An Weihnachten schwer zu knabbern haben

Es gibt eine Tradition im Erzgebirge, nach der die Kinder zu jedem Geburtstag einen Nussknacker geschenkt bekommen – jedes Jahr wird er ein Stück größer. „Er soll die harten Nüsse des Lebens knacken“, erzählt Karla Steinbach, Geschäftsführerin der Steinbach GmbH. Das Unternehmen fertigt seit 1883 im Erzgebirge Nussknacker. Es ist bekannt für die Bandbreite seiner Figuren, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Es dominieren längst nicht mehr die klassischen Offiziere und Könige. Steinbach hat sich auf ungewöhnlichere Exemplare spezialisiert.

„Wir sind der größte Hersteller von Nussknackern in Deutschland“, sagt Steinbach. Das Unternehmen produziert ausschließlich für drei Großhändler. Der Absatz beläuft sich in Spitzenzeiten auf rund 100000 Nussknacker im Jahr. Insgesamt gibt es nach Angaben des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller noch 250 kleinere Betriebe mit knapp 2000 Beschäftigten, die diese traditionelle Handwerkskunst unter geschützten Markennamen ausüben.

Den in Marienberg gegründeten Familienbetrieb führt Karla Steinbach gemeinsam mit ihrer Tochter Karolin in sechster und siebter Generation. Zu Beginn wurde im Erzgebirge, der Urheimat aller Holznussknacker, gefertigt, nach dem Krieg dann in Hohenhameln in Niedersachsen. Nach der Wiedervereinigung wurde ein zweites Werk in Marienberg im Erzgebirge eröffnet.

Als Christian Steinbach, der Vater von Karla Steinbach, 1947 zur ersten Industriemesse in Hannover als Aussteller anreiste, wurde er von einem amerikanischen Importeur angesprochen, mit dem er schnell handelseinig wurde. Dieser erste Großabnehmer ist dem Familienunternehmen bis heute treu geblieben. Um seine Nussknacker interessant für den amerikanischen Markt zu machen, begann Steinbach, ihnen ausdrucksstarke Gesichter zu verpassen, was bei den Amerikanern gut ankam. Heute verkauft das Unternehmen seine Produkte vor allem in Amerika; dort erwirtschaftet es 80 Prozent seines Umsatzes.

In der Wirtschafts- und Finanzkrise war das freilich ein Problem. Der Absatz in Amerika brach ein, von den vorher konstant gehaltenen 6 Millionen Euro fiel der Jahresumsatz in den vergangenen drei Jahren auf 3 Millionen Euro. Dennoch wurde niemand entlassen. Das habe auch damit zu tun, dass man schwer qualifiziertes Personal finde, sagt Karla Steinbach. Schließlich sei jeder Mitarbeiter ein Künstler. „Außerdem würden Entlassungen für eine schlechte Stimmung in der Firma sorgen, was dazu führte, dass die Nussknacker schief gucken“, scherzt sie. Durch die schwierige Zeit hilft allerdings auch eine Bürgschaft des Landes Niedersachsen. 130 Mitarbeiter arbeiten bei Steinbach, 80 Prozent sind Frauen.

Christian Steinbach bemühte sich, als er den amerikanischen Markt erschloss, sehr um den Kontakt zu Sammlern und Käufern. Er besuchte die Geschäfte, in denen die Nussknacker vertrieben wurden, und signierte Bücher, in denen das Prinzip und die Tradition der Nussknacker erläutert wurden. Die Tradition der „Signing Tours“ pflegt das Unternehmen bis heute. Jeden Herbst fliegen Karla und Karolin Steinbach nach Amerika. Sie besuchen Läden in unterschiedlichen Städten, signieren und unterhalten sich mit Fans. Sie stoßen auf so viel Resonanz, dass ihre Besuche im Radio und im Fernsehen beworben werden und sie viele Interviews geben. Zu den treuesten Sammlern halten sie Brief- oder E-Mail-Kontakt.

Das Unternehmen hat mehr als 600 Holzfiguren entwickelt. Sie bestehen aus bis zu 150 Teilen und durchlaufen in sechs Wochen mehrere Fertigungsbereiche. Die Produktpalette reicht von den klassischen Figuren des Königs und seiner Gardeoffiziere über Robin Hood und Mickymaus bis hin zum Harley-Davidson-Fahrer. „Wir können uns gegen billige Kopien und Plagiate, vor allem aus China, nur mit Qualität in der individuellen Gestaltung und in der Fertigung, mit Kreativität und einer Markenstrategie behaupten“, erläutert Steinbach.

Weil die Figuren unter Sammlern in Amerika inzwischen Kult sind, bringt Steinbach auch Nussknacker in limitierter Auflage heraus. Meistens werden Serien gefertigt, zum Beispiel von amerikanischen Präsidenten, Bürgerkriegsgenerälen und bekannten Figuren aus Hollywood-Filmen wie „Star Wars“. Nicht  zuletzt durch diese Marketingstrategie gibt es in Amerika mehrere tausend Nussknackersammler, die sich zum Teil in Clubs organisieren. Einer dieser Fanclubs hat sogar 1500 Mitglieder. Für rare Sammlerstücke werden hohe Preise gezahlt, zum Beispiel 10000 Dollar für  ein Präsidenten-Dreierpack.

Beim  Verkauf der beiden teuersten Einzelfiguren, einem  Känguru für 6500 Dollar und dem Zauberer Merlin für 5000 Dollar, war Karla Steinbach sogar persönlich dabei. Allerdings verdient das Unternehmen an den Auktionen nichts. Ihm bleibt nur der  übliche Handelspreis, der je nach Exemplar zwischen 50 und 550 Euro liegt. Der Zukunft sieht Karla Steinbach nach der Wirtschaftskrise wieder zuversichtlich ent gegen. Die Nachfrage erhole sich  wieder.

Informationen zum Beitrag

Titel
An Weihnachten schwer zu knabbern haben
Autor
Tim Niklas Wachtendorf
Schule
Oberschule Rockwinkel , Bremen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance