Die spinnen, die Fernsehtechniker

Fast 70000 Fans sehen am 23. April einen historischen Fußballabend im ausverkauften Dortmunder Stadion: Borussia Dortmund spielt gegen Real Madrid. Zu Hause verfolgen 15 Millionen Zuschauer das Champions-League-Halbfinale, zum Teil aus faszinierenden Perspektiven. Mitverantwortlich dafür ist Jens Peters. Seine Idee, eine Kamera an Seilen über dem Ort des Geschehens zu befestigen, bietet Film und Fernsehen ganz neue Möglichkeiten. Auch vom Besuch des Papstes Benedikt XVI. in der Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona im November 2010 gibt es außergewöhnliche Bilder. Sie wurden von einer in der Kuppel befestigten Kamera aufgenommen, die sich an Seilen durch den Innenraum bewegte. Im Fußballstadion von Barcelona, dem berühmten Camp Nou, ist diese Technik fast wöchentlich im Einsatz.

Die Kameras werden an vier freihängenden Seilen befestigt, die an ein Netz erinnern; im Englischen wird die Technik deshalb auch als Spidercam bezeichnet. Die Idee stammt von Jens Peters, der 2000 das Unternehmen Spidercam im österreichischen Villach gründete. Seit 2007 vermarktet die Spidercam GmbH in Hamburg das Produkt. Geschäftsführer ist Christian Gärtner. Nach seinen Angaben ist das Unternehmen in seinem Bereich Marktführer. Es besitze und vermiete die meisten Anlagen und erziele den höchsten Umsatz in der Branche. In Europa betrage der Marktanteil 95 Prozent.

Nachahmer der Spinnenkameras findet man außer im europäischen Ausland noch in den Vereinigten Staaten. Dort gibt Spidercam seinen Marktanteil mit 25 Prozent an. Vor zwei Jahren habe man den Schritt nach Nordamerika gewagt, dem Markt, der neben dem europäischen die besten Aussichten biete. Insgesamt sei man Weltmarktführer, sagt Gärtner. 2012 verbuchte das Unternehmen einen Umsatz von 8 Millionen Euro. Neben den rund einem Dutzend Einsatzteams, die freie Mitarbeiter sind, beschäftigt es acht Mitarbeiter in Österreich und 13 in Deutschland.

Die Funktionsweise der Spidercams ist einfach: Vier Seile, die über Umlenkrollen, auch Pulleys genannt, laufen, werden durch elektrische Winden verkürzt oder verlängert. Dadurch kann sich das Tragesystem der Kamera, das analog zu den Kamerawagen aus dem Filmgeschäft Dolly heißt, zu jedem Platz im Raum bewegen. Der Raum wird von den vier Eckpunkten eingegrenzt, an denen die Winden stehen. Er kann zehn mal zehn Meter groß sein oder auch 250 mal 250 Meter. Die Winden werden an den höchstmöglichen Punkten angebracht.

Das System ist vor allem durch den Fußball bekannt geworden; auch in der Fußball-Europameisterschaft 2012 wurde es eingesetzt. Seine wichtigste Eigenschaft ist die hohe Geschwindigkeit, die es ermöglicht, auch schnellen Zielen auf den Fersen zu bleiben. Vor allem im Sport ist das wichtig. Spidercam verspricht, dass selbst bei Geschwindigkeiten von bis zu 30 Kilometern je Stunde ruckelfreie Bilder übertragen werden. „Durch ihre Schnelligkeit kann die Spidercam leicht dem Ball folgen, kann aber auch einfach im Vor- und Nachlauf eines Spiels durch den speziellen Blickwinkel schöne Bilder zum Beispiel bei der Hymne vermitteln“, sagt der Chefregisseur von ZDF Sport, Achim Hammer. Am meisten Freude bereiten ihm die Aufnahmen vom Elfmeterschießen, da keine andere Kamera eine so schöne Ansicht des Schützen bieten könne. Spidercams sind bei allen möglichen Veranstaltungen im Einsatz: von Kamelrennen in Qatar über Konzerte von Hansi Hinterseer oder Robbie Williams bis hin zu Fernsehsendungen wie Das Supertalent, Eurovision Song Contest und Wetten, dass ...?.

Zu den Produkten des Unternehmens gehören eine simple Punkt-zu-Punkt-Verbindung genauso wie die „Feature“, die große Kameras für Filmaufnahmen tragen kann. Die Allzweckwaffe des Unternehmens heißt Field. Sie wird meistens für Außenproduktionen und auf großflächigem Raum genutzt. 70 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet Spidercam mit Außenproduktionen, 30 Prozent mit Hallen- und Studioproduktionen. Besonders gut geeignet für Aufnahmen in einem Fernsehstudio ist die Spidercam-Studio. Sie ist recht klein und lässt sich geräuschlos auch über kleine Flächen bewegen. Das neueste Modell ist die Bowcam, die sich in einem Bogen bewegen kann.

Die bis zu 300 Meter langen Tragseile werden nach Vorgaben des Unternehmens von Zulieferern gefertigt. Sie bestehen aus Kevlar, einem aus der Raumfahrt stammenden Stoff, der sich durch Festigkeit und eine enorme Wärmebeständigkeit auszeichnet. In die Spezialseile werden Glasfaserkabel eingearbeitet. Sie ermöglichen eine extrem schnelle und störungsfreie Übermittlung der Bildsignale.

Das ganze System wird auch, fast zweieinhalb Tonnen schwer, in einem „Flightcase“ verschickt. Die Vermietung von 14 einsetzbaren Kamerasystemen hat einen Anteil von 90 Prozent am Umsatz von Spidercam. In diesem Bereich sieht Gärtner auch das größte Potential für die Zukunft, weil etliche große Märkte, zum Beispiel Südamerika, Indien, Russland, China und Südafrika, noch nicht umfassend erschlossen seien. „In diesen Regionen könnte man mehr regionale Partner einsetzen, um kostengünstiger anzubieten“, sagt er. Denn schon allein der Transport eines Kamerasystems in diese weit entfernten Gebiete koste zwischen 20000 und 30000 Euro. „Die Kosten für die Vermietung bei einem Fußballspiel liegen mit kompletter Crew bei etwa 15000 Euro“, fügt Gärtner hinzu. Die Spinnenkameras werden nicht nur verliehen, sondern auch verkauft. Dann werden sie individuell in etwa drei Monaten gefertigt. Ihr Preis liegt zwischen 400000 und 500000 Euro, für die Wartung kommen jedes Jahr nochmal 10 Prozent der Anschaffungskosten hinzu.

Zu den Kunden zählen neben Fernsehsendern vor allem Produktionsfirmen. ZDF-Sport-Chefregisseur Hammer, der sich als „großer Fan“ der Spidercams bezeichnet, findet auch kritische Worte. Sie seien zum einen nicht für alle Sportarten geeignet, zum anderen seien die Kosten hoch. „Man muss sie sich leisten können.“ Im Vergleich zu anderen Systemen sei das Preis-Leistungs-Verhältnis ungünstig.

Viele Gedanken macht sich das Unternehmen über Sicherheit. Man habe in alle mechanischen Bauteile Sensoren eingebaut. Bei einem Stromausfall könnten die Bremsen auch ohne Strom geschlossen werden; sie seien zudem mehrfach mechanisch gesichert, um ein ungewolltes Absinken zu verhindern. So sei man seit Unternehmensgründung unfallfrei.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die spinnen, die Fernsehtechniker
Autor
Tobias Faber
Schule
Arnold-Gymnasium , Neustadt bei Coburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance