Jugendliche Straftäter boxen sich durch

Wenn ich ein Mann werden will, muss ich auch einmal im Knast gewesen sein. Nach diesem Motto lebten viele junge Männer, bevor sie in das Jugendhilfeprojekt Work and Box Company kamen. „Wenn der Großvater, der Vater und auch der große Bruder einen Teil ihres Lebens im Gefängnis verbracht haben, ist es für einige Jugendliche ganz normal, ebenfalls eine Zeit lang wegen Körperverletzung einzusitzen“, sagt Jürgen Zenkel, Sozialpädagoge und Mitglied des vierköpfigen Teams der Work and Box Company in Taufkirchen. „Im ersten Gespräch haben die Jugendlichen die Wahl: Work and Box Company oder Knast. Viele denken: Warum arbeiten und boxen, wenn es vermeintlich leichter geht, nämlich im Gefängnis?“ Erst wenn sie das erste Mal im Gefängnis misshandelt würden, merkten sie, dass es dort doch nicht so cool sei wie gedacht. „Dann sitzen sie mir weinend gegenüber und wollen doch mitmachen. Die Work and Box Company ist ihre letzte Chance.“

Die Work and Box Company südlich von München ist eine private Einrichtung für straffällig gewordene junge Männer von 16 bis 21 Jahren, die nicht nur einmal aufgefallen sind. Ziel ist, sie wieder in die Gesellschaft und das Arbeitsleben zu integrieren. Sie sind wegen Gewaltausbrüchen, Drogenkonsum und fehlendem Pflichtbewusstsein nicht beschulbar. In der Work and Box Company haben die Jugendlichen einen fest geregelten Tag von acht Uhr morgens bis halb vier Uhr nachmittags. Ein Jahr lang boxen, arbeiten und lernen sie. Das Konzept funktioniert. Fast 90 Prozent bekommen eine Lehrstelle oder werden in einen Beruf vermittelt. Auch mit einer Rückfallquote von 20 Prozent schneidet Work and Box weit besser ab als der Freiheitsentzug mit einer Quote von 80 Prozent.

Work and Box zahlt sich auch für den Staat und den Steuerzahler aus. Während ein Jahr im Gefängnis den Staat je Straf täter etwa 50000 Euro koste, zahle dieser für die Work and Box Company nur 13560 Euro, sagt Zenkel. Denn die Jungen schlafen und essen zu Hause. Es wird viel Wert auf den Kontakt zur Familie gelegt. „In den vielen Gesprächen mit den Eltern geht es nicht um Schuld, es geht um Veränderung“, erklärt Zenkel.

Die Maßnahme wird zur Hälfte durch das Jugendamt und den Europäischen Sozialfonds ESF finanziert. Durch das Mitarbeiten, zum Beispiel beim Brennholzschneiden, erwirtschaftet jeder Jugend liche die andere Hälfte seiner Kosten. Der Träger von Work and Box ist die hand in gemeinnützige AG, die – auch mit anderen Projekten – einen Umsatz von 500000 Euro im Jahr erwirtschaftet.

Viele Jugendliche, die bei Work and Box mitmachen, erfahren keine Anerkennung und Liebe. Es fehlen ihnen Väter mit Vorbildfunktion. „Es gibt keinen, der ihnen bei einem Sturz aufhilft“, sagt Zenkel. Sie haben Angst, die sich in Verzweiflung, Wut und Gewalt äußert. In der Work and Box Company versuchen die Trainer, die Wut beim Boxen hervorzuholen. Denn nur durch einen Wutanfall bricht der Panzer auf, den sie um sich gebaut haben. Dann könne man sie therapieren. Die Therapeuten arbeiten nach der Methode „Good Cop, Bad Cop“. Einer provoziert, während ein anderer in Schutz nimmt. So bauen die jungen Männer Vertrauen zur zweiten Person auf.

Im Jahr 2003 gründeten Rupert Voß und der Heilpraktiker Werner Makella die Work and Box Company, nachdem sie sich ein paar Jahre zuvor beim Boxen kennengelernt hatten. Voß bildete Jugend liche im Schreinerhandwerk aus. „Wenn es ein Problem mit einem Lehrling gab, dann hieß es, schick ihn zum Voß, der kriegt ihn wieder hin“, erzählt Zenkel. Heute gibt es neben München eine Work-and-Box-Einrichtung in Stuttgart und eine in der Schweiz. Zwei weitere sind geplant. Bisher haben gut 200 Jugendliche teilgenommen. Viele machen danach eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. „Ich muss mir niemals Sorgen um meinen Reifenwechsel machen“, sagt Zenkel, „ich bin VIP-Kunde.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Jugendliche Straftäter boxen sich durch
Autor
Lukas Tutert
Schule
Pestalozzi-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance