Prüfer gucken in die Röhre

Die von der Nord Stream AG betriebene Ostseepipeline ist ein riesiges Energieinfrastrukturprojekt. Sie hat mehr als 7 Milliarden Euro gekostet und befördert Gas vom russischen Wyborg ins deutsche Greifswald. Bei ihrem Bau wurden Tausende Tonnen Stahl und andere Güter bewegt. Hier kommt die Mund + Bruns Schiffs- und Ladungssachverständige GmbH ins Spiel. Sie überwacht mit ihren 42 Mitarbeitern die Verladung und sichert den Transport von Stahl und Stahlprodukten – mit dem Ziel der Schadensverhinderung. Für Transporteure werden Ladungskonzepte entwickelt und deren Umsetzung überwacht. Sollten Schäden auftreten, betätigen sich die Mitarbeiter als Sachverständige, um die Schäden für ihre Auftraggeber zu bewerten. „Wir bewegen uns im Rahmen der Transport- und Versicherungsdienstleistungen; unsere Kunden sind große Versicherer und Hersteller von Produkten, die transportiert werden“, erklärt Geschäftsführer Christoph Bruns. In diesem Segment ist das Unternehmen nach eigenen Angaben Weltmarktführer.

Aus Stahl sind auch die Tausende von Rohren, aus denen eine Pipeline besteht. Der Hauptlieferant für die beiden je 1224 Kilometer langen Leitungen der Ostseepipeline war der in Mülheim an der Ruhr ansässige Rohrhersteller Europipe. 153500 Rohre lieferte das Unternehmen. Die Sachverständigen von Mund + Bruns wurden schon vor dem Transport tätig: Dessen Planung wurde mit dem Auftraggeber Europipe detailliert erarbeitet. Die Rohre mussten unbeschädigt von Mülheim zum Hafen Sassnitz auf Rügen gelangen, um von dort mit dem Verlegeschiff in Richtung Russland verlegt zu werden. Dieser Teil der Ware bewältigte die etwa 600 Kilometer lange Strecke über das Schienennetz.

Der andere Teil wurde mit der Bahn zum Hafen in Bremen gebracht und anschließend mit dem Schiff nach Kotka in Finnland transportiert. Für die Ladung auf den Schiffen ist ein weiterer Spezialbetrieb, eine Stauerei, zuständig. Deren Ladungsplanung und Transportsicherung an Bord der Schiffe ist ebenfalls ein heikler Punkt in der Transportkette. „Es gibt von Produzent zu Produzent unterschiedliche Vorgaben, wie eine Verladung stattzufinden hat“, berichtet Sebastian Kiss, Projektleiter von Mund + Bruns, der früher Kapitän war. „Unsere Tätigkeiten enden bei der Übergabe an die Nord Stream AG. Und wir stellen im Auftrag von Europipe sicher, dass nur unbeschädigte Rohre übergeben werden“, erklärt Geschäftsführer Bruns.

Die Sachverständigen sollen Unterbrechungen der Lieferkette oder Verzögerungen vermeiden. Doch es lief nicht immer alles glatt. „Wir waren nicht immer einer Meinung“, sagt Olaf Schwemer, Geschäftsführer der Bremer Stauerei Heinrichs. „Das Unternehmen Mund + Bruns ist natürlich aus seiner Sicht manchmal anderer Meinung als wir, die die Arbeit machen.“

Oft treten kleinere Schadensfälle an der werksseitig aufgetragenen Polyethylen-Außenbeschichtung der Rohre auf. Deshalb hat Mund + Bruns ein Reparaturteam zusammengestellt und sich damit ein weiteres Geschäftsfeld erschlossen. Beschädigungen wurden direkt vor Ort behoben. „Aber es gab auch Rohre, die zurück ins Werk geschickt werden mussten“, sagt Kiss.

Die Sachverständigen wickeln außerdem Schäden mit dem Transportversicherer des Lieferanten ab. „Die Transportschadensquote des Nord-Stream- Projekts liegt bei weniger als 0,5 Prozent“, sagt Bruns – bei 3 Milliarden Euro für Rohre und Pipeline-Material. Die Kosten für die Schadensbehebung werden zunächst von der Transportversicherung übernommen; dann wird die Versicherung des Schadensverursachers in Regress genommen.

Mund + Bruns verfügt über fünf Niederlassungen, unter anderem in den Vereinigten Staaten und China, sowie ein Partnerbüro in Russland. 2012 hat man rund 2 Millionen Euro umgesetzt. Die Ostseepipeline, die 2011 ein Umsatzplus von 20 Prozent brachte, ist nicht das erste Pipelinegroßprojekt des Unternehmens. „Derzeit sind wir an der Ichthys beteiligt, das ist eine Pipeline, die in Australien verlegt wird“, sagt Bruns. Durchschnittlich werden jährlich 700 bis 800 Aufträge durchgeführt, davon zehn bis zwölf Großprojekte.

Informationen zum Beitrag

Titel
Prüfer gucken in die Röhre
Autor
Valentin Sinn
Schule
Oberschule Rockwinkel , Bremen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance