Ein Kalligraph schreibt schwarze Zahlen

Kalligraph

Andreas Schenk zählt zu den erfolgreichsten Schönschreibern Europas. Sein Handwerk hat nach der Einführung des Computers eine Renaissance erlebt.

Freestyle, Harlow Solid Italic, Kunstler Script – mit nur einem Mausklick gibt man jedem Text eine eigene Schrift. Nicht so Andreas Schenk. Er ist von Beruf Kalligraph. Schenk ist nach eigenen Angaben der erste europäische Kalligraph, der seine Kunst hauptberuflich ausgeübt hat, und auch derjenige, der am längsten in der Branche tätig ist. Die Kunst des Schönschreibens betreibt er mit Stift und Feder in seinem Scriptorium Am Rheinsprung in der Innenstadt von Basel. So gut wie alle Kalligraphen sind nebenbei Graphiker, Designer oder haben künstlerische Berufe.

Die Kalligraphie assoziiert man eher mit dem Mittelalter als mit der Neuzeit. Die Blütezeit dieses Handwerks endete mit der Einführung des Buchdrucks, der billiger und schneller war als das kunstvolle Abschreiben von Texten. Doch seit Ende des 20. Jahrhunderts ist die Kalligraphie wieder in Mode. „Heute wird der Ruf nach Einzigartigkeit wieder lauter“, sagt Schenk. „Daher erlebt die Kalligraphie seit der Einführung der Heimcomputer eine Renaissance.“ Da heute jeder einen Brief oder eine Einladung am Computer designen könne, wende man sich wieder der handschriftlichen Gestaltung zu. „Man will etwas Besonderes haben.“

Schon im Alter von acht Jahren interessierte sich Schenk für die Kalligraphie. „Es war für mich schon sehr früh klar, dass ich einen selbständigen Beruf ausüben wollte“, erzählt er. Sein Vater war Zauberkünstler, Pantomime und Stimmenimitator, sein Onkel Kunstmaler, und so sah er, dass künstlerische Karrieren durchaus möglich waren. Die Kunstgewerbeschule in Basel war für ihn ein Muss; auf Wunsch seiner Eltern absolvierte Schenk dort ein Architekturstudium. Danach versuchte er es als Kalligraph.

Seine Grundausbildung in der Kalligraphie erlangte Schenk an der Basler Schule für Gestaltung. Danach bildete er sich autodidaktisch anhand eines kleinen Schriftbüchleins weiter und begab sich anschließend unter die Fittiche von diversen namhaften Schriftkünstlern in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten. Nachdem er 1977 als Platzkartenschreiber bei einer Aufführung fungiert hatte, kamen immer mehr Aufträge. „1983 folgte dann die Gelegenheit, ein eigenes Scriptorium in der Basler Innenstadt zu eröffnen“, erzählt Schenk. Als Dozent für Schrift konnte er dort schließlich seine eigenen Kurse leiten.

„Die meisten Kurse finden am Wochenende statt. Viele Kunden kommen aus Deutschland“, sagt Schenk. Die meisten Teilnehmer sind Frauen. „Sie fühlen sich vom Naturell her mehr zu dieser sehr filigranen Kunst hingezogen“, glaubt Schenk. Für die meisten Kursteilnehmer sei die Kalligraphie ein Hobby. Manche könnten sie aber auch in ihren Berufen im Druckgewerbe, in der Grafik, als Lehrer oder Kunsterzieher anwenden. Die meisten Kurse kosten 350 Euro, doch je nach Material- und Zeitaufwand ist der Preis höher oder niedriger. Ein eintägiger Schnupperkurs zum Beispiel kostet nur 100 Euro, und der billigste Kurs ist mit 42 Euro die Werk-Klasse: Sie dauert nur drei Stunden, und die Teilnehmer bringen ihr eigenes Material mit.

Doch auch für anspruchsvolle Kunden hat Schenk etwas im Angebot: den teuersten Kurs, das Culigraphium. Dessen Kosten belaufen sich auf mindestens 1500 Euro, abhängig davon, wie viele Personen kommen und ob man noch einen Kochkurs belegt. Der Kurs findet im französischen Schloss Chteau de la Crée statt, im Herzen Burgunds. Eine ganze Woche lang werden die Teilnehmer ausführlich in der Kalligraphie unterrichtet. „Sehr beliebt sind die expressiven Kalligraphiekurse“, erzählt Schenk: „da sie den Teilnehmern ohne große Kenntnisse die Möglichkeit geben, sich selbst auf dem Papier auszudrücken und somit dem Alltag zu entfliehen.“ Ein Kurs in expressiver Kalligraphie kostet 350 Euro. Der Gewinn, der aus den Auftragsarbeiten entstehe, halte sich mit dem aus den Kursen die Waage, sagt Schenk. Der Gesamtumsatz sei seit Jahren stabil und betrage zwischen 200000 und 250000 Schweizer Franken im Jahr. Schenk kalligraphiert alles, von Briefen bis zu Weinetiketten. „Stammbäume und Wappen gehören zu den oft nachgefragten Aufträgen.“ Handgeschriebene Einladungen und Briefumschläge lägen trotz hoher Kosten immer mehr im Trend. Für den Preis spielen viele Faktoren wie Schrifttyp, Material, Nutzungsumfang und Textmenge eine Rolle. Arbeit und Preise werden mit jedem Kunden abgesprochen. Ein schwungvoll geschriebener Name, zum Beispiel auf Tischkarten zu einem exklusiven Dinner, kostet etwa 10 Euro. Am gefragtesten sind Schriftzüge in Englischer Schreibschrift.

Aber auch weniger traditionelle Bereiche bedienen sich des alten Handwerks: „Der Trend, für Tattoos persönliche Schriftentwürfe anzufertigen, kam in den letzten Jahren neu dazu.“ Bei den Auftraggebern der Tattoos handelt es sich meistens um Einzelpersonen, die sich eine Vorlage schreiben lassen. Die liegen dann preislich zwischen 30 und 50 Euro.

Es gibt auch einen Online-Shop. Die Auswahl ist vielfältig, vor allem Stahlfedern werden angeboten. So gibt es links- und rechtsgeschrägte Breitfedern, die je nach Neigungswinkel dicke und feine Striche ziehen können. Es gibt Federn für Linkshänder, gebogene Federn, die Ellbogenfedern genannt werden, und sogar Federn mit bis zu fünf Spitzen, die einen mehrstrichigen Auftrag ermöglichen. „Wir sind weltweit mit Abstand der größte Anbieter von Stahlfedern“, sagt Schenk. „Wenn irgendjemand in Japan oder Chile eine spezielle Feder sucht, dann landet er unweigerlich bei uns.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Kalligraph schreibt schwarze Zahlen
Autor
Vanessa Menard
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance