Sie verstehen sich blind

Blindenhund

Der Hund hat mich dazu motiviert, wieder mehr rauszugehen“, berichtet Corinna Mitschke aus Duderstadt, die nur noch 5 Prozent Sehkraft besitzt. Ihr Blindenführhund begleitet sie seit neun Jahren durch das nicht einfache Leben als sehbehinderte Person. Einkaufsläden seien mit Hund ein Problem, erzählt Mitschke, und auch die Urlaubsplanung sei schwierig. Doch sei die Freude an dem Tier größer. Nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes besitzen rund 2000 der 150000 blinden Menschen in Deutschland einen ausgebildeten Blindenführhund. Seitdem sie nach einem Urteil des Bundessozialgerichtes aus dem Jahr 1981 als anerkannte „Hilfsmittel“ vom Arzt verschrieben werden können, werden Blindenhunde nicht selten dem weißen Langstock vorgezogen – zumal die Kosten laut Sozialgesetzbuch bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen werden.

Allerdings setzt auch die Krankenkasse Prioritäten. „Unsere Leistungsentscheidung ist nicht abhängig davon, was billiger ist, sondern davon, was sinnvoll ist“, erläutert Detlev Günther, Mitarbeiter der Techniker Krankenkasse. Besonders geeignet als Blindenführhunde seien Labradore, Schäferhunde, Großpudel und deren Mischlinge. Diese Hunde gälten als intelligent, aufmerksam und friedfertig und hätten mit 50 bis 60 Zentimetern die optimale Körperhöhe: Zum einen könnten sie die Lage gut überschauen, zum anderen seien sie handlich.

Das bestätigt Eva Rehm, die eine Blindenführhundeschule in Abensberg in Niederbayern leitet. Auch der Großpudel und der Labradoodle, eine Kreuzung aus Großpudel und Labrador, seien inzwischen begehrt, ergänzt sie. Um eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Hund zu gewährleisten, sollte der Halter tierfreundlich sein und dem Hund die nötigen Freiheiten geben, damit er sich von der Arbeit erholen kann. Zusammen mit drei Trainerinnen bildet Rehm acht bis zehn Hunde im Jahr aus, die vorher von Züchtern und Privatpersonen angekauft werden.

Demnächst steht für Rehm eine besondere Aufgabe an. „Dieses Jahr werde ich wahrscheinlich ein Blindenführpferd ausbilden.“ Der Hauptvorteil des Pferdes gegenüber dem Hund ist die höhere Lebenserwartung. Eingesetzt werden können ausschließlich Minipferde mit einem Stockmaß von 80 bis 85 Zentimetern. Zwar werden die Pferde auch an Stadt und Verkehr gewöhnt, sie eignen sich jedoch vor allem für ländliche Gegenden. „Das Pferd lernt zwar auch, Treppen zu steigen, mit dem Lift zu fahren und in Geschäfte zu gehen, anders als der Führhund sollte es aber mit Artgenossen im Stall und auf der Weide gehalten werden“, erzählt Rehm.

Die Ausbildung der Hündinnen und Rüden – sie werden kastriert, um ihrer Führarbeit möglichst genau nachgehen zu können – beginne frühestens mit einem Jahr und spätestens mit zwei Jahren, berichtet Rehm. Die beim Muttertier aufgewachsenen Hunde werden nach dem Kauf etwa sechs bis acht Monate ausgebildet. „Die meisten Ausbildungsinhalte sind Standard, es können aber zusätzlich individuelle Dinge, die der zukünftige Besitzer benötigt, beigebracht werden“, erklärt Rehm. Die Aufgaben eines Blindenführhundes sind vielfältig. „Der Hund muss unter anderem alle Bordsteine, Straßenüberquerungen, freie Sitzplätze, Ampeln, Zebrastreifen, Briefkästen, Schalter und Geldautomaten anzeigen“, zählt Rehm auf. Er müsse ungefähr siebzig Anweisungen für das tägliche Leben kennen.

Nach der Ausbildung sollte das Team, bestehend aus „Navigator“ (Hundeführer) und „Pilot“ (Blindenführhund), möglichst perfekt harmonieren, weil bei jeder Uneinigkeit oder Fehlentscheidung des Hundes akute Lebensgefahr für den Halter besteht. Sobald der Hund eine Gefahr erkannt oder eine Anweisung ausgeführt hat, bleibt er stehen. Befinden sich Hund und Halter in einer gefährlichen Situation, beispielsweise im Straßenverkehr, verweigert der Hund die Ausführung eines Befehls. Dies bezeichnet man als „intelligenten Ungehorsam“. Nach etwa zehn Jahren, oder wenn der Hund gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage ist, wird er ausgemustert. Anschließend darf er entweder bei der blinden Person bleiben, oder es wird ein anderer Platz für ihn gefunden.

Da nur 1 bis 2 Prozent der Blinden in Deutschland einen Führhund besitzen, ist die Branche der Blindenführhundeschulen klein. Viele Blinde entscheiden sich gegen einen Hund, weil sie den Organisationsaufwand bei Reisen und die Abneigung mancher Menschen gegenüber Hunden fürchten. Oder sie wagen es nicht, einem Tier ihr Leben anzuvertrauen. Rehm schätzt die Zahl der Blindenführhundeschulen in Deutschland auf vierzig. Der Jahresumsatz ihrer Schule beträgt rund 200000 Euro.

Die Ausbildung eines Hundes kostet zwischen 20000 und 25000 Euro. Durch die Versorgung des Hundes entstehen weitere Kosten. „Die laufenden Kosten werden pauschal mit rund 140 Euro im Monat beglichen“, berichtet Günther von der Techniker Krankenkasse. Zusammen mit den Unterhaltskosten setzt die Krankenkasse die Kosten für einen Blindenhund bei rund 30000 Euro an. Die Wirtschaftswissenschaftler Renate Ohr und Götz Zeddies haben geschätzt, dass Blindenhunde jedes Jahr mit 6,6 bis 7,7 Millionen Euro in das Bruttosozialprodukt eingehen.

Corinna Mitschke hat ihren ersten und wahrscheinlich auch letzten Führhund. Zu oft sei sie an Grenzen gestoßen. „Wenn man in fremden Städten ist, kommt es schon vor, dass die Leute sagen: Der Hund bleibt draußen, sie dürfen gerne reinkommen.“ Doch überwögen die guten Momente.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie verstehen sich blind
Autor
Tim Neumann
Schule
Eichsfeld-Gymnasium , Duderstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2014, Nr. 140, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance