Die Natur gibt den Ton an

Ziegel

In Ritsch bei Drochtersen an der Unterelbe liegt eine der drei letzten Ringofenziegeleien Deutschlands - es ist die einzige, die noch mit Kohle befeuert wird. Die Ziegelei Rusch ist seit 1881 ein Familienbetrieb. Knapp zwanzig Arbeiter stellen heute täglich Ziegel her, die Unikate sind. Das Unternehmen wird von Matthias Rusch geleitet. Sein Teilhaber, Marcus Lütjen, erklärt: "Es gab die Zeit, in der möglichst glatte, aus computergesteuerter Industrieproduktion stammende Ziegel nachgefragt wurden. Momentan profitieren wir von dem Back-to-the-Roots-Trend."

Die Klinkerwerk Rusch GmbH & Co. KG hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder kräftig investiert. Nun werden die Ziegel nicht mehr an der freien Luft getrocknet, sondern in vier industriellen Trockenkammern. Die Trockenzeit verkürzte sich dadurch von acht Wochen auf sechs Tage. Die Rohlinge, noch nicht gebrannte Ziegel, können jetzt mit Gabelstaplern bewegt werden statt früher aufwendig mit der Hand.

Der Rohstoff für die Ziegelherstellung befindet sich vor der Tür: Ton und Sand aus dem Urstromtal der Elbe. "Wir brauchen nur ein Fußballfeld Fläche, um genügend Ton für unsere Jahresproduktion abzuziegeln, das heißt ihn von der Ackerfläche abzutragen", erklärt Lütjen. Ein Ziegel wird aus 10 Prozent Sand und 90 Prozent Ton gefertigt. Beim Ton wird 10 Prozent aus dem Westerwald zur besseren Konsistenz beigemischt.

Rusch-Ziegel unterscheiden sich von industriell gefertigten Ziegeln durch ihren individuellen Charakter. Farbe und Oberflächenstruktur hängen von der Temperatur und von nicht voraussehbaren Ereignissen im Brennofen ab. Die Rohlinge werden bei bis zu 1200 Grad zu Ziegeln gebrannt. Die Kohle zum Beheizen des Ofens wird wegen des günstigen Preises aus Kolumbien und Polen importiert.

Das Feuer in dem großen Ringofen, der zur Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts in Betrieb genommen wurde, erlöscht nur in der winterlichen Betriebspause zwischen Dezember und März. Der Ofen ist 120 Meter lang, etwa vier Meter hoch und 15 Meter breit. In den rundumlaufenden Brennkammern, die drei Meter breit und 2,5 Meter hoch sind, werden die bis knapp unter die Decke aufgeschichteten Rohlinge gegart.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Hamburg und Umgebung einen Ziegelboom. "Der große Brand von Hamburg 1842 sorgte dafür, dass alle dringend Ziegelsteine brauchten. Jeder landwirtschaftliche Betrieb hatte auch eine Ziegelei. Wahrscheinlich waren es um die 200. Damals war in Hamburg eine Verordnung erlassen worden, dass nicht mehr aus Holz gebaut werden durfte", erklärt Lütjen.

Ziegel von Rusch kommen bei der Renovierung Hamburger U-Bahnhöfe zum Einsatz. "Das Geschäft läuft heute oft über Baustoffhändler", sagt Lütjen. Doch auch Besitzer historischer Gebäude bestellen Ziegel für Ausbesserungsarbeiten. Zu den Kunden gehören Bauunternehmer, Bauämter, Architekten und Privatkunden. Rusch erwirtschaftet im Jahr 1,2 bis 1,5 Millionen Euro Umsatz. Zwei Millionen Ziegel werden ausgeliefert. Die Steine brauchen sechzehn Tage, um gar zu werden. Sie sind 50 bis 100 Prozent teurer als Industrieziegel. Für einen Stein liegt der Preis je nach Format zwischen 0,73 und 1,45 Euro.

Die Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg waren gute Jahre für das Ziegelei-Gewerbe an der Unterelbe. Anfang der siebziger Jahre war der Boom vorbei. Moderne Baumaterialien wie Beton und Kalksandstein verdrängten die traditionellen Klinkerziegel. Fast alle Ziegeleien im Kehdinger Land machten dicht, nicht aber Rusch. Wie überlebte man? Lütjen meint: "Matthias Rusch hat sich immer der Zeit angepasst. Er hat das traditionelle Handwerk bewahrt, aber so weit wie möglich modernisiert."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Natur gibt den Ton an
Autor
Melina Savvidou
Schule
Wilhelm-Gymnasium , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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