Die perfekte Dauerwelle

Welle

Wellenreiten auf einem See? Das soll bald auch in Hamburg und Berlin möglich sein. Die Idee hat ein Unternehmen aus dem Baskenland.

Man stelle sich vor, man ist in der idyllischen Landschaft des Baskenlandes an einem See – und sieht plötzlich einen Surfer. Ist das nicht genauso unsinnig wie Skifahren in Holland? Das Wasser beginnt sich zu kräuseln und aus dem See erhebt sich wie von Geisterhand eine perfekte, fast zwei Meter hohe Wellenwand. Der Surfer gleitet elegant die grüne Welle entlang. Im Hintergrund hört man die Brandung. Die Welle läuft immer weiter, bis sie vor dem Ufer bricht. Das alles ist keine Illusion, sondern ein neuer Trend in der Surfbranche: der Wellengarten.

Mit mehr als 35 Millionen Surfern auf der Welt ist das Wellenreiten eine beliebte Sportart – und es bekommt immer mehr Anhänger. Ob in Spielfilmen, Fernsehserien oder der Bekleidungsindustrie mit Marken wie Quiksilver, Hollister und Billabong – Surfen ist ein Trendsport. Nun kommt der Wavegarden hinzu, der das Wellenreiten in küstenfernen Gebieten und Ländern ermöglicht. Dahinter steht die Instant Sport S.L. aus der baskischen Küstenstadt San Sebastián, die nach eigenen Angaben die längste künstliche Welle zum Surfen entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Das Unternehmen beschäftigt 15 Mitarbeiter, darunter 11 Ingenieure, allesamt passionierte Surfer.

Im Jahr 2003 hatten der geschäftsführende Ingenieur Josema Odriozola und die deutsche Sportökonomin Karin Frisch die Idee, ihre Arbeit, das Entwerfen von Sportanlagen, mit ihrer Leidenschaft, dem Wellenreiten, zu verbinden. 2005 begannen sie, eine möglichst authentische Meereswelle für Surfer aller Könnerstufen zu entwickeln. Nach sechs Jahren Forschung und Entwicklung und einer Investition von 7 Millionen Euro, die die baskische Provinz Gipuzkoa mitfinanzierte, konnten sie das Patent Wavegarden anmelden. Die Technik beruht auf einem hydrodynamischen Wellengenerator, der auf einer am Boden eines Sees angebrachten Schiene Wassermassen hin und her bewegt. Er ist unter einem Steg verborgen, damit die Sicherheit der Sportler nicht gefährdet wird. Wenn sich der Generator bewegt, entstehen rechts und links des Stegs synchron zwei Wellen.

„In den meisten Fällen ist es viel rentabler, einen künstlich angelegten See zu nutzen als einen bereits bestehenden“, erläutert Felip Verger, Kommunikationsdirektor des Unternehmens. Katrin Evers, Sprecherin des Naturschutzbundes BUND, sagt: „Ein Wellengenerator in einem natürlichen See ist aus Sicht des Naturschutzes abzulehnen. Denn die Lebensräume unter Wasser würden durch die Wasser- und Sedimentbewegung sowie die veränderten Licht- und Temperaturverhältnisse zu stark beeinflusst.“

Im tieferen Bereich des künstlich angelegten Sees seien die Wellen zwischen 1,6 und 1,9 Meter hoch, berichtet Verger. Rein technisch gibt es aber keine Grenzen. Durch Programmierung können die Wellen in Form und Größe variiert werden. Da jeder See so aufgebaut sei, dass sich an beiden Enden ein abgeflachter Buchtbereich befinde, kämen dort nur noch sogenannte Schaumwalzen an. So könnten auch Anfänger den Sport ohne Risiko erlernen. Der Brasilianer Gabriel Medina, der zu den besten Wellenreitern der Welt gehört, sagt über den Wavegarden: „Das ist Spaß für jedermann. Wer noch nicht surft, kann es hier lernen.“

Nach Verger haben sich 2013 zwölf Projektpartner finanziell verpflichtet, die Geschäftsidee der perfekten Dauerwelle zu realisieren. An der Spitze stehen die Vereinigten Staaten und Australien mit zusammen neun Vorhaben. In Europa sind es sieben, in Südamerika und dem Mittleren Osten ist jeweils ein Wavegarden vorgesehen. „In Deutschland sind Projekte in Hamburg und Berlin geplant“, sagt Verger. Für den geplanten Wavegarden in Nordwales haben die Erdarbeiten im Februar begonnen. Die Baukosten für die 300 Meter lange Lagune, den dazugehörigen Campingplatz und einige Nebengebäude belaufen sich auf 9,3 Millionen Euro. 100 Arbeitsplätze sollen während der Bauzeit entstehen.

Wirkliche Konkurrenz gebe es bisher nicht, sagt Verger: „Wavegarden ist derzeit die einzige geprüfte Technik, die Wellen erzeugen kann, die mit dem vergleichbar sind, was ein Surfer für eine gute Welle im Meer hält.“ Doch suchen sowohl der elfmalige Surfweltmeister Kelly Slater als auch der Surfboardhersteller Greg Webber nach einem realisierbaren Konzept.

Wavegarden setzt auf Franchising. „Es ist mit einem Skigebiet zu vergleichen. Wir sind das Schneemaschinen-Unternehmen, das die Schneekanonen herstellt und installiert. Es bleibt dem Kunden überlassen, wie er das Skigebiet führt“, erklärt Verger. Je nach Anlage beliefen sich die Investitionskosten auf 3 bis 6 Millionen Euro. Ein Projekt amortisiere sich in knapp vier Jahren. Instant Sport kann sich vorstellen, dass Wellengärten Teile von Ferienresorts, Hotels und Einkaufszentren werden könnten. In einem Wavegarden könnten sich gleichzeitig 50 bis 100 Surfer im Wasser aufhalten.

Leonie Stolz, Pressesprecherin des Snow Dome Bispingen, Betreiber der vergleichbaren Nord-Welle, bescheinigt dem Wavegarden-Konzept gute Aussichten. „Wir betreiben mit Europas größter stehender Welle eine erfolgreiche Anlage und konnten in den letzten Jahren nicht nur Surfern ein ideales Trainingsgelände bieten, sondern auch viele Neulinge für den Sport des Wellenreitens begeistern“, sagt sie. Interessant seien diese Anlagen auch für Wettkämpfe, da für alle die gleichen Bedingungen herrschten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die perfekte Dauerwelle
Autor
Leonie Uliczka
Schule
Mallinckrodt-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance