Narren sind aus anderem Holz geschnitzt

Teufel, Narren und Hexen prägen das Bild der schwäbisch-alemannischen Fasnacht, die auch Fasnet genannt wird. Besonders charakteristisch sind die Masken, die man als Larven oder Schemen bezeichnet. Die Verkleidung (Häs) wird von ihren Trägern jedes Jahr beibehalten und teilweise von Generation zu Generation vererbt. Die Holzmasken sind sehr robust und individuell. Traditionell werden sie in Handarbeit geschnitzt. Diese Kunst beherrschen aber nur noch wenige Schnitzer in Süddeutschland.

Einer davon ist Simon Stiegeler von der Holzschnitzerei Stiegeler in Grafenhausen im Schwarzwald. In seinem Betrieb werden nach eigenen Angaben für mehr als 120 Gruppen im süddeutschen Raum Fasnachtsmasken gefertigt. 2010 wurden die Masken von Stiegeler im mit Gold prämierten deutschen Pavillon auf der Weltausstellung Expo in Schanghai ausgestellt. Besonders begehrt sind Teufelsmasken, aber auch Hexen- und Narrenlarven gehören zum Repertoire. „Speziell für die Entwicklung neuer Modelle für Gruppen sind wir gefragt“, sagt Stiegeler. „Im Moment experimentieren wir an einer neuartigen Maske, die die Ästhetik des Steampunk, einer Art des Retro-Futurismus, mit der klassischen Holzmaske verbinden soll.“ So entstanden in den vergangenen fünf Jahren mehr als 35 neue Entwürfe für Gruppen. Zum Beispiel für die „Inselwächter Lindau Bodensee“, deren Historie auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgeht. Sie entschieden sich für Stiegeler, weil er Masken mit großem Wiedererkennungswert entwerfe, die Tradition und Gegenwart verbänden, wie Achim Jaeger, der Vorsitzende der Inselwächter, erklärt.

1965 gründete Adalbert Stiegeler die Schnitzerei. Sein Sohn Simon übernahm 1995 zusammen mit seiner Mutter den Betrieb. Die Kunst der Holzbildhauerei erlernte er in einer vierjährigen Ausbildung im Lechtal in Österreich. Anschließend absolvierte er ein vierjähriges Kunststudium in Freiburg. Seit gut zehn Jahren arbeitet auch seine Frau in dem Betrieb. Außer Masken werden auch Kreuze, Krippen, Grabmäler, moderne Skulpturen und Familienwappen gefertigt. Kunden können sich sogar ihr eigenes Porträt schnitzen lassen. Von den Masken werden rund 200 im Jahr hergestellt, mehr als doppelt so viele wie in den Anfangsjahren.

Auch Holzbildhauer Erich Holzer aus Titisee stellt Holzmasken her, und das seit etwa dreißig Jahren. „Im süddeutschen Raum gibt es rund 15 Holzschnitzer“, erklärt Holzer. Von starker Konkurrenz will er nicht sprechen. „Für mich ist es völlig uninteressant, wer die meisten Masken produziert oder die meisten Cliquen beliefert, mir kommt es vor allem auf die Passgenauigkeit, den Ausdruck der Mimik und die Qualität der Maske an.“ Stiegeler ergänzt: „Da Holzbetriebe meistens Ein- bis Zweimannbetriebe sind, grenzen sie sich durch Individualität, Mut zu Neuem und Qualität und Service ab.“ Außerdem gebe es kaum Nachwuchs auf dem Gebiet der Maskenschnitzer. „Jedoch gibt es durch das Internet viele Alternativen, die auch zwischen den Zünften ausgetauscht werden“, sagt Jaeger von den Inselwächtern. So produziert die Maskenmanufaktur Pfaff aus Schonach auch Kunststoffmasken.

Für die Herstellung der Holzmasken verwendet Stiegeler Lindenholz. Es wird frisch gekauft, dann gesägt und fünf bis acht Jahre an der Luft getrocknet. Nach einer groben Bearbeitung mit der Fräse werden in zehn- bis zwölfstündiger Handarbeit die Gesichter detailliert ausgearbeitet. Dafür werden zuerst die Gesichtszüge nach einem Plastilinmodell auf den verleimten Holzblock gezeichnet. Danach werden die groben Züge in den Holzblock geschlagen. Nach und nach weichen dann die grob behauenen Elemente feinen, ausgearbeiteten Konturen. Nun werden die detaillierten Gesichtszüge geschnitzt, und die Maske wird ausgehöhlt. Abschließend wird sie mit Farbe und Pinsel veredelt und mit einer hochwertigen Lackierung überzogen, die eine lange Lebensdauer bei Wind und Wetter garantiert.

Die „Wasserfall-Dämonen“ aus dem badischen Warmbach schätzen die handgeschnitzte Qualität der Masken. „Jede für sich ist ein kleines Meisterwerk“, sagt der erste Vorsitzende Martin Knauer. Bei Unikaten kann sich der Arbeitsaufwand auf bis zu 35 Stunden summieren. Sie sind ab 450 Euro zu haben. Die Preise der Serienmasken liegen zwischen 250 und 350 Euro. Der Umsatzanteil der Holzmasken beträgt bei Stiegeler etwa 55 Prozent. Moderne Skulpturen, die auch in internationalen Ausstellungen präsentiert werden, machen 20 Prozent des Umsatzes aus. Nach Angaben des Geschäftsführers prägen „mindestens 6000 handgeschnitzte Masken von Stiegeler die Fasnacht des süddeutschen Raums“.

Die Teilnehmer der Fasnet grenzen sich bewusst vom rheinischen Karneval ab, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder vom Bildungsbürgertum ausgerichtet wurde. Die kleinbürgerlichen und bäuerlichen Kreise im schwäbisch-alemannischen Raum fühlten sich bevormundet und besannen sich auf alte Traditionen. Dass die Basler und manche ländliche Gemeinde ihre „alte Fasnacht“ sechs Tage später feiern, liegt daran, dass sie die Konzilsbeschlüsse von Benevent aus dem Jahr 1091 nicht anerkennen. Damals wurde die Fastenzeit um sechs Tage vorverlegt, weil die Sonntage aus der vierzigtägigen Fastenzeit ausgeklammert wurden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Narren sind aus anderem Holz geschnitzt
Autor
Julian Frings
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Grenzach-Wyhlen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance