Was ist rot und kommt aus Bremen?

Ketchup

Ein kleiner Familienbetrieb stellte vor fast achtzig Jahren den ersten deutschen Tomatenketchup her. Inzwischen hat Zeisner sogar in den Vereinigten Staaten eine Marktnische gefunden.

Der Trend geht immer mehr zur Schärfe“, sagt Thomas Zeisner, Geschäftsführer der Zeisner Feinkost GmbH & Co. KG. Dies falle ihm auf, wenn Kindergruppen die Produktionsstätte für Würzsoßen in Grasberg in der Nähe von Bremen besuchten: „Früher haben etwa 95 Prozent der Kinder Tomatenketchup gegessen. Heute sind es nur noch rund 70 Prozent. Der Rest isst schon Curryketchup.“ Zeisner muss es wissen. Schließlich ist sein Unternehmen der älteste Ketchupproduzent Deutschlands. Sein Großvater mischte 1937 den ersten deutschen Tomatenketchup.

Das Unternehmen ist in Familienhand geblieben und wird nun von Thomas Zeisner und seinem Vater Günther Zeisner geführt. Seinen Anfang nahm es im Jahr 1902. Damals begann der Bremer Kaufmann Waldemar Zeisner, Worcestersoße aus England zu importieren und in Norddeutschland zu verkaufen. Nach einiger Zeit stellte er mit seiner Frau die Feinkostsoßen selbst her. Heute werden jeden Tag im Grasberger Werk von 7 bis 21 Uhr etwa 55000 Flaschen Würzsoßen produziert, vor allem Tomatenketchup, Curryketchup und Schaschliksoße – und auch die Worcestersoße, mit der alles begann. Ein großer Teil der Produkte wird in die Benelux-Staaten exportiert, aber auch Italien, die Vereinigten Staaten und Teile von Osteuropa werden beliefert. In Belgien, das als Herkunftsland der Pommes frites gilt, hat Zeisner sogar einen Marktanteil von rund 25 Prozent.

Stolz ist der Würzsoßenhersteller auch auf den Export nach Amerika. „Der erste Exportauftrag in die Vereinigten Staaten 1992 war etwas ganz Besonderes. Damals wurden noch mit der Hilfe von Nachbarskindern 20000 Flachen Ketchup per Hand etikettiert“, erinnert sich Thomas Zeisner. Aber warum wird ausgerechnet nach Amerika exportiert? Regiert dort nicht die Marke Heinz den Markt? „Natürlich, unser Marktanteil in den Vereinigten Staaten ist minimal“, räumt der Geschäftsführer ein. Dass dort trotzdem Ketchup abgesetzt wird, erklärt Zeisner so: In den Vereinigten Staaten gebe es zwei Geschmackspole, Tomatenketchup und eine sehr scharfe Barbecuesoße. Dazwischen sei ein wenig Freiraum. Mit seinem Curryketchup, der eine dosierte Schärfe habe, sei Zeisner in eine kleine Marktlücke vorgestoßen.

Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von rund 10 Millionen Euro. Diese Zahl ist seit einigen Jahren konstant. Einen starken Erlösanstieg konnte das Unternehmen in den sechziger Jahren verzeichnen. Durch die rasche Entwicklung der Schnellimbisse stieg damals auch die Nachfrage nach Ketchup. Mit seinen großen Konkurrenten kann das mit 25 Mitarbeitern vergleichsweise kleine Unternehmen wirtschaftlich nicht mithalten. Das entspricht aber auch nicht Zeisners Zielen. Während die Würzsoßen der Hersteller Heinz, Kraft und Hela, deren Umsätze im hohen Millionen- oder sogar im Milliardenbereich liegen, in ganz Deutschland im Regal stehen, konzentriert sich Zeisner vor allem auf den nordwestdeutschen Raum und profitiert nach eigenen Angaben von dem Trend zu regionalen Produkten. Ketchup von Zeisner kostet ungefähr das Gleiche wie der von Hela oder Kraft, nämlich knapp 4 Euro je Liter.

In Sachen Geschmack gebe es ein Nord-Süd-Gefälle, erzählt Zeisner. Im Norden werde eher der süßere Ketchup nachgefragt, im Süden der saurere. Seinen eigenen Ketchup bezeichnet Zeisner als fruchtig-süß, während er den Ketchup von Heinz eher als fruchtig-sauer einstuft. Auch sei das Empfinden von Schärfe in verschiedenen Ländern unterschiedlich, erklärt Zeisner. „Die Deutschen empfinden unsere Barbecuesoße als sehr scharf, die Belgier finden sie lecker, und in den Vereinigten Staaten würde sie als Babykost bezeichnet werden.“

Das Dasein als Familienunternehmen empfindet der Unternehmer als Vorteil und Nachteil zugleich. In einem kleineren Unternehmen könne man als Geschäftsführer überall schnell vor Ort sein, falls es Probleme gebe. Einen Nachteil sieht Zeisner darin, dass wirtschaftliche Ereignisse, wie der Preisanstieg der wichtigen Zutat Zucker vor zwei Jahren von fast 50 Prozent, von einem kleinen Unternehmen nicht ohne weiteres kompensiert werden können. Eine Preiserhöhung des Endproduktes sei dann oft die einzige Möglichkeit, wenn man Zucker nicht durch Süßstoff oder Geschmacksverstärker ersetzen wolle. Denn: „Der Geschmack steht über allem“, sagt Zeisner. Deswegen reagiert das Unternehmen auch auf den Trend zur Schärfe: In diesem Monat soll das neue Produkt „Curry Hot!“ auf den Markt kommen.

In einer Sache hat Zeisner schon ein gutes Näschen bewiesen: Die Lebenseinstellung „Das Leben ist wie eine Ketchupflasche: Erst kommt nichts und dann alles auf einmal“ ist auf Zeisners Ketchupflaschen nicht übertragbar. Die Flaschen besitzen einen Mengendosierer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Was ist rot und kommt aus Bremen?
Autor
Cedric Philipp
Schule
Oberschule Rockwinkel , Bremen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance