Der Winter, der ein Sommer war

Im Mai in Berlin, Unter den Linden: Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Bäume blühen, und es weht ein laues Lüftchen. In den Straßencafés trägt man die neueste Sommermode und trinkt gekühlte Berliner Weiße. Vor der Eisdiele bildet sich eine Schlange. Doch hinter der nächsten Straßenecke ist der tiefste Winter ausgebrochen. Die Straße ist weiß bedeckt, parkende Autos sind unter Schnee begraben. Von den Dächern wachsen lange Eiszapfen, und Eisblumen zieren die Fenster.

Das ist keine Halluzination, die Snow Business GmbH macht es möglich. Das Team um Geschäftsführer Lucien Stephenson produziert professionelle künstliche Wintereffekte aller Art: Eis und Schnee zu jeder Jahreszeit rund um den Erdball. Die Produktpalette ist vielschichtig. „Alle denkbaren Wintereffekte können mit unseren Produkten und unserem Equipment kreiert werden“, sagt Stephenson, liegender Schnee, fallender Schnee, Frost und Eis.

Film-, Fernseh- und Werbeproduzenten gehören genauso zu den Kunden des Unternehmens wie Ausstatter, Fotografen, Eventunternehmen, Theater, Freizeitparks und Privatabnehmer. Etwa die Hälfte der Kunden kommt aus Film, Fernsehen und Werbung. Die Filmsets von „The Day After Tomorrow“, „Batman Begins“ und „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ wurden von der Snow Business eingedeckt, ebenso wie Werbespots von McDonald's, Tchibo und Volkswagen.

„Unsere größte Herausforderung war bis jetzt ,Das Bourne Ultimatum‘. 35000 Quadratmeter von Berlin in vier Tagen beschneien zum Preis von 100000 Euro“, erklärt Stephenson. „Je detaillierter der Schnee gezeigt werden soll, desto besser muss er sein. Kostengünstige Kunstschneearten eignen sich für den Hintergrund, und Produkte mit sehr hoher Qualität werden für den Vordergrund eingesetzt.“

Die Wahl des Kunstschneeprodukts hängt nicht nur von dem gewünschten Effekt ab, sondern auch von den Motivbedingungen. Wenn Naturschutz oder sonstige rechtliche Vorschriften berücksichtigt werden müssen, ist das Angebot beschränkt. Auch die Dauer der Aufnahmen hat Einfluss. „Die Materialien, die am Set benutzt werden, der nur kurze Zeit als Motiv dient, haben andere Eigenschaften als diejenigen, die für längere Zeit liegen müssen“, erklärt Stephenson.

So wird zum Beispiel mit Movie Snow Papierschnee im Actionbereich gearbeitet, wenn Fußspuren, Schneebälle oder Reifenspuren dargestellt werden sollen. Frost Powder gestaltet eine klirrend kalte, frostige Winterlandschaft. Er wird für Details an Gebäuden und Objekten eingesetzt. Foam Snow, ein kostengünstiger Schaum, ist gut für tiefen Schnee und den Hintergrund. Auch die Schnelligkeit des Auftragens kann produktentscheidend sein: 1000 Quadratmeter Movie Snow werden in ungefähr 6 Stunden aufgetragen, 1000 Quadratmeter Foam Snow in rund 33 Minuten und 1000 Quadratmeter Frost Powder in 25 Minuten.

Die Maschinen, mit denen der Schnee aufgetragen wird, sind meistens auf Fahrzeugen montiert, sie benötigen bis zu drei Techniker zur Bedienung. „Die Anschaffungskosten dieser Geräte liegen zwischen 3000 Euro und 10000 Euro“, erläutert Stephenson.

Die Hauptfaktoren, die den Preis für eine Schneelandschaft beeinflussen, sind Flächengröße, Schneetiefe und die Anzahl der Drehtage im Schnee. Reduziert man einen dieser Faktoren, senken sich proportional dazu die Kosten der Schnee-Effekte. „Wollen Sie im Sommer Ihren 400 Quadratmeter großen Garten in eine Winterlandschaft verwandeln, müssen Sie mit Kosten von 5000 Euro rechnen“, sagt der Geschäftsführer. Kleinere Mengen an Kunstschnee wie 160 Gramm Glitter Snow kosten 8,33 Euro und können online bestellt werden.

Snow Business stellt einige Schneesorten selbst her. Doch in der Regel wird der Schnee von Vertragspartnern angefertigt. Der Kunstschnee besteht aus verschiedenen Ausgangsmaterialien – Zellulose, Kunststoffe, Stärke und Schaum. Die Beseitigung von Papierschnee ist einfach. Er wird mit Maschinen zusammengekehrt oder -geblasen. „Danach wird der Schnee entweder wiederverwendet oder in der gelben Tonne entsorgt“, sagt Stephenson. Einige Kunstschneearten, die biologisch abbaubar sind, werden im Freien eingesetzt und vom Regen weggewaschen. Auch Schneeschaum löst sich selbständig auf.

Lucien Stephenson beschäftigt am Firmensitz Ladbergen zwei feste Mitarbeiter. Je nach Auftragslage greift er auf bis zu 15 freie Mitarbeiter zurück. Laut Stephenson lag der Umsatz im vergangenen Jahr bei rund 650000 Euro. „Die Firma wird von Jahr zu Jahr stärker und bekannter. Der Vertrieb unserer Produkte wächst stetig, dementsprechend vergrößert sich der Umsatz“, sagt er. Snow Business ist mittlerweile in Amerika, Großbritannien und Russland vertreten. Von der Finanzkrise gibt es keine Spur. Warm anziehen muss sich das Unternehmen nicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Winter, der ein Sommer war
Autor
Felix Kohler, Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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