Recycling fängt am Kleinen an

Rund 30 Milliarden Euro setzt der deutsche Einzelhandel mit Waren um, die im Internet bestellt werden. Vor allem Bekleidung kaufen die Deutschen gerne online, auch für Babys und Kinder. Auf diese Entwicklung setzt die 2012 gegründete Münchner Kindsstoff GmbH. „Wir geben Kinderbekleidung ein zweites Leben“, sagt Sebastian Schmöger, Geschäftsführer und Mitbegründer von Kindsstoff. Die Idee für ihr ungewöhnliches Konzept kam Schmöger und seinen Studienkollegen Alexander Reichhuber und Robert Rebholz während einer Projektarbeit zum Thema ökologische Mode. Sie wollten in Deutschland biozertifizierte Kindermode herstellen und die nicht mehr benötigte Kleidung in den Ressourcenkreislauf zurückführen. Zunächst war es jedoch schwierig, Kapitalgeber zu finden. Doch waren schließlich einige private Investoren bereit, eine sechsstellige Summe zu geben.

Die Kleidungsstücke werden nach dem Global Organic Textile Standard (GOTS) hergestellt. Er stellt sicher, dass sie frei von gesundheitsschädlichen Substanzen sind und sozial korrekt gefertigt wurden. Nur Textilprodukte, die zu mindestens 70Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen, können gemäß GOTS zertifiziert werden.

Die Produktionsstätten von Kindsstoff befinden sich auf der Schwäbischen Alb, die Motive werden in Franken gedruckt. Die Kleidung für Neugeborene und Kinder bis zu etwa sieben Jahren wird in Lohnproduktion gefertigt. Dann wird sie ohne Zwischenhändler im Internet vertrieben. „Wenn ein T-Shirt zum Beispiel 4Euro in der Herstellung kostet, wird im Handel das Sechsfache, also 24 Euro, verlangt. Bei uns kostet dasselbe Shirt 12Euro, da wir die Handelsmarge einsparen“, rechnet Schmöger vor.

Der zweite Baustein, der das Konzept von Kindsstoff ausmacht, ist der Re-Commerce, der Handel mit gebrauchten Waren im Internet. Das Unternehmen hat ein rabattorientiertes Re-Commerce-Prinzip entwickelt. Weil Kinder wie Unkraut wachsen, tragen sie vor allem in den ersten Lebensjahren Kleidungsstücke nicht auf. Hier setzt Kindsstoff an: Die im Internet bestellte Kleidung kann kostenlos zurückgeschickt werden, wenn sie zu klein ist, und man erhält beim nächsten Einkauf einen Rabatt. „Der Rabatt beträgt generell 20 Prozent auf den nächsten Einkauf für die zurückgesandte Ware; der Zustand spielt dabei keine Rolle“, erklärt Schmöger.

„Früher habe ich die Babybekleidung selbst über Secondhand-Märkte zum Verkauf angeboten. Die Idee von Kindsstoff zur Rücknahme der Bekleidung finde ich gut, da einem die Arbeit des Wiederverkaufs abgenommen wird“, sagt Ingrid Döbler, Mutter von drei Jungen. Carina Konrad, Mutter von Zwillingen, ergänzt: „Ich hoffe, dass die Ware durch häufiges Waschen schadstoffärmer als Neuware ist.“ Jeder dritte zurückgesendete Artikel, der in neuwertigem Zustand ist, werde an den SOS-Kinderdorf e.V. gespendet, sagt Schmöger. Die übrigen gut erhaltenen Kleidungsstücke werden im Online-Shop verkauft. „Es geht uns darum zu zeigen, dass es möglich ist, den Kauf von Produkten nicht in einer Einbahnstraße enden zu lassen, sondern in einem Kreislauf fortzuführen, der sich sowohl ökologisch als auch sozial auszahlt und für alle Beteiligten von Vorteil ist“, erklärt Schmöger.

Produkte, die nicht mehr getragen werden können, werden wiederverwertet, zum Beispiel in Dämmmaterialien. Schmöger deutet freilich an, dass das Rücksenden gebrauchter Kleidung noch etwas schleppend verläuft: „Es dauert sicherlich noch, bis es von allen Kunden angenommen wird.“ Die bisherige Secondhandware, die vor dem Wiederverkauf professionell gereinigt wird, verkaufe sich aber genauso gut wie Neuware. Für das Jahr 2013 planten die Existenzgründer mit einem Umsatz von rund 2 Millionen Euro. „Das gesteckte Ziel wird aber nicht ganz erreicht“, sagt Schmöger.

Bei Kindsstoff arbeiten sechs festangestellte Mitarbeiter und je nach Bedarf 15 bis 20 Aushilfen. Die Zahl der Pakete, die täglich in die Post gehen, ist zwei- bis dreistellig. Die meisten gehen an deutsche Adressen, manche werden in die Schweiz, nach Österreich, Frankreich oder England geliefert. Die Kollektion wird in der Regel von eigenen Designern entworfen. Die Preise für neue Ware reichen von 6,50 Euro für einen Babybody bis hin zu knapp 20 Euro für ein Kleidchen. „Der Trend geht zu knalligen Farben, bei Jungen zum Beispiel zu einem kräftigen Blau. Bei den Mädchen ist zur Zeit Pink sehr angesagt. Weiße Artikel verkaufen sich online jedoch nicht so gut, da die Präsentation dieser Farbe am Bildschirm eher untergeht“, erklärt Designchefin Daniela Kittmann.

Das Logo von Kindsstoff ist „Eddy der Teddy“. Bei der Ideensammlung für ein Logo sei man auf diesen kleinen Freund gestoßen und habe ihn noch ein bisschen kindsstoffgerecht bearbeitet – mit Flicken im Ohr. „Der ist süß und kindgerecht, aber mit dem Flicken trotzdem ein ganz klein wenig rebellisch“, sagt Schmöger.

Informationen zum Beitrag

Titel
Recycling fängt am Kleinen an
Autor
Veronika Erika Ayerle
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance