Wie man Einkünfte herbeizaubert

Der Saal wird dunkel. Gebannt richten sich viele Augenpaare auf die Bühne. Es ertönt ein leises Geräusch, dann ein Knall – und ein schmunzelnder Mann im schicken Anzug erscheint inmitten des Publikums. Langsam präsentiert er eine rote Rose in den Händen, die kurz zuvor noch leer waren. Tosender Applaus. Der Mann ist Zauberer. In seinem Beruf geht es darum, das Verlangen der Menschen nach dem Unbegreiflichen zu stillen. „Die Möglichkeit, keine Erklärung für ein Wunder zu haben, ermöglicht einem, wieder zu träumen und in eine Welt der Phantasie zurückkehren zu können“, erklärt Felix Gauger, Zauberkünstler aus der Nähe von Karlsruhe. Diese Fähigkeit sei durch die Schnelllebigkeit der heutigen Welt schon fast verlorengegangen, glaubt er.

Mit sechs Jahren hielt Gauger zum ersten Mal einen Zauberkasten in den Händen, mittlerweile tritt er überwiegend für Unternehmen auf. Auf Kreuzfahrtschiffen ist er schon um die Welt gereist. Mit seinem jährlichen Umsatz von 35000 bis 50000 Euro ist der gelernte Wirtschaftsingenieur zufrieden: „Ich bin Herr über mein Leben und entscheide selbst, welche Arbeitsbelastung ich möchte.“

Dass die Zauberei nicht nur ein magisches, sondern auch auskömmliches Geschäft sein kann, zeigt das Beispiel von Christian Jedinat aus Rösrath in der Nähe von Köln, der die „Akademie der Zauberkunst“ leitet und einen Zauberladen betreibt. So erzielt er einen Umsatz von ungefähr 250000 Euro im Jahr. Zwei Drittel seiner Einnahmen stammen aus Schulungen, sagt er. Zum Beispiel aus fünfstündigen Einsteiger-Zauberkursen für 149 Euro und aus Wochenendworkshops, die 465 Euro kosten. Zauberstäbe verkauft Jedinat für 14,50 Euro das Stück.

„Als ich mit der Zauberei anfing, erachtete ich die Qualität der Zauberartikel oft als ungenügend. So lag es für mich nahe, eigene Produkte auf den Markt zu bringen und diese dann auch weltweit zu vertreiben. Im Laufe der Zeit ist das Sortiment dann gewachsen“, erzählt Jedinat, der auch schon im Fernsehen in Tim Mälzers früherer Kochsendung „Schmeckt nicht gibt’s nicht“ aufgetreten ist. Eigenkreationen sind zum Beispiel das Becherspiel für 175 Euro, die Taschenwesten für 99 Euro und Rieseneuros für 25 Euro. Für Letztere hat Jedinat die Matrize selbst hergestellt, bevor eine Aluminiumgießerei seine Wünsche verwirklichte. Jedinat hat auch schon mal Spezialkarten für eine Fernsehproduktion entwickelt, die dann für den Werbespot eines Mobilfunkanbieters verwendet wurden. „Meine Kunden stammen aus allen Altersgruppen und Berufen. In erster Linie sind es Männer“, erzählt er.

Der Zauberkoffer für 69 Euro werde bisher am meisten nachgefragt, berichtet der Künstler. „Der Trend geht zur ,Close-up-Zauberei‘ und weg von alten, überholten Requisiten wie Federblumen und anderen stereotypischen Produkten“, erklärt Jedinat. Bei der Close-up-Zauberei führt der Künstler seine Kunststücke mitten unter den Zuschauern auf. Dadurch wird das Schummeln schwieriger. Requisiten sind dann typischerweise Karten und Münzen.

Die genaue Zahl der berufstätigen Zauberer ist nicht bekannt. Der Magische Zirkel von Deutschland gibt an, dass von mehr als 2900 Mitgliedern etwa 250 Profizauberer sind, von denen 60 bis 80 Personen ihre Leidenschaft hauptberuflich ausleben.

Zauberer werden auch öfters von größeren Unternehmen gebucht. Diese sind nach Angaben der Künstleragentur Wiesel Events in Laubach bereit, für den Auftritt eines erfahrenen Künstlers in einer halbstündigen Show 800 bis 1400 Euro zu zahlen. „Unternehmen legen Wert auf stilvolle Unterhaltung. Nicht jeden Künstler kann man auch auf Kunden loslassen“, sagt Gauger. „Natürlich darf man auch mal einen Gag unter der Gürtellinie bringen, denn schließlich soll ja auch gelacht werden.“

Auch im Zaubergewerbe gibt es Trends. Zurzeit sind neben Close-up-Zauberei Mentalmagier und Hypnoseshows in Mode. In Zeiten des Internets verliert das Zaubern jedoch etwas von seinem Zauber. Mit nur wenigen Klicks kann man auf Plattformen wie Youtube der Auflösung von Tricks zusehen. Jedinat sieht diese Entwicklung aber gelassen. Schließlich springe bei einem Liveauftritt eine große Faszination auf den Zuschauer über. „Wir leben heute in einer Zeit, in der es schon viele Antworten gibt, und in der Zauberei will man diese einfach mal nicht wissen.“

Gauger sieht ein anderes Problem: „Es gibt sehr viele Hobbykünstler, die sich gerne Zauberer nennen, obwohl sie nur einen Zauberkasten besitzen und einmal in einem Laden für Magier in Las Vegas einen Effekt für 20 Dollar gekauft haben.“ Das sei schade, denn die Zauberei sei eine Kunst und bedeute weit mehr als das banale Vorführen von Trickgeräten. „Die hohe Kunst der Unterhaltung, des Umgangs mit dem Publikum und der Dramaturgie sind nur einige Faktoren, die beachtet werden müssen“, erklärt Gauger. Wenn nur eine Person in einer Zaubershow für eine halbe Stunde ihre Sorgen vergesse, sei der Nutzen der Unterhaltung doch mindestens so groß wie die Wertschöpfung eines Unternehmensberaters, der einem Unternehmen zu einer günstigeren Produktion verhelfe.

Für die Zukunft des Zaubereigewerbes ist Gauger zuversichtlich. Zauberer habe es schon immer gegeben, früher waren es Hofnarren, Gaukler und andere Abwandlungen des Zauberers. „Da immer gelacht und gestaunt werden wird, sind Chancen und Perspektiven auch in ferner Zukunft gegeben.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man Einkünfte herbeizaubert
Autor
Sonali Beher
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance