Nach einem Eierautomaten kräht selten ein Hahn

Eier

Dass man Eier im Supermarkt und im Hofladen kaufen kann, weiß jeder. Weniger bekannt ist, dass man sie mancherorts auch an Automaten ziehen kann, an modernen Hochleistungsmaschinen ebenso wie an kultigen Oldtimern. Sind solche Automaten eher Nostalgie oder ein zukunftstaugliches Vermarktungsmodell? „Mit Eierverkaufen kann man kein Millionär werden“, sagt Bernhard Rompel über seinen Eierautomaten, den er seit etwa zwanzig Jahren im Limburger Stadtteil Lindenholzhausen betreibt. Sein Automat soll ebenso wie der von Alfred Dernbach – keine 200 Meter von Rompels entfernt und schon mehr als vierzig Jahre alt – keinen großen Gewinn erwirtschaften. Sie sind kleine Kultobjekte mit Platz für acht Pakete à sechs Eier bei Rompel und für zehn Pakete à zehn Eier bei Dernbach. „Die Automaten können sich halten, weil gerade kein Geschäft damit gemacht wird, sondern sie eher einen gewissen Kultstatus haben“, sagt Alexandra Hesse, Pressesprecherin von Limburg. Sie seien ein Stück Limburger Eigenart. Kein Problem also, wenn man nachts um drei Uhr Spiegeleier machen will, die Automaten sind immer geöffnet.

Ganz im Gegensatz dazu stehen moderne Hochleistungsautomaten, wie der vom Heroldstatter Automatenhersteller Stüwer GmbH produzierte Regiomat. „Es ist schon ein kleines Abenteuer“, sagt Geschäftsführer Stefan Stüwer über den Eierkauf an seinem Automaten. Seit sechs Jahren stelle sein Unternehmen den Regiomat her, der zum Verkauf verschiedenster Lebensmittel wie Milch, Fleisch oder eben Eiern geeignet sei. Je nach Konfiguration passten bis zu 2000 Eier in den Automaten, die darin, je nach Außentemperatur, gekühlt oder beheizt würden. Eine Telemetrie melde stets den Zustand des Automaten und schlage Alarm, wenn etwas mit den Lebensmitteln nicht stimmen sollte, erklärt Stüwer. „Die Landwirte können über diesen Weg ihre Eier direkt an den Kunden verkaufen.“ Für viele sei es kaum möglich, einen Hofladen zu betreiben.

Auch Alfred Dernbach erkennt dies als großen Vorteil seines Eierautomaten. Außerdem seien die Eier so immer verfügbar, auch ohne dass man zu ihm ins Haus kommen müsse. Seinen Automaten hat er damals für gerade einmal 400 DM erworben. Rompel und Dernbach berichten, dass an Wochenenden und Feiertagen oder wenn Kirmes ist, mehr Eier verkauft werden. „Der Automat ist beliebt, auch sehr bei Jugendlichen. Er ist schon eine Attraktion“, sagt Dernbach. Ansonsten sei das Publikum aber kein spezifisches; das ist bei Rompel genauso. Dernbach muss seinen 100 Eier fassenden Automaten alle zwei bis drei Tage neu auffüllen, manchmal auch täglich.

Rompels Automat ist immerhin zwanzig Jahre alt und mit Styropor ausgekleidet, um ihn gegen übermäßige Hitze zu isolieren. Er hat, wie Dernbachs, die Umstellung von D-Mark auf Euro unbeschadet überstanden. So kosten nun bei Rompel sechs Eier einen Euro, bei Dernbach bekommt man für zwei Euro zehn Eier. Dernbach sagt, er bastle viel an seinem Automaten herum, denn bei einem unreparierbaren Defekt kaufte er sich heute nicht noch mal einen.

Genauso ist es mit dem Eierautomaten auf dem Bauernhof Lehmann in Berlin-Marienfelde, der mittlerweile biblische sechzig Jahre alt ist. Heiko Salmon vom Bauernhof Lehmann gibt an, dass es früher drei Eierautomaten gegeben habe, die er aber nach und nach wegen der Ersatzteile, die es nicht mehr gebe, ausschlachte. Früher seien Automaten durch die kurzen und unflexiblen Ladenöffnungszeiten recht weit verbreitet gewesen. „In Schöneberg gab es in den fünfziger und sechziger Jahren eine ganze automatisierte Ladenzeile, sogar mit einem Blumenautomaten“, erzählt er. Sein Automat ist ebenfalls recht klein, es passen 22 Packungen zu je vier Eiern hinein, die für einen Euro verkauft werden. Monatlich würden auf diese Weise etwa 400 Eier verkauft. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet sei der Betrieb des Automaten, im Gegensatz zu früheren Zeiten, daher kaum noch sinnvoll. Überall gebe es Geschäfte, die lange geöffnet seien. „Eigentlich würde man den heutzutage gar nicht mehr unterhalten. Er ist reiner Service für die Kunden“, sagt Salmon. Der Automat sei eine lustige Attraktion, ein Gag. „Der war auch schon im Fernsehen zu sehen.“

Der Kauf an seinem Automaten werde gerne mit einem Spaziergang verbunden. Die Eier aus dem Automaten seien etwa eine Woche länger haltbar, da täglich die Fächer kontrolliert würden und bei Bedarf nachgefüllt werde. Salmon glaubt nicht, dass sich die Automaten weiter verbreiten. „Sie sind kein Zukunftsmodell, sondern eher was Nostalgisches.“

Ganz anders ist das auf dem Donisihof von Familie Gratz im bayerischen Stephanskirchen, wo gleich vier Eierautomaten betrieben werden. Der Hauptgrund für die Anschaffung vor etwa drei Jahren sei gewesen, dass beim Verkauf der Eier direkt aus dem Nest die Zahlungsmoral sehr schlecht gewesen sei, sagt Marianne Dörrer vom Donisihof. An den Automaten müsse man nun einen einheitlichen Preis von 22 Cent für mittlere und 25 Cent für große Eier bezahlen und könne sich die Eier nicht heraussuchen, sondern müsse sie so nehmen, wie sie seien. 360 Eier passten in jeden Automaten. Insgesamt würden rund 2000 Eier am Tag verkauft, dies ergibt einen Jahresumsatz von 150000 bis 200000 Euro. Dafür seien die Automaten, die in gegen Hitze isolierten Gartenhäusern stehen, auch recht teuer gewesen, nämlich 8000 Euro. Sie funktionierten über Schließfächer, in die die Eier hineingelegt werden. Dörrer sieht einen wichtigen Grund für den Erfolg ihrer Eierautomaten darin, dass der Kunde auf dem Hof die Hühner begutachten könne. Das vermittle ihm ein gutes Gefühl mit Blick auf deren Lebensbedingungen und die Qualität der Eier.

Auch auf dem Dörrbachhof in Wiesloch wird ein Eierautomat betrieben, seit 1996 und schon in der dritten Generation. Er ist ein Trommelautomat, funktioniert also wie ein Snackautomat auf dem Bahnhof. In ihn passen 600 Eier, und er muss mindestens einmal täglich nachgefüllt werden. Monatlich werden nach Angaben von Monika Rausch-Förster 10000 Eier auf diesem Wege verkauft. Er hat sogar 10000 Euro gekostet. Rausch-Förster sieht in seiner Originalität einen wichtigen Faktor für seinen Erfolg, er sei ein Werbegag. Über ihn würden mehr Eier verkauft als über andere Wege.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach einem Eierautomaten kräht selten ein Hahn
Autor
Adrian Schulz
Schule
Felix-Klein-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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