Ein Elvis kommt selten allein

Ein Elvis kommt selten allein

Nachts in Las Vegas. Die Stimmung ist aufgekratzt, ein angetrunkenes Pärchen findet torkelnd seinen Weg zum Altar und blickt in das lächelnde Gesicht von – Elvis Presley; er ist ihr Pfarrer. Solche Szenen kennt man aus Komödien – der „King of Rock n Roll“ ist die vielleicht am meisten imitierte Person der Welt. Es gibt sogar den Beruf des Imitators. Diesen übt Oliver Steinhoff seit zwölf Jahren aus. „Es gibt derzeit keinen weiteren Elvis-Darsteller in Europa, der Referenzen nachweisen kann, die nur im Ansatz an meine heranreichen“, behauptet er selbstbewusst. Zumindest ist er der bisher einzige Elvis-Darsteller aus dem deutschsprachigen Raum, der den Titel des Europameisters der Elvis-Darsteller errungen hat und mit dem Preis als bester Elvis-Imitator in Las Vegas, im Jahr 2011, ausgezeichnet wurde. „Für mich ist die Vermittlung des musikalischen Erbes dieser unsterblichen Musiklegende ein großes Anliegen“, sagt Steinhoff. „Viele haben mich am Anfang meiner Karriere ausgelacht, weil ich an diesen Traum geglaubt habe.“ Jetzt lache keiner mehr.

Mit seinem ungewöhnlichen Beruf erzielt der ehemalige Schlosser aus dem Weserbergland einen jährlichen Umsatz im unteren sechsstelligen Bereich. „Aus meinem Hobby ist für mich ein Traumberuf geworden. Ich bin selbständig und reise durch die ganze Welt.“ Nach Aussage der Elvis Presley Gesellschaft (EPG) in Bonn, dem größten Elvis-Fanclub Deutschlands, gibt es hierzulande nur eine Handvoll Künstler, die ihren Lebensunterhalt als Imitatoren bestreiten können.

Dass das Geschäft mit Elvis noch lange nach dem Tod des Künstlers weiterbestehen kann, beweist die Stadt Bad Nauheim. Presley war von 1958 bis 1960 als Soldat in der Nachbarstadt Friedberg stationiert. Heute lockt das jedes Jahr stattfindende dreitägige European Elvis Festival zum Todestag des Entertainers am 16. August Fans aus ganz Europa nach Bad Nauheim. Abgesehen von dem Festival in Memphis, Tennessee, ist das in der kleinen Stadt stattfindende Festival nach Angaben der EPG das größte seiner Art.

„Dennoch sind die Festivals nie ein Profit-Geschäft für uns“, sagt Katja Heiderich, Geschäftsführerin der Bad Nauheimer Stadtmarketing & Tourismus GmbH. „Die Veranstalter sind zwar die Stadt und die Elvis Presley Gesellschaft, durch das Festival selbst verdienen wir jedoch nichts.“ Die Gastronomie- und Hotelbranche profitiere hingegen von den vielen Besuchern an diesen drei Tagen. Die Besucherzahl liege im zweistelligen Tausenderbereich. Jeder Gast gebe im Schnitt 136 Euro am Tag aus. „Alle Unterkünfte und Hotels sind in dieser Zeit ausgebucht“, sagt Heiderich. Maria Hesterberg, Mitglied des Vorstands der Elvis-Gesellschaft, berichtet, dass sich die Kosten für das Festival im fünfstelligen Bereich bewegen. Vom Festival profitierten auch Sponsoren, weil es in ganz Europa ein hohes Ansehen genieße.

Einmal im Jahr wird die kleine Stadt nördlich von Frankfurt also zum Versammlungsort von Elvis-Fans und Musikliebhabern. Der Kurort steigert seine Bekanntheit und verbessert sein Image. Es sei für jeden etwas dabei, berichtet Heiderich. „Manche wollen auf Modenschauen den alten Zeitgeist erleben, andere mit dem Besuch von Ausstellungen dem Einfluss Elvis’ auf die Musikgeschichte auf den Grund gehen.“ Viele lassen sich von Imitatoren unterhalten. Diese bekommen eine Gage, die nach EPG-Angaben von einigen hundert Euro bis zu einer fünfstelligen Summe reichen kann.

Auch Oliver Steinhoff tritt in Bad Nauheim auf. Immer besteht für ihn die Herausforderung darin, seine Shows abwechslungsreich zu gestalten. Das gilt unabhängig davon, ob er in kleinem Kreis vor rund vierzig Personen auftritt oder auf einer größeren Veranstaltung vor 2000 Personen. Bei öffentlichen Veranstaltungen wie Stadtfesten kann die Zuschauerzahl sogar fünfstellig sein. Das Überstreifen des berühmten weißen Kostüms reicht aber bei weitem nicht aus, um Elvis professionell zu imitieren. „Ein guter Imitator ist authentisch, ehrlich und übt bis zur Perfektion, um das Andenken des Rock-Gottes zu wahren“, erklärt Steinhoff. „Man darf nicht denken, dass man Elvis persönlich ist. Wer sich nach einer Show also umzieht und immer noch davon ausgeht, dass er Elvis ist, hat es definitiv nicht verstanden.“ Wie lange er diesen Beruf noch ausüben möchte, weiß Steinhoff nicht. Er weiß nur: „Der Beruf ist auch im hohen Alter noch möglich.“ So gebe es Kollegen in Amerika, die weit über 60 Jahre alt seien. „Es kommt einzig darauf an, eine gute Show abzuliefern.“

Jede Show sei, je nach Publikum, anders aufgebaut. Bei Firmenveranstaltungen werde der Fokus auf die alten Klassiker gelegt, erzählt der Unterhaltungskünstler. „Ein Publikum, in dem nicht alle Gefallen an Elvis’ Musik finden, für 45 bis 60 Minuten in den Bann zu ziehen, ist eine Herausforderung.“ Steinhoffs Kundenkreis reicht weit: Er tritt auf Privat-, Firmen- oder Messeveranstaltungen auf, arbeitet für Sender wie RTL, ZDF und ARD, ist schon im „Tatort“ zu sehen und im Radio zu hören gewesen. Seine Gage richtet sich zum einen nach der Größe der Veranstaltung und zum anderen danach, ob er alleine oder mit Band auftritt. „Mein Gehalt bewegt sich zwischen 2000 und 20000 Euro.“ Einen großen Teil seiner Einnahmen investiert Steinhoff wieder. Für maßgeschneiderte Elvis-Anzüge aus den Vereinigten Staaten und andere geschäftsbezogene Artikel gab der Künstler in den vergangenen zehn Jahren rund 100000 Euro aus.

Steinhoff ist nicht nur hierzulande, sondern auch in Amerika gefragt. „Allein dieses Jahr werde ich drei Mal in den Staaten auftreten, sogar in Hotels in Las Vegas, in denen Elvis einst selbst performte.“ Zu den ganz besonderen Momenten seiner Berufsausübung zählt er Auftritte mit Original-Musikern von Presley wie John Wilkinson oder The Sweet Inspirations. „Das sind unvorstellbare Momente, die ich kaum fassen kann und für die ich unendlich dankbar bin.“

Doch wie lange wird der Kult um einen Künstler, der schon fast vierzig Jahre tot ist, noch andauern und die Branche der Imitatoren davon profitieren? Steinhoff ist gelassen: „Wunderlicherweise besuchen immer mehr junge Menschen meine Auftritte und Konzerte. Elvis Presleys Musik ist unsterblich, der Berufsbestand somit gesichert.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Elvis kommt selten allein
Autor
Sonali Beher
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2014, Nr. 181, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance