern in Deutschland gehört Trachtenmoden Angermaier. Das 1947 gegründete Familienunternehmen, das von Axel Munz geführt wird, ist Spezialist für traditionelle und moderne Trachten. Sein Hauptsitz ist in München, Filialen gibt es außerdem in Stuttgart, Regensburg, Nürnberg und Berlin.

Angermaier bezeichnet sich als „innovativen Marktführer“ mit einem besonderen Gespür für Trends, wodurch man der ganzen Branche Impulse gebe. „Wir schauen sehr frühzeitig, dass wir neue Dinge in die Tracht reinbringen. Wir setzen uns mit den Webereien und Gerbereien zusammen, entwickeln eigene Stoffe, die eben auch modisch interpretiert werden“, sagt Munz. So bringe man ständig neue Lederarten und Farben auf den Markt. „Da wir selbst produzieren, können wir sehr schnell auf Kundenwünsche und neue Trends eingehen“, ergänzt seine Tochter Nina Munz. In den Läden werden zudem alle namhaften Marken der Branche wie Krüger und Meindl angeboten. In Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen entstehen auch Kreationen, die nur in den Geschäften von Angermaier verkauft werden.

Einfache Baumwoll-Dirndl kann man für rund 80 Euro erwerben, Lederhosen aus Ziegenvelours ab 170 Euro. Nach oben gibt es freilich keine Grenzen, ein edles Designer-Dirndl kann 1600 Euro kosten. Für Männer wird eine aufwendig bestickte Hirschlederhose für 1500 Euro angeboten. Vor allem vor und während der Wiesn, die Ende September beginnt, kämen Kunden aus der ganzen Welt, heißt es von Angermaier, auch Prominente wie der Basketballstar Dirk Nowitzki und der Rapper Snoop Dogg.

Weil Trachten nicht mehr nur auf traditionellen Festen getragen werden, sondern auch auf Hochzeiten, Waldfesten, Firmen- und Schulfeiern, ist der Umsatz des Unternehmens in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. „Die Stückzahlen sind sehr hoch. So haben wir 2012 mehr als 20000 Dirndl verkauft. Bei den Männern sieht es ähnlich gut aus, auch dort gab es einen starken Zuwachs“, berichtet Nina Munz. Genaue Umsatzzahlen nennt Angermaier nicht.

Konkurrenten sind große Bekleidungsunternehmen, die einen größeren Teil der jüngeren Kundschaft durch günstige Dirndl und Lederhosen abfängt. Einen Vorteil hat in jedem Fall der, dessen Angebot gut auf das Wiesn-Geschäft abgestimmt ist. Angermaier nimmt nur im August und September rund 30 Prozent des Jahresumsatzes ein. Man bemüht sich allerdings, das Geschäft zeitlich etwas nach vorne zu verlagern, schon alleine, damit sich die Kunden zur Wiesn-Zeit nicht gegenseitig im Weg stehen.

Auch im Online-Shop sei kurz vor Beginn des weltgrößten Volksfests die Nachfrage hoch. „Wir konnten im letzten Jahr den Umsatz deutlich steigern, auch dank Facebook. Das Internet-Netzwerk ist mittlerweile ein wichtiger Kommunikationskanal für unser Unternehmen“, erklärt Axel Munz. Man könne mit den Kunden besser in Kontakt kommen und ihre Anregungen aufnehmen.

Vor 25 Jahren hat Angermaier als erstes deutsches Trachtengeschäft begonnen, ein Wiesn-Set bestehend aus Lederhose, Trachtenhemd, Haferlschuhen und Trachtentuch für 399 DM zu verkaufen. Daraufhin sei die Zahl der Trachten-Einsteiger von Jahr zu Jahr gestiegen. Für Furore sorgte man auch mit dem teuersten Dirndl der Welt: Es besteht aus glänzender Wildseide und ist mit 150000 Swarovski-Steinen besetzt. Der Preis beträgt 100000 Euro. Aufsehen erregte auch das WM-Dirndl aus dem Jahr 2006, das sowohl vom Haus der Deutschen Geschichte als auch vom Münchner Stadtmuseum erworben wurde. Zu großen internationalen Fußballturnieren bietet das Unternehmen regelmäßig spezielle Dirndl an.

Die Tracht werde immer beliebter, das gelte für alle Altersklassen, heißt es bei Angermaier. Sie werde zudem nicht nur in Bayern, sondern auch in Hamburg verkauft. Die Volkstracht hat eine lange Geschichte hinter sich. Was heute unter einem Dirndl verstanden wird, sollte nicht mit einer regionalen Volkstracht verwechselt werden. An Letzterer können Eingeweihte den sozialen Status und die Herkunft der Trägerin sofort erkennen.

Doch wie sollte man sich in diesem Jahr für das Oktoberfest kleiden, wenn man im Trend liegen möchte? Die Männer tragen kurze Lederhosen, am besten im „Used Look“, so dass die Hose, die meist mit farbigen Stickereien aufwendig verziert ist, alt und getragen aussieht. Dazu werden Hemden und Westen kombiniert. „Nicht fehlen dürfen die trendigen Loferl, die Trachten-Stutzen, die in kräftigen Farben leuchten“, sagt Nina Munz. Bei der Lederhose wird vor allem auf die Art des Leders geachtet. Weiches Material, beispielsweise von Hirsch oder Reh, und eine gute Verarbeitung sind die Hauptmerkmale einer guten Hose. Besonders die kurze Plattler-Form sei dieses Jahr im Kommen. Sie sei in den Festzelten angenehmer zu tragen. Darüber trägt man ein Leinenhemd mit starken Karomustern in Weiß oder Beige.

Die Trachtentrends der Männer ändern sich wesentlich seltener als die der Damen. Kaum ein Kleidungsstück ist so verlockend und weiblich wie das Dirndl und steht vielen Frauen gut. Dabei wird den Frauen geraten, das Dirndl je nach Anlass zu wählen. In Festzelten beispielsweise sind leichte Sommerstoffe richtig oder Waschdirndl aus Baumwolle, die in die Waschmaschine gesteckt werden können. Etwas hochwertigere Leinen- oder Seidendirndl liegen gut auf der Haut, sind aber auch komplizierter in der Reinigung. Der Trend gehe schon in die Richtung, dass man edle Stoffe auch auf der Wiesn trage, sagt Nina Munz.

Die Farbpalette ist in dieser Saison breit. Neben Pastelltönen sind auch fröhliche Farben wie Orange, Gelb und Brombeer angesagt. Die Stoffe dürfen hochwertig sein: Seide, Brokat und Taft, mit Spitze, Stickereien oder Pailletten verziert. Manche Trachten kommen auch alltäglicher daher, in Gestalt von Trachtenjeans und Jeansdirndl. Dazu kann man die angesagte Wendeschürze wählen, die viel Abwechslung verspricht. Der Unterrock darf gerne hervorblitzen. Dies soll den Buben zeigen, dass die Trägerin zu mehr bereit ist. Neuerdings dienen auch Petticoats als Unterrock. Die Dirndl-Bluse und der Dirndl-BH sind jedoch das Highlight und setzen das berühmte Dirndl-Dekolleté in Szene. Eine gut sitzende Bluse betont den Ausschnitt des Kleids. Trendfarbe ist hier immer noch Weiß. Als Ersatz für die traditionellen Wollstrümpfe dienen in dieser Saison die halterlosen „Stay-ups“, die mit kleinen Details verziert sind.

Drei Empfehlungen gibt Nina Munz für die Frisur: die offene Wuschelmähne, die Hochsteckfrisur und die klassischen Zöpfe, die zu einem Haarknoten verarbeitet werden können. An den Füßen können Ballerinas getragen werden – oder Schnürschuhe, Schnürstiefel, High Heels, Peeptoes, derbe Bergschuhe oder sogar Turnschuhe. Ein absolutes Muss seien in diesem Jahr Hüte in allen Variationen. Und wenn die Dame eine Schleife trage, dann sollte sie Folgendes beachten: Trägt man die Schleife links, ist man ungebunden, trägt man sie rechts, zeigt man, dass man vergeben ist. Hinten trägt sie die Witwe, und vorne ist sie das Zeichen für Unschuld und Reinheit.

Informationen zum Beitrag

Titel
Erst zieht es die Frau und dann Männer an
Autor
Laura Kiank
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Aalen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance