Mit Frauen sollte man Maß halten

Frauenhaare sind ein essentieller Bestandteil eines der wichtigsten Produkte der Wilh. Lambrecht GmbH aus Göttingen. In Thermo-Hygrographen wird die Luftfeuchtigkeit mit Hilfe von Frauenhaaren gemessen. Wilhelm Lambrecht war im 19. Jahrhundert Pionier in der Entwicklung, der Produktion und dem Vertrieb meteorologischer Messinstrumente. So stellte er auch ein vom deutschen Astronomen Wilhelm Klinkerfues entworfenes Haar-Hygrometer her. Die Wettervorhersagen, die mit Hilfe des Gerätes gemacht wurden und in der Tageszeitung erschienen, waren allerdings oft falsch. Deshalb wurde Klinkerfues’ Nachname zum Spaß umgestellt, man nannte ihn Flunkerkies.

Heute bietet die Wilh. Lambrecht GmbH ein breites Spektrum an hochwertiger meteorologischer Messtechnik an: in den Bereichen Wind, Niederschlag, Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte, Strahlung und Strömung. Das international aufgestellte Unternehmen hat seinen Schwerpunkt auf mechanische Messgeräte gelegt. 2012 erzielte man einen Umsatz von rund 8 Millionen Euro. Im Verkauf der Thermo-Hygrographen ist man nach eigener Einschätzung Weltmarktführer.

„Die Thermo-Hygrographen produzieren wir seit 75 Jahren nahezu unverändert. Wir haben sie seitdem rund 200000 Mal verkauft“, berichten die Geschäftsführer Hans-Joachim und Dirk Molthan. In einem solchen Gerät befinden sich die Haarharfe, mit der die Luftfeuchtigkeit gemessen wird, und das Bimetall zur Temperaturmessung. Mit abnehmender Feuchtigkeit zieht sich die aus mittelblondem Frauenhaar bestehende Haarharfe zusammen. „Wir verwenden nur Frauenhaare, die unseren hohen Messansprüchen genügen, damit eine exakte Messung der Luftfeuchtigkeit möglich wird.“ Es kommt nur ein mindestens 35 Zentimeter langes Kopfhaar einer mitteleuropäischen Frau zum Einsatz. Da die Struktur des Haares intakt sein muss, ist gefärbtes oder dauergewelltes Haar ungeeignet. Ist das Haar zu talghaltig, kann es keine Feuchtigkeit aufnehmen. Aus diesem Grund ist Männerhaar unbrauchbar. Ein Kilogramm brauchbare Haare kostet etwa 1000 Euro. „Derzeit gibt es nur zwei Händler in Deutschland, die unsere Anforderungen erfüllen.“

Die Längenänderungen der Haare und des Bimetalls werden auf Papier übertragen. Das Papier ist auf eine Rolle gespannt, die durch ein Uhrwerk angetrieben wird. Inzwischen gibt es auch batteriebetriebene, digitale Haarhygrometer, die mechanischen sind aber etwas häufiger. Sie haben den Vorteil, nicht manipulierbar zu sein. Außerdem sind sie langlebiger als digitale Geräte. Laufzeiten von mehr als fünfzig Jahren seien für gut gepflegte Geräte nicht selten. „Wir beliefern mehr als 100000 Kunden in über 130 Ländern auf der Welt mit unseren Messgeräten“, berichtet Hans-Joachim Molthan.

Eine typische Anwendung der Thermo-Hygrographen ist die Klimaüberwachung in Museen, Galerien, Archiven und Bibliotheken. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen verfügt momentan über sechs Geräte. „Für die Lambrecht-Geräte spricht, dass sie leicht zu bedienen und besonders langlebig sind“, sagt Renate van Issem, Leiterin der Restaurierungswerkstatt. Einige Geräte hat die Restauratorin mit nach Marokko, Syrien und Tunesien genommen; sie sind seitdem in den dortigen Magazinen der Bibliotheken in Betrieb. Auch die Deutsche Marine verwendet die Geräte in Munitionsbunkern und Schiffen. Geschätzt wird, dass die Thermo-Hygrographen, da sie mit mechanischen Uhrwerken betrieben werden, keinen Strom benötigen.

Die Absatzzahlen sind jedoch deutlich zurückgegangen. Während in den fünfziger und sechziger Jahren noch 4000 Geräte im Jahr verkauft wurden, sind es heute nur noch 400 bis 500, einschließlich der elektrisch betriebenen. Vier Mitarbeiter stellen sie überwiegend in Handarbeit her. „Die reine Arbeitszeit beträgt dreieinhalb bis vier Stunden“, erklärt Dirk Molthan. Verkauft werden die Geräte zu einem Preis zwischen 500 und 850 Euro.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Frauen sollte man Maß halten
Autor
Jan Schmidt-Schweda
Schule
Felix-Klein-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance