Wenn ein Bein vor die Hunde geht

Wenn man Prothetik und Orthetik für Menschen macht, kann man sie auch für Tiere machen, das ist derselbe Beruf“, sagt Ulrich Schindewolf, Geschäftsführer und Orthopädietechnikermeister der Schindewolf und Schneider GmbH in Eisenach. Das Unternehmen hat er vor gut zwanzig Jahren mit Thomas Schneider gegründet. Neben Rehatechnik und Homecare bieten sie Tierorthopädie an; sie begannen damit, um den Umsatz zu steigern.

Das Unternehmen beschäftigt fünfzig Mitarbeiter, der Jahresumsatz liegt bei 4Millionen Euro. Die Tierorthopädie trägt rund 12000 Euro dazu bei. Schindewolf schätzt den Marktanteil in diesem Bereich auf rund 90 Prozent in Westthüringen, in ganz Deutschland auf etwa 5 Prozent. Hierzulande gebe es höchstens zwanzig Unternehmen, die sich mit Tierprothetik beschäftigten. Gemeinsam sei ihnen, dass sie normale Orthopädieunternehmen waren oder sind.

Bei Schindewolf und Schneider arbeiten zwölf Mitarbeiter in der Tierprothetik. Jeden Monat erhalten zwischen einem und drei tierischen Kunden Prothesen; diese kosten zwischen 300 und 1000 Euro. Zum Angebotsspektrum gehören auch die Rollwagen für Hunde. Sie werden zum Beispiel eingesetzt, wenn die Hinterbeine des Vierbeiners gelähmt sind. Ein Rollwagen wird nur etwa einmal im Jahr verkauft und kostet zwischen 500 und 800 Euro

„Tierorthopädie muss man aus der eigenen Tasche bezahlen; Kleintierärzte muss man ja auch selbst bezahlen“, sagt Schindewolf. Im Vergleich zu den Arztkosten, die Halter für ihre Tiere ausgäben, seien die Preise aber „human“, findet er. Dafür werde auch einiges geboten. „Wir machen einen Gipsabdruck und modellieren ihn. Nach dem Modell stellen wir das Bein, den Schacht, her.“

Viele Halter fragen sich freilich, ob eine Prothese artgerecht für ihren Hund ist. Silvia Meister, Hundetrainerin und Tierschützerin aus Gießen, sagt: „Der Hund würde auch nicht mit Leine und Geschirr aufwachsen, wenn man ihn lassen würde.“ Die Lebensqualität des Hundes müsse stimmen – unter Berücksichtigung der Lebenserwartung, die im Verhältnis zu den Kosten stehen müsse.

Die Tierorthopädie von Schindewolf und Schneider ist nicht nur für Hunde zuständig, die rund 60 Prozent der tierischen Kundschaft ausmachen. Katzen, Pferde und ein Esel wurden ebenfalls schon behandelt, und auch die Anfrage nach einer Prothese für einen Storch landete bereits auf dem Schreibtisch. „Kompliziert ist es natürlich immer, aber das ist die Herausforderung; es geht vom Fuß bis zur Hüfte“, sagt Schindewolf. Dies trifft auch auf Prothesen für Menschen zu, denn laut Schindewolf gibt es keinen großen Unterschied zwischen Menschen- und Tierprothetik: „Es sind relativ ähnliche Prothesen, die für Hunde sind nur viel, viel kleiner und filigraner und etwas vereinfacht. Die Prothetik, die für Menschen gebaut ist, ist immer auch auf den Hund anwendbar.“

Dass ein Hund auch ohne Prothese ein glückliches Leben haben kann, zeigt das Beispiel von Emil, einem zehn Jahre alten Mischlingsrüden. Vermutlich durch einen Autounfall verlor er sein linkes Vorderbein, und sogar die Schulter musste entfernt werden. Trotzdem findet seine heutige Besitzerin, Heike Leupert, nicht, dass der Hund beeinträchtigt ist. „Wie der rennt. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob er drei oder vier Beine hat.“ Sie habe sich schon Gedanken gemacht, ob eine Prothese sinnvoll wäre: „Wenn er gemächlicher und langsamer wäre, würde ich das durchaus befürworten, um zum Beispiel seinen Rücken zu entlasten. Aber so wie er durch den Wald rennt, hätte ich viel mehr Angst, dass er sich mit Prothese verletzt.“ Das könne im Einzelfall schon sein, sagt Schindewolf dazu. „Aber diese Erfahrung haben wir persönlich noch nicht gemacht.“ Die Tiere akzeptierten die Prothesen. „Sie merken sehr schnell, das ihnen geholfen wird.“ Tim Bonin, Arzt in der Tierklinik am Stadtwald Frankfurt, ergänzt: „Es gibt auch Fälle, in denen die Tiere nicht so einfach damit zurechtkommen, in vielen Fällen klappt das aber sehr gut.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn ein Bein vor die Hunde geht
Autor
Agnes Ziegler
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2014, Nr. 140, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance