Es war einmal der Stein der Greisen

Früher galt Bernstein als Schmuck für ältere Damen. Heute ist er in allen Altersgruppen begehrt; der Markt boomt. Auch immer mehr Touristen aus Fernost interessieren sich für das Gold des Nordens.

Irgendwo an der Ostseeküste: Der Sturm peitscht den Regen ins Gesicht. In der Ferne tanzen Lichtpunkte in der Dämmerung. Beim Näherkommen erkennt man etwa zwanzig Menschen in schwerem Ölzeug, mit Taschenlampen und Keschern. Manche stochern im angeschwemmten Holz-Seetang-Gemisch. Einer leuchtet mit der Taschenlampe in einen Stoffbeutel: Rot, gelb und orange schimmern die gefundenen Brocken. Manche sind nur daumennagelgroß, andere so groß wie eine Mandarine. Es ist Bernstein, das „Gold des Nordens“. Es treibt Touristen und Einheimische sogar nachts und bei Sturm an den Strand.

Fünf Stunden später. In der Saßnitzer Altstadt auf Rügen sitzt Ingo Alexander in seiner Bernsteinwerkstatt und hält einen gelblichen Zwanziggrammer an die Schleifmaschine, um ihn zu polieren. „Bernstein ist kein Stein. Bernstein ist das fossile Harz bestimmter Bäume aus dem subtropischen Bernsteinwald Nordosteuropas, der vor etwa 40 Millionen Jahren samt seiner harzigen Ablagerungen vom Meer überspült wurde“, erklärt der Diplom-Geologe und schleift den pflaumengroßen unansehnlichen Klumpen zu einer magisch schimmernden ovalen Scheibe. An sie passt er ein ebenholzschwarzes Holzstück an. Silberöse und Lederband vervollständigen den Halsschmuck. „Schon als Kind war ich von Fossilien und Bernstein fasziniert und sammelsüchtig.“

Nach dem Studium eröffnete Alexander 2002 die Bernsteinwerkstatt Saßnitz. Dort verkauft er Ohrschmuck, Anhänger, Ketten, Colliers und Ringe. „Natürlich muss ich vom Großhandel oder von anderen Sammlern Rohbernstein dazukaufen, aber bei den allermeisten Schmuckstücken liegt der gesamte Produktionsprozess in meiner Hand: vom Sammeln des Rohstoffs über das Entwerfen bis hin zur Bearbeitung.“ Ein Bernstein-Holz-Anhänger, wie er ihn gerade hergestellt hat, kostet je nach Größe und Schönheit des Bernsteins zwischen 20 und 70 Euro. Kleinere Anhänger sind schon für 10 Euro zu haben. „Die Touristen lieben den Bernsteinschmuck“, sagt Alexander. Die Nachfrage sei in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. „Früher hatte Bernstein noch den Ruf des Omaschmucks.“ Das habe aber nicht am Material gelegen. „Es hat aufgrund seiner vielen Farbvariationen, seines geringen Gewichtes und seiner relativen Weichheit fast etwas Magisches.“ Heute sei der Schmuck in allen Altersgruppen begehrt. „Meine wichtigste Kundengruppe sind die Dreißigjährigen aufwärts“, sagt Alexander. Das liege auch an neuen Kreationen guter Designer.

Die große Nachfrage wirkt sich auch auf die Rohstoffpreise aus. „Ein Kilogramm Rohbernstein in sehr guter Qualität kostete Ende der neunziger Jahre 300 bis 400 DM. Heute kostet die gleiche Menge weit mehr als das Doppelte, also zwischen 500 und 800 Euro“, sagt Alexander. „Seltene Rohbernsteine, die größer als eine Faust sind, kosten nicht unter zwei Euro das Gramm.“ Weil Bernsteinschmuck hauptsächlich an Touristen verkauft wird, ist der Umsatz saisonabhängig. „In den Sommermonaten verdiene ich bis zu 900 Euro am Tag“, verrät Alexander. Dafür sei der Erlös in den Wintermonaten schwach. Der gesamte Umsatz des Ein-Mann-Betriebs beläuft sich nach eigenen Angaben auf knapp 70000 Euro im Jahr, Tendenz steigend. „Der Markt entwickelt sich sehr gut. Ich bekomme neuerdings sogar Anfragen aus China und dem arabischen Raum.“

Von einer steigenden Nachfrage aus Fernost berichtet auch Eckhard Hinz, einer der Geschäftsführer der Ostsee-Schmuck GmbH, genauso wie von deutlichen Preissteigerungen, vor allem für große Einzelstücke. „Die gestiegenen Preise sind auch auf die Nachfrage aus China zurückzuführen. Bernstein wird dort immer populärer, und die eigenen Rohstoffreserven reichen bei weitem nicht aus, so dass die Chinesen in Europa den baltischen Bernstein massenhaft aufkaufen.“ Sie interessierten sich vor allem für die ganz großen Stücke, für die sie Phantasiepreise zahlten. Hinz erwartet allerdings kaum noch Preissteigerungen. „Nach der immensen Dynamik gibt es Anzeichen für eine Stagnation auf hohem Niveau.“

Die Ostsee-Schmuck GmbH in der Bernsteinstadt Ribnitz-Damgarten ist nach eigenen Angaben das größte bernsteinverarbeitende Unternehmen in Deutschland. Es hat dreißig Mitarbeiter und betreibt eine Schaumanufaktur. Auch hierher kommen viele Touristen. An den Werktischen versuchen Kinder, einen Bernsteinanhänger herzustellen. Andere Besucher schauen den Bernsteinschleifern bei der Arbeit über die Schulter. Den Bernstein gibt es nicht nur in Orangerot und Gelb, sondern auch in Weiß, Schwarz und Grün. Aus der Dominikanischen Republik kommt der blaue Bernstein.

Auch Ostsee-Schmuck erzielt den größten Teil des Jahresumsatzes, der zwischen einer und 3 Millionen Euro schwankt, in den Sommermonaten. Anders als die vielen kleinen Bernsteinschleifereien in den Seebädern an Nord- und Ostseeküste, die oft Familienbetriebe sind, hat das Unternehmen Kunden in ganz Deutschland und auf der ganzen Welt. „Wir beliefern die Schmuckabteilungen großer Kaufhausketten wie Karstadt“, sagt Hinz. „Und wer auf Kreuzfahrtschiffen wie der Aida eine Bernsteinkette erwirbt, kauft von uns hergestellten Schmuck.“ Nach der Wende wurde das Unternehmen privatisiert. „Die Schwierigkeiten des Strukturwandels haben sich gelohnt. In den letzten Jahren hatten wir regelmäßig Umsatzsteigerungen von über 10 Prozent.“

Auch Jens von Holt, Geschäftsführer der Amberworld Bernsteinmanufaktur Hamburg, berichtet von einem Boom auf dem Bernsteinmarkt. Zusammen mit einer Mitarbeiterin stellt er Schmuckstücke her und betreibt einen Großhandel. „Auch beim Bernstein scheint es Konjunkturzyklen zu geben. Sieben Jahre lang gibt es eine starke Nachfrage, sieben Jahre eine schwache“, sagt er. „Zurzeit ist Bernstein in Mode.“ Der Umsatz des Hamburger Unternehmens liegt im unteren sechsstelligen Bereich. „Wir haben in den letzten Jahren Umsatzsteigerungen von bis zu zehn Prozent gehabt.“ Die gesamte Branche entwickle sich gut. „In Deutschland leben etwa 300 Menschen vom Bernstein – Tendenz steigend.“

Sein Unternehmen ist auch auf den Verkauf von Bernstein mit Inklusen, also mit tierischen und pflanzlichen Einschlüssen, spezialisiert. Die Preise für Inklusensteine variieren je nach Seltenheit zwischen zehn und mehreren 1000 Euro. „Kleine Fliegen sind häufig, Ameisen und Spinnen seltener“, erklärt von Holt. „Mit einer extrem seltenen Inkluse wie einem Skorpion kann ein kleiner Zehngrammer so viel wie ein Kleinwagen kosten.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Es war einmal der Stein der Greisen
Autor
Dina Maria Farag
Schule
John-F.-Kennedy-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance