Die Franken lassen die Puppen tanzen

Wo die lila Kuh hergestellt wird: Hofmann fertigt Figuren für die Lebensmittel- und Freizeitbranche.

Heulende Sirenen, um Hilfe schreiende Menschen, lodernde Flammen aus den Fenstern eines Hauses – Feuerwehrleute üben den Ernstfall. Die Schreie stoßen natürlich nicht wirkliche Menschen aus, sondern lebensecht aussehende Nachbildungen. Ihr Rufen ist so echt, dass es die Psyche der Helfer angreift. Auf diese Weise trainieren diese auch ihr emotionales Verhalten. Schließlich müssen sie im Ernstfall Entscheidungen über Leben und Tod fällen.

Diese Menschennachbildungen werden in Bad Rodach in Oberfranken hergestellt: Die Christian Hofmann GmbH fertigt in der beschaulichen Kleinstadt hauptsächlich bewegliche Figuren für die Freizeit- und Unterhaltungsbranche. Nach dem Motto des Unternehmensgründers Christian Hofmann „Wo sich etwas bewegt, schaut der Kunde hin“ wurden 1905 die ersten beweglichen Modellfiguren erschaffen. In den fünfziger und sechziger Jahren schwappte dann die Welle der Freizeit- und Vergnügungsparks aus den Vereinigten Staaten nach Europa, was dem Unternehmen gelegen kam. Seitdem bringt Hofmann jedes Jahr Neuheiten und technische Weiterentwicklungen auf den Markt. Dazu gehören Attraktionen wie eine Wasserrutsche inklusive Dinosaurier-Nachbildungen im Familienbad Hamburg-Altona.

Das Unternehmen wird mittlerweile von der vierten Generation geführt, und die nächste Generation steht schon am Start. Zwanzig Spezialisten – Schreiner, Näherinnen, Modelleure, Designer und Techniker – arbeiten tagtäglich daran, Kinderträume wahr zu machen. Wenn Kunden einen Vorschlag machen, werden zuerst die schon vorhandenen 2500 Modelle geprüft. Muss eine Figur ganz neu entworfen werden, so formt man ein Modell aus Ton und präsentiert es anschließend dem Kunden. Dann werden die Hohlteile für die bewegliche Gestalt erstellt, die aus glasfasergestärktem Polyester und Kunststoff bestehen. Nun wird die Hülle des Modells in eine möglichst reale Körperstellung gebracht. Dann wandert es in die Technikabteilung, wo zum Beispiel ein Luftdruckzylinder in den Kopf eingebaut wird, damit die Augenlider bewegt werden können. In der Elektroabteilung wird anschließend die Schaltzentrale in die Figur gepflanzt. Dann kann sie per Bewegungsmelder oder Knopfdruck funktionieren. So gibt es das „Froschkonzert“, bei dem jeder Frosch per Tastendruck einen Ton von sich gibt und auch alle zusammen „singen“ können.

Danach kommt die nun fast vollständige Figur in die Malerei und Näherei; dort bekommt sie zum Beispiel blonde Haare, eine rote Jacke, einen braunen Hut und blaue Augen. Nun wird sie noch an die Schreinerei weitergereicht, wo passende Möbelstücke wie ein Stuhl oder ein Podest gebaut werden. Ganz zum Schluss wird in der Technikabteilung der Bewegungsablauf programmiert – möglichst lebensecht soll er sein. Wenn nötig wird noch der Ton in die Figur eingebaut. Oder es werden Lautsprecher, die hinter der Anlage stehen, installiert.

Die Mitarbeiter brauchen 30 bis 100 Stunden – ungefähr sechs Wochen – bis zur Fertigstellung einer Figur. Eine kleine nicht bewegliche Figur kostet rund 1000 Euro, eine sprechende etwa 12000 Euro. Die größten Modelle werden für rund eine halbe Million Euro verkauft. Eine der höchsten Puppen war eine 19 Meter hohe Gulliverfigur. Der spanische Warenhauskonzern El Corte Inglés hatte zur Weihnachtszeit das Märchen Gulliver vor seinem Haupthaus in Madrid installiert. Gulliver saß auf einem Sockel, und die Kunden gingen durch dessen Beine in das Kaufhaus. Eine noch größere Figur mit einer Höhe von 20 Metern ist eine King-Kong-Nachbildung, die an einer Achterbahn auf dem Münchner Oktoberfest zu finden ist.

Hofmann erwirtschaftet im Jahr einen Umsatz von rund 2 Millionen Euro. Im Durchschnitt werden jährlich 200 Figuren produziert. Der Familienbetrieb ist nach Aussage des Geschäftsführers Marktführer in Europa mit einem Marktanteil von rund 60 Prozent. Kunden gibt es rund um den Globus. So fliegt man, um Koalabärfiguren zu warten, schon mal nach Australien. Der Export hat am Jahresumsatz einen Anteil zwischen 40 und 60 Prozent.

Der Kundenkreis habe sich im Laufe der Jahre geändert, wie Geschäftsführer Reinhard Hofmann erklärt: „Früher waren kleine Einzelhandelsgeschäfte unsere Kunden mit einer kleinen Figur im Schaufenster. Später haben die großen Warenhausketten komplette Schaufensterfronten zur Weihnachtszeit mit beweglichen Attraktionen dekoriert, was ein Riesenerfolg war.“ Inzwischen gebe es viele neue Kunden, zum Beispiel Schausteller, Freizeitparks, Markenfirmen, Erlebnisgastronomen, Museen, Schwimmbäder und Schulungszentren der Feuerwehr. „Sogar Privatpersonen finden Gefallen an solchen Erzeugnissen.“ Mittlerweile fertige man auch Spezialeffekte mit Feuer, Wasser, Licht und Sound und auch Belustigungsanlagen wie drehende Trommeln, durch die Gäste laufen müssen, oder Effektböden, um ein Erdbeben zu simulieren.

Ein guter Kunde ist ein Zahnarzt, der schon mehrere bewegliche Geisterfiguren wie ein klavierspielendes Skelett, Krähen, Fledermäuse und Geisterköpfe mit Leuchtaugen bestellt hat. Diese setzt er auf seiner großen Halloween-Party und an Kindergeburtstagen ein. Regelmäßige Kunden kommen aus der Lebensmittelbranche wie Haribo, Milka und Nestlé. Der Verkaufsschlager, zu einem Preis von je 10000 Euro, ist die lilagefleckte Milka-Kuh, die das Unternehmen schon mehr als 250 Mal produziert und verkauft hat. Am meisten gefragt sind besonders realistisch aussehende Figuren und Tiere und interaktive Anlagen. Im Trend liegen auch aufwendig gestaltete Märchenfiguren. Stolz ist man auf die Beständigkeit der Figuren und verweist auf einen 35 Jahre alten Elefanten in einem Freizeitpark, der immer noch einwandfrei sei. Sarah Steinhart vom Europa-Park in Rust ergänzt: „Die Figuren sind schon länger auf dem Gelände als der Europa-Park.“

Das Unternehmen blickt zuversichtlich in die Zukunft. Die Freizeitbranche wachse weiter, Familien unternähmen gerne übers Wochenende Kurzurlaube in solche Parks. Ulrike Müller, die Chefin des Familyparks Neusiedlersee in Österreich, sagt: „Wir haben uns bereits vor etwa zwanzig Jahren entschieden, einige Hofmann-Figuren zu kaufen, zum Beispiel die Vogelhochzeit.“ Dann habe man noch andere Figuren erworben wie die Bärenband, das Kuhmelkspiel, den Klettermann, den Gaukler und die Zänkischen Bauersleut.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Franken lassen die Puppen tanzen
Autor
Marcia Weyhersmüller
Schule
Arnold-Gymnasium , Neustadt bei Coburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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