Wo sich der Buchmarkt gesundschrumpft

Bücher

Goethe mal ganz klein: In Berlin gibt es den einzigen Miniaturbuchladen Europas. Besonders gefragt sind dort Klassiker und Kochbücher.

Kunden aus aller Welt waren schon in Falk Thielickes Miniaturbuchladen Minilibris im Berliner Nikolaiviertel. „Auf der ganzen Welt gibt es nur zwei Miniaturbuchläden: Minilibris und einen in Tokio“, sagt Thielicke. Im europäischen Raum darf der Buchblock der Miniaturbücher maximal zehn mal zehn Zentimeter groß sein, und die Schrift muss mit bloßem Auge lesbar sein. „Was ich nicht mit bloßem Auge lesen kann, tue ich mir auch nicht an“, erklärt Thielicke. „Die Schrift in den Miniaturbüchern ist oft größer als das Kleingedruckte in den Verträgen.“

Im Angebot hat der Buchhändler rund 500 Titel. Das kleinste Buch ist gerade mal einen Zentimeter groß. „70 Prozent der Bücher, die wir anbieten, liegen unter 10 Euro, sind also ideal als Geschenk. 20 Prozent der Bücher sind ledergebundene Exemplare des Miniaturbuchverlags Leipzig, der Preis liegt dann zwischen 20 und 30 Euro“, sagt Thielicke. „Sondereditionen und Faksimiles können dann aber auch mal gut und gerne um die 1000 bis 5000 Euro kosten.“ Diese Kostbarkeiten sind Kopien von sehr alten Miniaturbüchern und werden originalgetreu von spezialisierten Verlagen mit viel Handarbeit und alten Drucktechniken in limitierten Auflagen nachgebildet.

„Solange die Menschen etwas aufschreiben, haben sie es immer auch in Miniatur getan“, sagt Thielicke, „es war praktischer für den Transport.“ Die ersten Miniaturbücher sind größtenteils religiös motiviert gewesen: „Wanderprediger hatten natürlich keine große Kirchenbibel mit dabei.“ Im 19. Jahrhundert boomte der Miniaturbüchermarkt durch die Erfindung besserer Druckmaschinen. Leipzig war schon immer eine Stadt der Miniaturbücher. Um 1900 brachte der Verlag Heinrich Schmidt & Carl Günther viele Miniaturbücher heraus, wie die bekannten Miniwörterbücher, deren Namensrechte heute Langenscheidt hält. In der DDR erschienen mehr als 650 Miniaturbücher; sie gehörte mit der Sowjetunion und Ungarn zu den führenden Produzenten. „Deutschland ist bis heute eine Hochburg der Miniaturbücher“, sagt Thielicke.

Besonders gefragt sind Kochbücher und Klassiker, etwa von Goethe. Auch Kinder- und Geschenkbücher sind beliebt. Zeitgenössische Romane findet man allerdings keine. „Da gibt es im großen Buchbereich schon so viel, das muss man nicht auch noch in Miniatur machen.“ Auch englisch-, spanisch- und italienischsprachige Bücher bietet Minilibris an. Es gibt viele Sammler, die sich in Vereinen wie dem Freundeskreis Miniaturbuch Berlin e.V. organisieren und sich auf ein Thema spezialisieren, beispielsweise auf religiöse Bücher oder Erotika.

„Ich habe mir 1973 mein erstes Miniaturbuch gekauft“, erzählt Thielicke, „es handelte sich um die zweibändige Ausgabe ,Rund um das Buch‘, damals noch für 34 DDR-Mark.“ 1996 meldete Thielicke ein Gewerbe als Miniaturbuchhändler an und tourte mit einer mobilen Verkaufsausstellung durch Deutschland. 2002 gründete er dann seinen Laden, zunächst in Berlin Friedrichshain, 2006 folgte der Umzug ins Nikolaiviertel.

Thielicke verfügt über eine Privatsammlung, die rund 4000 Exemplare aus aller Welt umfasst und im Geschäft ausgestellt ist. Dazu gehört eine besonders schmuckvoll gestaltete Tora. Das älteste Buch in Thielickes Sammlung ist das aus dem 9. Jahrhundert stammende „Psalterium Sancti Ruperti“. Allerdings handelt es sich nur um eine naturgetreue Kopie des unbezahlbaren Originals; sie hat 1390 Euro gekostet und wurde in einer Auflage von 980 Stück herausgegeben.

Bekannte Verlage, die in größerem Umfang Miniaturbücher herausgeben, sind der in Leipzig sitzende Buchverlag für die Frau (etwa 280 Titel), die Ars Edition in München und der Coppenrath Verlag in Münster (vor allem Geschenkbücher). „Der einzige Verlag, der ausschließlich Miniaturbücher herausgibt, ist der Miniaturbuchverlag Leipzig“, sagt Thielicke. „40 Prozent unseres Umsatzes werden im Buchhandel erwirtschaftet“, sagt Martin Wartelsteiner, Geschäftsführer des Verlags, „somit ist Herr Thielicke ein wichtiger Kunde für uns.“ Man verkaufe rund 65000 Bücher im Jahr, die meistverkauften seien „Faust – Der Tragödie erster Teil“ (24,80 Euro) sowie die zweiteilige „Bilderbibel“ (50 Euro). „Klassiker, Religion und Erotik laufen bei uns am besten.“ Der Umsatz betrage weniger als 1 Million Euro im Jahr, „aber wir verzeichnen seit Jahren einen steigenden Zuwachs“.

Bei Thielicke gibt es ein spezielles Angebot: die Bibliotheca Minilibris. „Die Idee war, Menschen oder Vereinen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Bücher zu haben, die sie nur für sich machen.“ Mittlerweile seien in acht Jahren etwa 60 Titel entstanden. Der Fußballclub Turbine Potsdam hat zum Beispiel ein Jubiläumsbuch bei Thielicke in Auftrag gegeben. Diese Kleinstauflagen werden in Zusammenarbeit mit einem Verlag in der Slowakei gedruckt. Bei 100 Exemplaren eines Nur-Text-Buchs liegt der Preis bei etwa 15 Euro das Stück.

Die Kunden kämen unregelmäßig. „Es gibt Tage mit null Kunden und Tage mit 100“, berichtet Thielicke. Etwa die Hälfte sind Sammler, meistens Männer. Die meisten sind älter als vierzig Jahre. Wartelsteiner bestätigt: „Der Großteil unserer Sammlerkunden dürfte im Altersbereich vierzig bis sechzig angesiedelt sein. Wir haben einen großen Anteil von Stammkunden, die unsere Bücher im Abonnement beziehen.“

Im Jahr verkauft Thielicke rund 20000 Miniaturbücher, ein Fünftel über den Onlineshop. Er erwirtschaftet einen Umsatz von 100000 Euro im Jahr, der seit einigen Jahren gleich bleibt. „Der Buchkäufer wächst heute mit E-Books und iPad auf“, sagt Thielicke. So mancher Kunde komme auch ganz umsonst in seinen Laden: „Die Buchschuber kann man leicht mit kleinen Schachteln verwechseln. Ich hatte schon Kunden, die Blumensamen oder Zigaretten kaufen wollten.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo sich der Buchmarkt gesundschrumpft
Autor
Christian Flach
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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