Kostspielige Auslaufmodelle

Am Anfang war ein kranker Hund. Als Birgitta Ornau, damals gerade 22 Jahre alt, den Hund aus Spanien bei sich aufnahm, der wegen seiner Krankheit normales Futter nicht vertrug, begann sie, sich mit dem Thema Hunde nahrung auseinanderzusetzen. Sie habe entdeckt, dass Hunde oft eine schlecht verträgliche Ernährung erhielten, sagt sie. Eigentlich verdienten sie – dem Essen für Menschen vergleichbare – feinste Hausmannskost ohne chemische Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker.

Ornau stellte die Ernährung ihres Hundes um und gab ihm nur noch hochwertiges und frisches Fleisch und Gemüse zu essen, zerhackt zu einem Eintopf, den sie Hundebolognese nannte. Der Hund erholte sich von Tag zu Tag und wurde schließlich gesund. Nach dieser Erfahrung gründete Ornau die Terra Canis GmbH und machte es sich zur Aufgabe, Hunde artgerecht zu ernähren. In den Futternapf der Vierbeiner ihrer Kunden kommen heute Gerichte wie „Sibirisches Rentier mit Fenchel und Amaranth“ oder „Huhn light mit Zucchini, Papaya und Hagebutte“.

Zu Beginn kochte die Münchnerin das Fressen in ihrer Küche und belieferte Kunden im Großraum München mit dem eigenen Auto. Die Nachfrage stieg; Ornau wandte sich an die Münchner Metzgerei Hermann Schäbitz, die bis heute das Futter herstellt. 2005 begann sie mit einer Produktion von tausend Dosen und einem Umsatz von 63000 Euro. 2006 lag der Erlös bei 240000 Euro, 2009 waren es gut 2Millionen Euro. Im vergangenen Jahr hat Terra Canis mit 13 Mitarbeitern rund 8,5 Millionen Euro erwirtschaftet; das waren 140 Prozent mehr als 2012. In diesem Jahr sollen es 12 Millionen Euro sein. Trotz der starken Umsatzsteigerung gebe es kaum Wettbewerber in der Gourmet-Hundefutter-Branche, sagt Ornau.

Vor zwanzig Jahren hätte die Geschäftsidee vermutlich keinen Anklang gefunden, meint Gebhard Leidenfrost, der bis vor kurzem Geschäftsführer von Terra Canis war. „Damals hatten die Menschen mehr Kinder, Hunde bekamen das, was vom Tisch übrig geblieben war.“ Heute hätten viele statt Kindern einen Hund. „Das Geld, das früher in den Musikunterricht der Kinder investiert wurde, wird heute für das Wohl von Hunden ausgegeben.“

Die Hundefeinkost hat ihren Preis: Im Internetshop kosten 400 Gramm Rindfleischragout 2,69 Euro. Billiges Futter ist anderswo schon für 80 Cent zu haben. „In unserem Futter sind um einiges mehr Nährstoffe enthalten“, behauptet Ornau. „Es gibt heute viel mehr Menschen, die auf Inhalts- und Nährstoffe im Essen achten und dies auf ihren Hund übertragen.“ Dreißig bis fünfzig Jahre alte Frauen aus der Mittelschicht bildeten den Kern ihrer Kundschaft. Nun hat die Unternehmerin einen neuen Markt erschlossen: Terra Faelis, die Hausmannskost für die Katze.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kostspielige Auslaufmodelle
Autor
Clemens Neumann
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2014, Nr. 140, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance