Ein Kornfeld im Bett

Matratze

Orthopädisch richtiges Liegen – am besten komfortabel. Saubere Rohmaterialien – am besten nicht gesundheitsgefährdend und nachhaltig erzeugt.“ Der Matratzenhersteller Dormiente aus Heuchelheim bei Gießen verspricht seinen Kunden einiges. Er produziert keine herkömmlichen Latex-, Federkern- oder Kaltschaummatratzen, sondern solche aus natürlichen Rohstoffen wie Naturlatex, Kokos, Rosshaar, Schafschurwolle und Baumwolle. Andere Hersteller von Naturmatratzen verwenden auch Stroh, Torf oder Leinen. Dormiente verzichtet zudem auf Metallteile wie Stahlfedern – damit der Kunde nicht unter Elektrosmog leide.

Mit dem bloßen Auge seien Naturmatratzen kaum von anderen zu unterscheiden, sagt Rainer Oldiges, geschäftsführender Gesellschafter der Dormiente GmbH. „Beim Benutzen wird der Unterschied deutlich.“ Hauptbestandteil sei meistens Naturlatex. „Naturlatex ist auf verschiedene Körpergewichte ausgelegt und passt sich den Körperproportionen optimal an.“ Das sei für das aus orthopädischer Sicht richtige Liegen wichtig. Herkömmliche Materialien wie Polyurethan seien im Normalzustand fest und würden erst durch Zugabe von Weichmachern biegsam. Dies beeinträchtige die Punktelastizität und setze den Benutzer Schadstoffen aus. Doch Oldiges räumt auch einen Nachteil der Naturmatratzen ein: „Sie sind 90 bis 120 Kilogramm schwer.“

Die beiden Biologen Rainer Oldiges und Rüdiger Plänker haben das Unternehmen 1988 gegründet. „Es ist immer schwer gewesen, Produkte mit dieser Philosophie zu verkaufen. Als wir anfingen, bestand der ganze Markt aus Plastik und anderem Müll“, erzählt Oldiges. „Wir waren immer die Öko-Freaks.“ Nach Angaben des Unternehmens verkauft Dormiente jährlich 2000 bis 3000 Naturmatratzen und beschäftigt etwa 35 festangestellte Mitarbeiter plus Aushilfen.

Jede Matratze wird in Handarbeit gefertigt. Doch natürliche Rohstoffe, sorgfältige Handarbeit und strenge Schadstoffkontrolle haben ihren Preis. Während eine herkömmliche Matratze schon ab 100 Euro zu haben ist, kostet eine Naturmatratze zwischen 650 und 1700 Euro. Dormiente stellt auch Naturholzbetten, Lattenroste und Bettwaren her. Im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz auf rund 6 Millionen Euro. „Wir exportieren auch. Die Ausfuhrquote liegt bei 20 Prozent“, berichtet Oldiges. Verkauft werde in viele europäische Länder, aber auch nach Japan und Korea. In der Marktnische der Naturmatratzen sei man in Deutschland Marktführer. Das Unternehmen schätzt seinen Anteil auf 30 bis 40 Prozent.

Auch die Lonsberg Naturbetten GmbH & Co. KG aus Lippstadt produziert Naturmatratzen. Nach eigenen Angaben beträgt der Marktanteil 10 bis 15 Prozent. Mit 16 Mitarbeitern verkaufe man jährlich 10000 bis 12000 Matratzen, sagt Geschäftsführer Markus Korb. Seit mehr als 100 Jahren produziere Lonsberg Naturbetten. „Nach wie vor werden bei Lonsberg alle Matratzen und Bettwaren in handwerklicher Einzelanfertigung genäht, gefüllt und konfektioniert“, heißt es.

Die hohe Transparenz bezüglich der verwendeten Rohstoffe und die sorgsame Handarbeit wird bei Dormiente und Lonsberg großgeschrieben, sagt Michael Freymann, Inhaber des Einrichtungshauses Maßlos in Düsseldorf, das vornehmlich Artikel aus Naturstoffen verkauft. „Uns ist vor allem die Transparenz wichtig, denn die Kunden wollen wissen, wo die Rohstoffe wirklich herkommen“, sagt Freymann. Das Spektrum der Käufer solcher Matratzen sei breit. „Es gibt nicht mehr den Öko-Kunden mit Schafschurwollsocken und Birkenstockschuhen.“ Kunden seien oft die sogenannten Dinks – Double income no kids. Nicht wenige Kunden seien Allergiker. Maßlos sei sogar auf MCS-Erkrankte spezialisiert, Menschen, die unterschiedliche Chemikalien nicht vertragen.

Auch die Elzacher Matratzen (Elza) GmbH und die Sembella GmbH sind auf dem deutschen Naturmatratzenmarkt tätig. Elza aus Elzach im Schwarzwald beschäftigt 38 Mitarbeiter und verkauft herkömmliche und Naturmatratzen, insgesamt 25000 Stück im Jahr, wie Josef Volk, Mitglied der Betriebsleitung, berichtet. Man lege viel Wert auf Schadstoffreinheit. Der Jahresumsatz liegt bei 4,5 bis 5 Millionen Euro. Sembella aus Österreich stellt jährlich rund 180000 Matratzen her; teilweise werden sie in Deutschland verkauft. Neuerdings greift Sembella die Herstellung von Matratzen aus Stroh wieder auf. Sie seien besonders temperaturregulierend und luftdurchlässig. Außerdem soll Stroh eine abschirmende Wirkung gegen elektromagnetische Strahlung haben. Und es gibt noch eine Neuheit: Man verwendet auch Torf. Er soll entzündungshemmend, stoffwechselregulierend, bakterienabweisend und durchblutungsfördernd wirken, wie es bei Sembella heißt.

Naturmatratzen werden also sowohl in Massenproduktion als auch in Handarbeit hergestellt. Gemein ist ihnen, dass sie aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. So bezieht Dormiente Schurwolle aus Europa. Für die Matratzenkerne wird oft Naturlatex oder latexiertes Kokos benötigt. Dieses kauft Dormiente vorwiegend in Asien. Bei Elza und Lonsberg stammt es aus Sri Lanka und Malaysia. Als ein weiterer Vorteil von Naturmatratzen gilt, dass sie besser wiederverwertet werden können. „Bisher wird vor allem an der stofflichen Verwertung gearbeitet: Die Materialkomponenten wie Bezugsstoffe, Schäume, Vliese und Stahlfedern werden voneinander getrennt und dann einzeln wiederverwertet“, erklärt Claudia Wieland vom Fachverband Matratzen-Industrie. Ein weiterer Vorteil der Produkte sei, dass natürliche Rohstoffe nicht endlich seien, sondern nachwüchsen.

Die Umsätze auf dem Markt für Naturmatratzen schwankten in den vergangenen Jahren stark. „In den neunziger Jahren waren in Deutschland Latexmatratzen sehr gefragt, in den vergangenen Jahren hat dieser Trend jedoch stark nachgelassen, und mittlerweile sind Latexmatratzen kaum mehr als ein Nischenprodukt“, berichtet Wieland. Diese Entwicklung traf auch die Hersteller von Naturmatratzen, weil diese oft aus Naturlatex hergestellt werden. Andererseits steige aber das Interesse an nachhaltigen und fair gehandelten Produkten stetig, sagt Wieland. „Deshalb erwarte ich, dass der Markt für Matratzen aus Naturmaterialien in den kommenden Jahren wachsen wird.“ Einen deutlichen Schub gäbe es, wenn es gelänge, Polyurethan-Schaum vollständig durch Schäume aus nachwachsenden Rohstoffen zu ersetzen. Noch ist der Anteil der Naturmatratzen am gesamten Matratzenmarkt mit weniger als 5 Prozent gering. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der Umsatz der gesamten Matratzenindustrie 2012 bei 923 Millionen Euro. 2013 sank die Produktion von Matratzen um 9,6 Prozent.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Kornfeld im Bett
Autor
Larissa Marie Schwarz
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance