Beim Crash schwimmt der Kunde im Bier

In mancher Kneipe geraten die Preise ins Wanken

Ein Börsencrash: Was auf dem Parkett der Frankfurter Börse bestürzte Gesichter hervorriefe, löst in der „Berliner Republik“ Begeisterung aus. Doch das liegt nicht daran, dass die Berliner nichts von Finanzmärkten verstünden. Die Berliner Republik ist eine Gastwirtschaft, und hier handelt man nicht mit Aktien, sondern mit Bier. Dafür hat sich die selbsternannte Hauptstadtkneipe am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte ein eigenes, gereimtes Grundgesetz mit acht Artikeln gegeben. In Artikel 5 heißt es: „Selbst der Bierpreis wird vom Gaste diktiert. Klug ist, wer die Börse studiert. Die Bierbörse ist mehr als nur Philosophie. Sie praktiziert an der Basis Demokratie.“

Ab 17 Uhr regeln Angebot und Nachfrage den Preis für das Gebräu aus Hopfen und Malz. Dann bringen Touristen und Stammkunden den sonst festen Bierpreis ins Wanken. Ist die Kneipe leer, sinkt der Preis, füllen sich die Reihen, steigt er. Durch Beobachtung der Börse ist es auch möglich, ein Bier zu einem Tiefpreis zu ergattern. „Jede Bestellung geht in einen Börsenrechner, der permanent den jeweils aktuellen Kurs der einzelnen Biersorten aufgrund der Nachfrage errechnet“, erklärt Katrin Muschner, die Marketingleiterin der Berliner Republik.

„Besonders beliebt ist der Börsencrash“, sagt sie. „Zwei- bis dreimal am Abend wird dieser ausgelöst, und die Preise sinken in die Tiefe.“ Dann ist Schnelligkeit gefragt, denn nur wer rechtzeitig ordert, hat eine Chance auf den Tiefpreis. „Das bedeutet dann Stress für unsere Kellner, da sie innerhalb kürzester Zeit von Bestellungen überhäuft werden.“ Der Crash werde per Knopfdruck ausgelöst, oft wenn sich die Reihen zu leeren begännen, um die Leute im Lokal zu halten. Laurenz Pohl, Gast in der Berliner Republik, erzählt: „Wir wollten gerade gehen, als der Börsencrash ausgelöst wurde und ein Bier nur noch 57 Cent kostete. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen.“

Ein kleines Bier kostet regulär 2,40 Euro. „Während der Bierbörse sinken die Preise um 1 bis 2 Euro“, sagt Muschner. „Bis zu einem Freibier hat es bisher allerdings noch keiner geschafft, auch wenn es möglich wäre.“ Solche Tiefpreise könnten einen Verlust bedeuten. Dass dies nicht der Fall ist, hat laut Muschner drei Gründe: „Zum einen können die Preise, wie bei der Börse auch, ohne Begrenzung steigen und gleichen so die Verluste aus.“ Zweitens steige der Bierkonsum, und drittens orderten die Gäste der besseren Verträglichkeit halber auch Speisen. Serviert werden zum Beispiel Original Berliner Currywurst für 8,90 Euro und Berliner Kartoffelsuppe à la Kaiser Wilhelm für 4,80 Euro. Viele Gäste spekulierten auf die günstigen Bierpreise, erklärt Geschäftsführer Ludwig Andreas Bauer. Aber ein Liebhaber einer Biersorte bleibe immer bei dieser, auch wenn achtzehn Sorten Bier, wie Paulaner, Schultheiss und Pilsener, und auch Caipirinha angeboten würden. „So machen wir auch in Zeiten des internen Börsencrashs Gewinn“, erläutert Muschner.

Seit der Umstellung auf dieses Geschäftsmodell im Jahr 2003 ist der Umsatz um 400 Prozent gestiegen. „2012 erzielten wir bisher unser bestes Geschäftsergebnis“, sagt Muschner. Im vergangenen Jahr schenkte man 89000 Liter Bier aus. „Seit Einführung der Bierbörse stieg diese Zahl um 40 Prozent“, erklärt Bauer. „Das liegt auch daran, dass der Durchschnittspreis des Bieres während der Bierbörse von 2,50 auf 2,25 Euro sinkt.“ Auch in Zeiten der realen Börseneinbrüche ab dem Jahr 2008 habe die Kneipe nicht an Umsatz verloren.

Das Geschäftsmodell kommt aus Deutschland. Die Software heißt Barstock. Die Hauptstädter waren in Deutschland die ersten, die das System nutzten. Die Lizenz kostete damals mehr als 20000 DM. Heute ist sie für maximal 2000 Euro zu erwerben. „Eingeführt wurde das System in drei Betrieben in Berlin, heute sind nur noch wir übrig“, erklärt Geschäftsführer Bauer. In ganz Deutschland findet man das Börsensystem in mehr als 150 Gaststätten. „Das Konzept ist keinesfalls am Auslaufen“, erklärt der Vertreiber von Barstock, Stuart McMillan. „Jede Woche erhalten wir bis zu fünf neue Anfragen.“ Manche Kunden setzten das System aber nur ein Mal ein, zum Beispiel für einen besonderen Abend oder als Attraktion im Hintergrund. „Bei Erstverwendung ist immer mit bis zu 30 Prozent Umsatzsteigerung allein aufgrund des Spaßfaktors zu rechnen“, sagt McMillan.

Die Lage der Berliner Republik in der Nähe der Friedrichstraße, direkt neben der „Ständigen Vertretung“, einer bekannten Berliner Kneipe, und Brechts Berliner Ensemble, zieht neben Touristen auch die an, die im nahegelegenen Regierungsviertel das Geschäft der Politik betreiben. Deshalb richtet sich vor allem an sie der Schlussappell des „Grundge setzes“: „Politiker, Künstler und Journalisten tun zu oft so, als ob sie alles wüssten. Kommt her und seht, hier spielt das Leben sich ab. Hört zu unserem Volke und bleibt schön auf Trab.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Beim Crash schwimmt der Kunde im Bier
Autor
Myriam Rockel
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance