Diese Schuhe kriegen Beine

Ewald Haimerl hatte als kleiner Junge ein Faible für Blaulicht. Eigentlich wollte er Polizist werden. Jedoch musste er im väterlichen Betrieb, in dem Wander- und Arbeitsstiefel produziert wurden, aushelfen. „Als 1974 die Niederlande, aus der die meisten Aufträge kamen, im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft gegen Deutschland unterlagen, wurden sämtliche Aufträge storniert“, erinnert sich der Geschäftsführer des bayerischen Unternehmens Haix. Der Familienbetrieb kam in Schieflage. Die rettende Idee kam Haimerl, der bei der Freiwilligen Feuerwehr Mainburg stellvertretender Kommandant war, während eines Rettungseinsatzes: „Wir mussten ein Kind aus einem brennenden Haus bergen. Dabei ging es um jede Sekunde. Ich sprang mit unseren Arbeitsgummischuhen aus dem Wagen und rutschte auf dem nassen Boden aus.“ Die Idee für den ersten Spezialschuh war geboren.

Heute ist sein Unternehmen weltmarktführender Hersteller von hochwertigen Funktionsstiefeln für Feuerwehren – kein anderer Spezialschuhhersteller stattet nach eigenen Angaben so viele Feuerwehren auf der ganzen Welt aus. Die Feuerwehren von Tokio, Moskau, Mexiko City, Toronto, Los Angeles, Chicago, Washington D.C. und New York sind Kunden des Unternehmens. Von den 7700 Feuerwehren in Bayern tragen nach Angaben des Unternehmens mindestens 75 Prozent Haix. In Deutschland, der Schweiz und Österreich schätzt es seinen Marktanteil auf rund 50 Prozent. Auch Polizei, Sondereinsatzkommandos und das Militär tragen die Schuhe. Die Bundeswehr in Afghanistan, das britische Militär und die Schweizer Garde des Papstes sind Abnehmer der Haix-Produkte.

Die Haix Schuhe Produktions- und Vertriebs GmbH mit Sitz in Mainburg wurde 1948 als Familienbetrieb gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen auf der ganzen Welt knapp 900 Mitarbeiter und produziert 700000 Paar Spezialschuhe im Jahr. Die Geschäftsführung setzt künftig auf 100 Prozent „Made in Europe“. Stolz ist man auf die 2009 entstandene moderne Produktionsanlage in Kroatien, wo täglich knapp 3000 Paar Schuhe hergestellt werden. Derzeit wird noch ein wenig in Vietnam gefertigt. Haix ist aber dabei, diese Fertigung bis Ende 2014 ganz nach Europa zurückzuholen.

Der Umsatz des Unternehmens ist von knapp 2 Millionen DM im Jahr 1992 auf mehr als 63 Millionen Euro im Jahr 2013 gestiegen. Das liegt nach Angaben des Unternehmens vor allem an Neuentwicklungen. Viele Kunden, vor allem die Armeen, hätten klare Vorstellungen, was der Schuh leisten und aushalten müsse. In modernen Laboren in Mainburg werden Materialfestigkeit, Stabilität und die Einhaltung der geforderten Normen getestet. „Aktuell entwickeln wir im Sicherheitsschuhbereich extrem leichte und dennoch hochfeste Schutzkappen sowie hochrutschfeste Schuhsohlen“, erklärt Unternehmenssprecher Hanno Meier.

Bis zur Herstellung eines Prototyps vergehen bis zu eineinhalb Jahre. Danach stehen monatelange Tragetests an, meistens in enger Zusammenarbeit mit den Kunden. „Den Fire Hero trugen vor seiner Einführung diverse Feuerwehren zwischen Hamburg und Garmisch-Partenkirchen, darunter auch die Flughafenfeuerwehr am Münchner Airport, im Realtest und bei großen Übungseinsätzen“, erklärt Meier.

Auch am Flughafen Stuttgart entschied sich die Feuerwehr im Rahmen eines Trageversuchs für die Haix-Schuhe. „Diese Stiefel sind sehr robust und weisen einen hohen Tragekomfort auf“, lobt Peter Schwenkkraus, stellvertretender Leiter der Flughafenfeuerwehr und des Rettungsdienstes. Doch nicht jede Feuerwehr kann oder will sich die Schuhe leisten. Ein Paar Feuerwehrstiefel von Haix kostet zwischen 120 und 290 Euro.

Damit Feuerwehrleute ihre lebensrettende Arbeit ohne Angst und Zweifel ausüben können, sind Trittsicherheit, Rutschfestigkeit und Stabilität enorm wichtig. Im Jahr 2008 wurde ein amerikanischer Feuerwehrmann während eines Einsatzes in Miami von einem schweren Geländewagen erfasst, und das Fahrzeug fuhr über seinen Fuß. Der Feuerwehrmann, der Stiefel von Haix trug, blieb unversehrt. Die eingearbeiteten Stahlkappen verhinderten folgenschwere Verletzungen am Fuß.

Informationen zum Beitrag

Titel
Diese Schuhe kriegen Beine
Autor
Maximilian Herold
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2014, Nr. 129, S. 20
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance