Klatschtanten kann man mieten

Bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika waren die nordkoreanischen „Fans“ auf den Tribünen in Wirklichkeit bezahlte chinesische Schauspieler. Aus der Idee, Fans zu kaufen, macht das in Deutschland und Österreich tätige Unternehmen Rent-A-Fan aus dem fränkischen Schwabach schon seit knapp zehn Jahren ein Geschäft. Nach Angaben seiner Inhaberin ist es das einzige Unternehmen seiner Art in Europa. Monika Bernhard-Brendel, die Rent-A-Fan als einen Teilbereich ihres IT-Unternehmens IC-Roth gegründet hat, erzählt, dass ihre Idee tatsächlich von einer Fußball-WM stamme: Als sie 2002 die Fernsehübertragungen aus Südkorea und Japan sah, wo die Stadien fast leer waren, sei ihr bewusst geworden, wie wichtig Fans seien. Zwei Jahre später entwarf sie mit ihrem Mann, dem Eventmanager Klaus Bernhard, eine Internetseite und stellte diese online. Doch erst 2006 wurde sie von ihrem ersten Kunden aus Köln kontaktiert. Heute umfasst die Datenbank des Unternehmens nach Angaben der Gründerin 12500 Fans, die sich über die Jahre angemeldet hätten.

Auf der Internetseite kann man sich kostenlos registrieren und somit Fan werden. Sobald es eine Veranstaltung in der Umgebung gebe, die Rent-A-Fan betreue, werde man von einem der vier Eventmanager per E-Mail kontaktiert, berichtet der angemeldete Fan Philip Winkler. „Ich habe nach allen möglichen Nebenjobs gegoogelt und bin schließlich über die Internetseite von Rent-A-Fan gestolpert“, erinnert sich der 22 Jahre alte Student. Nun kann er zum Beispiel als Krachmacher bei einem Konzert oder als Zuschauer in einer Vortragsveranstaltung zwischen 12 und 20 Euro in der Stunde verdienen. Die Länge der Aufträge variiert von 30 Minuten bis zu einem ganzen Tag.

„Den genauen Auftrag erfährt man erst direkt vor Ort. Diskretion wird sehr groß geschrieben“, erzählt Winkler. Selbstverständlich darf nicht bekanntwerden, dass ein Kunde sein Publikum gemietet hat. Aus diesem Grund gibt es im Vertrag strikte Vereinbarungen: Beispielsweise darf der Name Rent-A-Fan während der Veranstaltung nicht genannt werden. Eine andere Geheimhaltungsvereinbarung besagt, dass alle erhaltenen Informationen und Unterlagen vertraulich zu behandeln sind.

Damit die Fans ihre Aufgabe wirklich erledigen, sind meistens alle vier Eventplaner des Unternehmens vor Ort. Wer zu still ist, wird von ihnen aufgefordert, seinen Auftrag zu erfüllen. „Bei größeren Veranstaltungen wird das bezahlte Publikum in kleinere Gruppen von jeweils etwa zwanzig Fans aufgeteilt. Jede solche Gruppe hat einen Anführer, einen besonders erfahrenen Akteur, der uns Eventmanagern hilft und dafür auch extra bezahlt wird“, erklärt Bernhard.

Nach seinen Angaben hat Rent-A-Fan im vergangenen Jahr 62 Veranstaltungen mit weit mehr als 3000 Fans begleitet. Seit der Gründung habe man mehr als 50000 Akteure eingesetzt, vor allem auf Veranstaltungen von Stammkunden aus dem Musikbereich. „In 98 Prozent dieser Fälle ist es das Management der jeweiligen Musikgruppe, das uns kontaktiert. Die Musiker selbst erfahren nur selten, dass ihr Publikum in Wahrheit gekauft ist“, verrät Bernhard. In einem Fernsehbeitrag auf Pro Sieben über das Unternehmen schilderte ein Straßenmusiker seine Erfahrungen mit einem Fan, den er gemietet hatte. Schon nach fünf Minuten hätten rund 25 Leute um ihn herumgestanden. In der einen Stunde habe er einen Umsatz von 70 Euro erzielt und damit die Kosten für den Fan mehr als reingeholt.

Inzwischen gebe es wöchentlich Anfragen von Neukunden, die, wie die Gründerin sagt, „nichts dem Zufall überlassen wollen“. 2013 habe das Unternehmen einen Umsatz von rund 150000 Euro erzielt, die Kosten beliefen sich auf etwa zwei Drittel der Erlöse.

Nach Angaben von Student Winkler sollte ein Fan eine lockere Art haben und nicht allzu schüchtern sein, da seine Aufgabe darin bestehe, andere Menschen mitzureißen. „Viele unterschätzen das Prinzip der ansteckenden Begeisterung“, erklärt Bernhard-Brendel. Sie berichtet über den einstündigen Einsatz von Rent-A-Fan während eines Rockfestivals für eine Band aus dem Ausland: Den zweihundert bezahlten Fans sei es gelungen, eine „Superbegeisterungswelle“ in die Halle zu bringen und so eine Band, die vorher noch nie in Deutschland in Erscheinung getreten war, über Nacht populär zu machen. Die meisten Kunden von Rent-A-Fan kommen aus dem Ruhrgebiet, Berlin und Hamburg.

Bernhard-Brendel berichtet auch von dem Einsatz von Claqueuren bei Pressekonferenzen zur Vorstellung eines Produktes. Die Gründerin ist überzeugt, dass die Presse deutlich positiver berichtet, wenn die Journalisten eine größere Anzahl von Menschen gesehen hätten, die sich für das Produkt begeisterten. Eigenartig sei der Einsatz von Trauernden auf einer Beerdigung, findet sie. Für politische Aktionen könne man keine Fans buchen. Die Kunden können ihre Fans auch einzeln aussuchen. Jeder Akteur, der sich bei Rent-A-Fan anmeldet, muss ein Formular mit Angaben zu Alter, Haar- und Hautfarbe, Größe und Gewicht ausfüllen.

Bernhard-Brendel schaut optimistisch in die Zukunft: „Seitdem Rent-A-Fan auch Flashmobs anbietet, also kurze, scheinbar spontane Menschenaufläufe auf öffentlichen Plätzen, hat sich die Zahl unserer Kunden stark erhöht.“ Schwierig für das Geschäft sei andererseits, dass kein Kunde das Unternehmen weiterempfehle, weil man ja nicht zugeben möchte, seine Dienste gebucht zu haben. Insgesamt rechnet die Gründerin aber mit einer steigenden Nachfrage, weil viele Veranstalter immer weniger dem Zufall überlassen wollten.

Fan Philip Winkler sieht seinen Nebenjob durchaus auch kritisch. Das Vermieten eines Publikums sei ein klarer Beleg dafür, dass „heutzutage eigentlich alles käuflich ist“.

Informationen zum Beitrag

Titel
Klatschtanten kann man mieten
Autor
Stefan Gitman
Schule
Deutsche Schule , Prag
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2014, Nr. 181, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance