Sie wissen, wo die deutsche Elf nass gemacht wird

Blitze

Sonne, schwüle Hitze und heftige Regengüsse: Brasilien ist bekannt für sein tropisches Klima. Doch dies stimmt nur bedingt: Das größte Land Südamerikas und fünftgrößte der Welt umfasst mehrere Klimazonen. „Allein in Rio de Janeiro gibt es Dutzende verschiedener Mikroklimata. „An der Copacabana kann es trocken und sonnig sein und hinter der Christus-Statue schütten“, sagt Klaus Hirzel, Geschäftsführer der G.Lufft Mess- und Regeltechnik GmbH. Das Unternehmen aus Fellbach bei Stuttgart ist für die Erfassung klimatologischer Messdaten während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zuständig. Dafür wurden alle zwölf WM-Stadien mit Kompaktwetterstationen ausgestattet.

Die Stationen erfassen Werte wie Temperatur, relative Feuchte, Luftdruck und Globalstrahlung. Die Niederschlagsmenge wird über einen externen Sensor erfasst. Früher waren hierfür sechs Einzelsensoren nötig, heute reicht eine Kompaktwetterstation. Darüber hinaus dienen die portablen Geräte nicht nur zur Ermittlung von Wetterdaten, sondern auch zur frühen Warnung vor ungewöhnlichen Ereignissen. Durch die genauen Informationen können starke Hitze, extreme Regengüsse und Stürme, die das Spielgeschehen beeinflussen, vorhergesagt werden. Die Prognosen helfen auch den Trainern bei der Wahl der richtigen Spieltaktik. Mehrere tausend dieser Wetterstationen werden im Jahr zu einem Preis von je 1680 Euro hergestellt. Genauere Stückzahlen gibt das Unternehmen nicht preis, dafür aber seine Ziele: „Wir planen, mindestens 10000 intelligente Wettersensoren im Jahr global zu verkaufen.“

Lufft qualifizierte sich über eine Ausschreibung für die WM; man gewann sie zusammen mit dem brasilianischen Vertriebspartner RoMiotto. Die Geräte sollten klein, hochgenau, kompakt, portabel und unauffällig sein. „Eine große Wetterstation hinter dem Tor ist sicher ebenso irritierend wie Cheerleader bei Freiwürfen der Basketball-Auswärtsmannschaft hinter dem Korb“, erklärt Hirzel. Nach seinen Angaben arbeitet G. Lufft seit Jahren an der Markterschließung in Brasilien; das Land berge großes Potential. Das derzeit wichtigste Projekt in Brasilien sei, den Flugverkehr auf allen Flughäfen sicherer zu machen. „Unser Messsystem soll auf 63 Flughäfen in Brasilien zum Einsatz kommen.“

Das Unternehmen, das seit mehr als 130 Jahren besteht, ist auch für andere Profisportarten tätig: „Wir bieten mit Hilfe unserer Sensoren punktgenaue Prognosen für Tennisturniere, Segelwettbewerbe, Reitturniere, American Football, Schanzenspringen und viele andere Sportarten.“ So fanden die Lufft-Sensoren bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi Verwendung; sie werden auch in der Vierschanzentournee eingesetzt oder in Südkorea zur Vorbereitung der Winterspiele 2018. Für die 2016 stattfindende Sommerolympiade in Rio de Janeiro wird das schwäbische Unternehmen sechs kompakte Wetterstationen liefern.

„Es gibt derzeit keinen Wettbewerber, der ein solches Produkt anbietet“, behauptet Hirzel. Der Leiter des Online-Marketing, Tobias Weil, ergänzt: „Da wir uns mit unseren Produkten in absoluten Nischenmärkten befinden, gibt es keine deutschsprachige Konkurrenz, die über das gesamte Produktportfolio konkurrieren könnte.“ Lufft bietet 17 Produkte an, mit verschiedenen Messgrößen, Verfahren und Genauigkeiten. Der größte internationale Mitbewerber ist nach Angaben von Lufft das finnische Unternehmen Vaisala mit einem Umsatz im Jahr 2013 von 273 Millionen Euro. Die größten deutschsprachigen Mitbewerber im Meteo-Bereich sind die Göttinger Unternehmen Wilh. Lambrecht und Adolf Thies.

Im Jahr 1881 gründete der Optikermeister Gotthilf Lufft die Firma Mech. Werkstatt G. Lufft und war damit der erste deutsche Hersteller für Barometer. Damit avancierte er schnell zum globalen Marktführer. Heute beschäftigt G.Lufft rund 90 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro. Das Unternehmen bedient drei Segmente: Wind und Wetter, Verkehr und Wetter sowie Industrie. „Wind und Wetter beinhaltet sämtliche Geschäftsbeziehungen im Bereich der rein meteorologischen Wetter/Klimaerfassung. Dazu zählt auch die Installation der Wetterstationen in den WM-Stadien in Brasilien“, erklärt Hirzel. Wind und Wetter und Verkehr und Wetter stehen, in etwa gleich, für 75 Prozent des Umsatzes. Der Umsatzanteil der Wetterstationen liegt bei 45 Prozent.

Der Branchenverband AMA Verband für Sensorik und Messtechnik, dem 480 Unternehmen angehören, beschreibt die Messtechnik als Wachstumsbranche. „Wir beobachten, dass sich die Zahl der eingesetzten Sensoren global alle fünf Jahre verdoppelt“, sagt AMA-Geschäftsführer Thomas Simmons. Nach seinen Angaben sind Sensoren und Messsysteme aus Deutschland auf der ganzen Welt sehr gefragt. Deutsche Anbieter  belieferten rund 30 Prozent des Weltmarktes. „Mit einem besonderen Zuwachs rechnet die Branche durch die derzeit von der Bundesregierung geförderte sogenannte Industrie 4.0“, sagt Simmons. Die Verschmelzung von klassischer Industrie und Internet sei ohne intelligente Sensoren und Messtechnik nicht umsetzbar.

Für Forschung und Entwicklung gibt G. Lufft rund 15 Prozent seines Umsatzes aus. Das Unternehmen beliefert zunehmend Kunden in anderen Ländern. Derzeit trägt die Ausfuhr rund 70 Prozent zum Umsatz bei. „Nicht zuletzt deshalb haben wir uns 2012 für den Aufbau eigener Vertriebsgesellschaften in Amerika und China entschieden“, sagt Hirzel.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie wissen, wo die deutsche Elf nass gemacht wird
Autor
Julian Frings
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Grenzach-Wyhlen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2014, Nr. 129, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance