Sie halten sich und andere über Wasser

In der griechischen Mythologie geleitete der Fährmann Charon die Verstorbenen für eine Geldmünze über den Totenfluss Acheron, damit sie ins Reich des Totengottes Hades gelangen konnten. Für Menschen, die heute eine Fähre benutzen, ist sie ebenfalls ein nützliches Transportmittel. Mehr als 300 Binnenfährschiffe fahren in Deutschland, darunter sind viele Klein- und Kleinstfähren sowie Versorgungsfähren. Nach Angaben des Deutschen Fähr-Verbands gibt es aber nur 150 Fähren von Bedeutung für den Nahverkehr, also regelmäßig betriebene Personen- und Fahrzeugfähren. Die meisten davon fahren auf Rhein und Elbe und in deren Mündungsgebieten, wie der Vorsitzende des Fährverbands, Michael Maul, berichtet. Nach Angaben des Verbands, der rund achtzig Fährschiffer aus ganz Deutschland vertritt, befördern die 150 Fähren 15 bis 20 Millionen Fahrzeuge und 50 bis 80 Millionen Personen im Jahr.

Die älteste und größte Binnenfährverbindung Europas befindet sich am Bodensee. Die Konstanz-Meersburg-Fährverbindung, betrieben von der Stadtwerke Konstanz GmbH, gibt es nach Angaben von Geschäftsbereichsleiter Stefan Ballier schon seit 1928. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg und profitierte danach vom Wirtschaftswunder. Heute fahren sechs Schiffe auf dieser Verbindung. Das kleinste kann 35 Wagen transportieren, die größte und neueste Fähre schafft bis zu 65 Wagen und ist 82 Meter lang. Der Jahresumsatz beträgt 20 Millionen Euro. Er kommt aus dem Verkauf von Tickets, Snacks und Getränken. „Es wird vor allem Kaffee verkauft“, berichtet Ballier. Insgesamt 150 Mitarbeiter sorgten während der Fahrten für die Passagiere.

„Die Fährverbindung ist gut für die Umwelt, da mehr als 80 Millionen Autokilometer durch sie gespart werden“, sagt Ballier. Der Bodensee versorgt einen großen Teil der südwestdeutschen Haushalte mit Wasser, die Fähren fahren also auf Trinkwasser. Deshalb müssen sich die Fährbetreiber um die Sauberkeit der Schiffe kümmern. Es würden Filter benutzt, die 98 Prozent des Rußes filterten, erklärt Ballier. Die dadurch im Jahr gewonnenen 900 Kilogramm Ruß werden als Brennstoff wiederverwertet.

Die nach Angaben ihres Trägervereins kleinste Fähre Deutschlands ist die Fähre Kronsnest auf der Bundeswasserstraße Krückau. Sie soll die einzige handbetriebene Fähre in Schleswig-Holstein sein. Sie kann gerade einmal bis zu sieben Fahrräder und Personen transportieren. Für Autos ist auf dem kleinen Holzboot kein Platz. Früher stellte die Fähre Kronsnest eine wirtschaftlich wichtige Verbindung zwischen zwei Landkreisen dar, heute dient sie nur noch als Touristenattraktion und als Abkürzung für Radfahrer und Wanderer. Kinder zahlen 50 Cent für eine Überfahrt, Erwachsene 1 Euro. Bei gut 7200 Personen, die jährlich die Fähre nutzen, ergibt das mit Sonderfahrten einen Umsatz von 7000 bis 8000 Euro.

Für die Betreiber der Fähre Kronsnest ist der Kraftstoffverbrauch kein Thema, anders als für die Betreiber großer Fähren. Die Kosten für den Kraftstoff sind nach den Personalkosten der zweitgrößte Posten. Um sie so niedrig wie möglich zu halten, wird der Dieselbrennstoff ein bis zwei Jahre im Voraus, so günstig wie möglich, gekauft. Geprüft wird auch, ob man auf Elektromotoren umstellen kann. Nach Angaben von Ballier vom Fährbetrieb auf dem Bodensee ist dies ein schwieriges Unterfangen. Derzeit werden zwei Antriebskonzepte eingesetzt: der dieselmechanische Antrieb, der ganz normal mit Diesel läuft, und der dieselelektrische Antrieb. Bei diesem produzieren die Schiffsmotoren keine mechanische Kraft, sondern Strom. Um den Strom jedoch im Schiff produzieren zu können, wird ebenfalls Kraftstoff benötigt. Fähren, die komplett mit Elektromotoren angetrieben werden, seien derzeit noch nicht realisierbar, weil die Elektrofähren im Vergleich zu Elektroautos viel mehr Kraft brauchten, denn sie müssten Wasser verdrängen, erklärt Ballier.

Außerdem seien noch viele Fragen offen, zum Beispiel wisse man nicht, wie man die Schiffe in der kurzen Zeit, in der sie an Land sind, aufladen solle. Auch seien Elektromotoren schneller entzündbar, schwer und teuer. In Norwegen werden Fähren aber schon probeweise mit einem von Siemens entwickelten Akku-System betrieben. Maul vom Fährverband weist darauf hin, dass Fähren zumindest den Platz haben, um auch schwere Batterien unterzubringen. Er verweist außerdem auf umweltfreundlichere Lösungen im Bereich der konventionellen Antriebsmaschinen wie die Abgasnachbehandlung, die auch vom Staat gefördert werde. Das heißt er gut. Kritisch beurteilt er hingegen verschärfte Sicherheitsbestimmungen. Sie verursachten hohe Kosten und brächten keinen praktischen Nutzen, behauptet er.

Dieter König, Redakteur der Zeitschrift „Fährmann“, sieht große Entwicklungsmöglichkeiten für die Fährschifffahrt. Denn der Betrieb von Fähren sei kostengünstiger als der Bau von Brücken und Tunneln. Schon in den vergangenen zehn Jahren hat er beobachtet, dass neue Fährstellen eröffnet wurden. Die neuen Fähren würden meistens aber nur saisonal und manchmal nur am Wochenende betrieben. „Es findet eine Verschiebung von Alltagfähren zu Freizeitfähren statt“, sagt König. In den Niederlanden habe dieser Trend schon vor zwanzig Jahren eingesetzt. Während die Zahl der Wagenfähren in den vergangenen Jahren konstant geblieben sei, habe die Zahl der Personen- und Fahrradfähren zugenommen.

Für viele sind Fähren mehr als ein reines Transportmittel. Für manche ist das Steuern eines solchen Schiffes sogar ein Hobby. Auch Wilhelm Busch hat sich in seiner Dichtung von Fähren inspirieren lassen: „Der Fährmann lag in seinem Schiff/Beim Schein des Mondenlichts,/als etwas kam und rief und pfiff,/doch sehen tat er nichts./Ihm war, als stiegen hundert ein./Das Schifflein wurde schwer./Flink, Fährmann, fahr uns übern Rhein,/die Zahlung folgt nachher.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie halten sich und andere über Wasser
Autor
Tim Lennart Conce
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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