Frauen trödeln für ihr Leben gern

Nicht alle Unternehmer können sich einen eigenen Laden leisten, um ihre Waren zu verkaufen. Der Journalist Marc Raschke hat eine Lösung für dieses Problem entwickelt: 2010 eröffnete er in Münster den Laden Myregalbrett, in dem jeder eigene Waren auf gemieteten Regalflächen anbieten kann. Auf die Idee kam er, als er vor acht Jahren einen Artikel für ein Zukunftsmagazin schrieb. Es ging darum, einen Laden zu entwerfen, der viermal am Tag sein Aussehen ändert.

„Myregalbrett soll vor allem Start-up-Unternehmen eine Chance für einen Sprung in die Selbständigkeit bieten“, erklärt Raschke. „Die Unternehmen haben die Möglichkeit, neue Produkte auf dem Markt zu testen, ohne einen ganzen Laden mieten zu müssen.“ Bei den Regalbrettmietern und den Kunden sei diese Geschäftsidee gut angekommen – und es hätten sich auch Personen gemeldet, die selbst einen solchen Laden betreiben wollten. So kamen in einem Franchisesystem Läden in Aurich, Solingen und Marburg hinzu, ein weiterer ist in Dülmen geplant. „Mit der Entwicklung sind wir sehr zufrieden, damit war nicht zu rechnen“, sagt Raschke, der Myregalbrett anfangs nur als Experiment betrachtete. Die Franchisenehmer zahlen jeden Monat 250 Euro.

Das Angebot auf den Regalflächen ist vielfältig und wechselt ständig. Von selbstgemachten Stricksachen, Grußkarten und Lebensmitteln bis zu Trödel wird ein breites Spektrum geboten. Die Kundschaft ist zu 85 Prozent weiblich, oft sind es Studentinnen und junge Mütter, aber auch ältere Menschen besuchen die Läden. Am besten verkaufen sich laut Raschke Schmuckstücke, vor allem Ohrringe.

Myregalbrett-Läden sind wie kleine Flohmärkte. Den Regalbrettmietern ist freigestellt, was sie ausstellen möchten, nur gesetzlich Verbotenes sowie lebende und verderbliche Waren sind nicht zugelassen. Eine Regalfläche ist 90 mal 45 Zentimeter groß und kostet je nach Lage im Laden zwischen 4,99 und 11,99 Euro in der Woche. Die Mindestmietzeit ist auf vier Wochen festgelegt. 80 Prozent des Umsatzes dürfen die Mieter behalten, 20 Prozent gehen an Myregalbrett. Für den Verkauf der Produkte sind die Mitarbeiter von Myregalbrett zuständig, die auch die Regalflächen aufräumen und putzen.

Zur Weihnachtszeit oder an Ostern sind meistens alle Regale belegt, während im Januar und Februar Flächen frei bleiben. Deshalb schwankt je nach Monat auch die Zusammensetzung des Umsatzes: Mal macht die Regalbrettmiete 70 Prozent aus und der Anteil an den Verkaufserlösen 30 Prozent; im Dezember sind beide Posten hingegen gleich hoch. Zur Höhe des Umsatzes sagt Raschke: „Der Monatsumsatz des Münsteraner Ladens schwankt je nach Saison zwischen 5000 und 15000 Euro.“ Dem stünden 1500 Euro brutto für die Ladenmiete gegenüber und die Bezahlung von vier Mitarbeitern, die auf 400-Euro-Basis angestellt sind.

Einigen Unternehmen ist es über Myregalbrett gelungen, bekannter zu werden und einen eigenen Laden aufzumachen. Das Unternehmen Anoa Art zum Beispiel produziert Schmuckstücke und hat klein angefangen. „Myregalbrett in Münster war der erste Laden, in dem ich die Schmuckstücke ausstellte. Mittlerweile sind über zwanzig Läden in ganz Deutschland hinzugekommen“, berichtet Stefanie Fietzek, Geschäftsführerin von Anoa Art. „Durch Myregalbrett habe ich die erste Rückmeldung von Kunden bekommen und festgestellt, dass der Schmuck gut ankommt.“ Doch nicht immer sind Regalbrettmieter erfolgreich. „Die Läden funktionieren wie die große Wirtschaft. Nicht jedes Produkt kommt gleich gut an“, erklärt Raschke.

Seit der Gründung von Myregalbrett hat er schon die kuriosesten Produkte zu Gesicht bekommen. „Es wurde mal eine Wollkette aus gefilzten Hundehaaren angeboten, und selbstgemachte Penisschnecken von einer Künstlerin hatten wir schon im Sortiment; die haben sich allerdings nicht verkauft.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Frauen trödeln für ihr Leben gern
Autor
Nils Reichert
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance