Die Retter kommen ins Rotieren

Jeder kennt die 112, eine Notrufnummer, die Leben rettet. Die Hilfe trifft im Regelfall innerhalb von 15 Minuten ein, so steht es in den Rettungsdienstgesetzen der Bundesländer. Vor der Küste außerhalb des deutschen Hoheitsgebiets auf dem offenen Meer gelten freilich andere Regeln. Wer beim Bau oder der Wartung einer Windkraftanlage in der Nord- oder Ostsee verunglückt, muss sich in Geduld üben. So liegt der größte deutsche Nordsee-Windpark Bard Offshore1 mit 80 Windrädern auf einer Fläche von 60 Quadratkilometern etwa 90 Kilometer nordwestlich von der Insel Borkum. Eine Distanz, die höchste Ansprüche an Mensch und Rettungsgerät stellt.

Mit ihrem Eurocopter EC 155B Dauphin können die Rettungsflieger der Northern Helicopter GmbH (NHC) die Strecke zum Windpark bei optimalen Wetterbedingungen in rund fünfzig Minuten Flugzeit schaffen. Allzu oft herrschen allerdings widrige Umstände: Wind, Niederschläge und eine rauhe See. NHC betreibt seit 2010 den Eurocopter Dauphin und bezeichnet sich als „ersten zivilen Betreiber, der einen solchen Offshore-Hubschrauber in Deutschland anbietet“. Als eines der ersten privaten Unternehmen in Deutschland hat sich NHC auf solch heikle Einsätze spezialisiert.

„Anders als an Land können wir häufig nicht auf Sicht fliegen. Wir müssen deshalb den Instrumentenflug sicher beherrschen, denn gerade bei Wolken und Regen verschwimmen Wasserfläche und Horizont und erschweren die Orientierung“, erklärt Frank Zabell, Geschäftsführer von NHC und Rettungsflieger mit langjähriger Flugerfahrung. Er kennt das Offshore-Gebiet vor der Nordseeküste genau. „Dort herrschen sehr rauhe und harte Bedingungen.“ Sich bei Sturm und Regen aus dem Hubschrauber hinabzuwinschen (abzuseilen) und Verunglückte nach oben zu bringen, mitunter durch den engen Schacht einer mehr als 100 Meter hohen Windanlage, sei gefährlich. „Der Hubschrauber muss einerseits für die fünfköpfige Crew und den Verletzten groß genug sein, andererseits erlauben nur Helicopter mittlerer Größe, dicht genug an das Windrad heranzufliegen.“ Der Helicopter erreicht eine Geschwindigkeit von 250 Kilometern in der Stunde und kann bis zu dreieinhalb Stunden in der Luft bleiben. „Bei starken Sichteinschränkungen zum Beispiel durch Nebel oder Schneefall können wir allerdings nicht starten.“

Windkraft ist in Deutschland ein Wachstumsmarkt, erst recht seit dem beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie. Große Hoffnungen ruhen auf der Stromerzeugung auf dem Meer. Der Wind weht dort kräftiger und gleichmäßiger als an Land. Und es gibt keine Anwohner, die durch das Geräusch der Rotorblätter gestört werden. Arbeitsschützer aus Niedersachsen erwarten, dass bis 2014 mehr als 2000 Beschäftigte ständig – zumeist im Schichtdienst – auf den verschiedenen Windparks in der Nordsee tätig sein werden, Tendenz steigend. Sollte einer einen Arbeitsunfall erleiden oder plötzlich schwer erkranken, dann ist sofortiges Handeln notwendig. Wie unter anderen schwierigen Umgebungsbedingungen – zum Beispiel in den Alpen – kann nur der Hubschrauber einen relativ schnellen Transport ins Krankenhaus gewährleisten. Die Erwartung, dass man Menschen aus einer Notlage befreien könne, motiviere ihn sehr, sagt Zabell. Und natürlich die Freude am Fliegen.

Der Anfang war jedoch nicht ganz einfach. Hervorgegangen aus der Teuto-Air Lufttransporte GmbH in Nordrhein-Westfalen ist das Unternehmen 2008 nach Emden umgezogen und hat das Geschäftsmodell der Offshore-Rettungsflüge für sich entdeckt. NHC war damals unter den Ersten, deren Hubschrauber speziell für die Offshore-Rettung ausgestattet wurden. So können die Patientendaten schon während des Fluges an das aufnehmende Krankenhaus übermittelt werden und erleichtern dort die Vorbereitungen. „Wirtschaftlich war damals allerdings noch vieles im Fluss. Vor allem gab es keine Planungssicherheit, wo und in welchem Umfang tatsächlich Investitionen in die Windenergie fließen würden“, blickt Zabell zurück. Inzwischen sei die Lage überschaubarer, die Offshore-Windparks expandierten. Nach Verbandsschätzungen sollen bis Ende 2015 zwei Gigawatt Offshore-Leistung am Netz sein; damit können rein rechnerisch 2 Millionen Privathaushalte mit Strom versorgt werden.

NHC beschäftigt 16 Mitarbeiter, davon allein zehn Piloten. „Auf der medizinischen Seite kooperieren wir mit der DRK Ammerland Offshore-Rettung und Sicherheit gGmbH“, erklärt Zabell. Über die dortige Leitstelle wird die Rettungskette organisiert. „Wir müssen eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft, 365 Tage im Jahr, sicherstellen“, ergänzt Herbert Janssen, Mitarbeiter von NHC Air Rescue und zuständig für die medizinisch-fachliche Koordinierung der Rettungseinsätze. „Wir haben es bei unseren Einsätzen vor allem mit Arbeitsunfällen beim Umgang mit schwerem Werkzeug sowie Sturzverletzungen, aber auch mit internistischen Notfällen zu tun“, sagt er.

Das gut ausgebildete Rettungsteam und das eingesetzte moderne Fluggerät haben ihren Preis. Allein der Hubschrauber kostet 2,5 Millionen Euro. Angaben zu den Rettungskosten macht das Unternehmen nicht. Zabell verrät nur, dass je nach Größe und Reichweite sowie der Ausstattung des Hubschraubers zwischen 45 und 65 Euro je Flugminute üblich sind. Bei einer Flugzeit von 1,5 bis 2 Stunden für Hin- und Rückflug fallen damit rein rechnerisch Kosten zwischen 4000 und 7800 Euro an. Zum Vergleich: Bei einem landgestützten Einsatz veranschlagt der Deutsche Hubschrauber-Verband zwischen 42 und 61 Euro je Flugminute. Hinzu kommen die Arztkosten und die Kosten für medizinisches Material. Die Kosten des Einsatzes übernehmen die gesetzliche Unfallversicherung oder die Krankenversicherung, je nachdem, ob es sich um einen Arbeitsunfall oder eine plötzliche Erkrankung handelt.

„Die Anlagenbetreiber sind rechtlich verpflichtet, im Falle eines Unfalls für eine schnelle Rettung des Verunglückten zu sorgen“, erklärt Zabell. Nicht alle Unternehmen seien aber in der Lage, die aufwendigen Rettungskapazitäten, vor allem die Rettungshubschrauber, selbst vorzuhalten, ganz zu schweigen von Rettungsteams. Die bisherige Bilanz von NHC könne sich sehen lassen. „Bis Ende 2012 haben wir mehr als dreißig Offshore-Rettungsflüge erfolgreich absolviert.“ Für die Zukunft ist Zabell optimistisch. Der Anteil der Rettungsflüge am Angebot des Unternehmens steige kontinuierlich, 2012 im Vergleich zu 2011 allein um 80 Prozent. Sie hätten mit rund einer Million Euro schon ein Drittel des Gesamtumsatzes des Unternehmens erreicht. Allerdings hängt die Zukunft auch davon ab, welche Entscheidungen die Politik zu den erneuerbaren Energien treffe.

Auch deshalb ist NHC nach wie vor breit aufgestellt und bietet mit seiner Flotte von derzeit vier Helicoptern ebenfalls Ambulanzflüge zu den Nordfriesischen Inseln, Flüge für Geschäftskunden und Lastenflüge an. Einen besonders außergewöhnlichen Auftrag hat Zabell noch in guter Erinnerung. „Im Juli 2010 haben wir ein 750 Kilo schweres Stück der Berliner Mauer 90 Meter hoch auf die Aussichtsplattform des Kollhoff-Hauses am Potsdamer Platz in Berlin gehievt.“ Kein Stück der Berliner Mauer sei jemals in so großer Höhe aufgestellt worden. Es ist Teil einer Freiluftausstellung.

Die Entwicklung von NHC hängt auch von der Konkurrenz ab. Andere Rettungsunternehmen haben ebenfalls Kooperationen mit Windparkbetreibern in der Nordsee vereinbart. So werden der Windpark Alpha Ventus vor Borkum von der Helicopter Travel Munich GmbH betreut und der Offshore Windpark Nordsee Ost vor Helgoland von der Wiking Helikopter Service GmbH sowie der ADAC Luftrettung. Um den geplanten Windpark Dan Tysk vor Sylt kümmert sich die Deutsche Rettungsflugwacht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Retter kommen ins Rotieren
Autor
Christoph Duve
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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