Wo der Urlauber zum Alleinunterhalter wird

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Manche Kunden der Tischler Reisen AG befassen sich voller Vorfreude mit dieser Frage. Denn das Reiseunternehmen aus Garmisch-Partenkirchen bietet unter dem Motto „Leben wie Robinson Crusoe“ einen Aufenthalt auf der einsamen Südseeinsel Luahoko an. Wer diese Reise bucht, ist wie die Romanfigur auf einer unbewohnten Insel ganz auf sich allein gestellt. Man muss aber nicht 28 Jahre dort bleiben, sondern nur zehn Tage. Die modernen Robinsons bekommen darüber hinaus ein Mobiltelefon für den Notfall mit. Außerdem absolvieren sie zuvor mit Einheimischen des Königreichs Tonga auf Foa Island ein Training, bei dem sie lernen, wie man mit einer Machete umgeht, am offenen Feuer kocht, Kokosnüsse öffnet und Matten und Hüte aus Palmblättern flicht. Dann geht es mit dem Boot auf die Insel, ausgestattet mit einem Paket mit den wichtigsten Lebensmitteln – falls das Fischefangen nicht klappt.

Bei der Ankunft finden die Teilnehmer eine traditionelle, aus Palmblättern erbaute Hütte vor, in der es nur eine Kerosinleuchte gibt. Kein Strom, kein Lärm, kein Auto, keinen Fernseher, kein Internet, keine Termine, nur Meeresbrandung und weiße Strände – eine ideale Möglichkeit zum Abschalten. Im Anschluss an die Zeit des einfachen Lebens verbringen die Reisenden noch sieben Tage in dem komforta blen Sandy Beach Resort auf Foa Island in geschmackvoll eingerichteten Bungalows und bei abendlichen Drei-Gänge-Menüs, um sich wieder an die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu gewöhnen.

Der Leiter dieses Resorts, der Hamburger Jürgen Stavenow, hatte die Idee der Robinsonade und sich damit vor drei Jahren an den Südseespezialisten Tischler Reisen gewandt. Man sei dann das erste Unternehmen gewesen, das eine solche Robinsonade angeboten habe, sagt Tischler-Produktmanagerin Manuela Zilling. Mittlerweile haben auch große Reiseveranstalter ein abgeschiedenes Inselleben auf Zeit in ihre Programme aufgenommen, zum Beispiel auf der Koralleninsel Krakal. „In unserer Überflussgesellschaft ist es für viele gestresste Menschen eine wohltuende Erfahrung, ohne Kontakt zur Außenwelt pures Inselfeeling zu genießen, und gleichzeitig eine Herausforderung, ganz auf sich allein gestellt zu sein und sich selbst zu versorgen“, sagt der Vorstand des Reiseveranstalters, Thomas Tischler.

Stavenow erzählt, wie er auf die Idee der Robinsonade gekommen ist: „1994 habe ich mit den Einheimischen Sandy  Beach errichtet. Wir haben eine einfache Hütte aus Palmwedeln gebaut, in der ich bis Ende der Bauzeit gelebt habe. Später habe ich meinen Gästen von diesem außergewöhnlichen Erlebnis erzählt. Es gab etliche, die sich das auch einmal wünschten.“

Nun könnten sie auf Luahoko „mal wegkommen von all dem Multimedia unserer Tage. Zurück zu den Wurzeln des Lebens. Besinnung auf das, was zählt im Leben.“ Die Robinsonade sei ein Abenteuer, in dem man viel über sich selbst und seinen Partner lernen könne. Immer mehr kämen, um auf der Insel ihre Flitterwochen zu verbringen. Nach Stavenows Angaben stammen 30 Prozent der Urlauber aus dem deutschsprachigen Raum – trotz einer Anreise von dreißig Flugstunden. Die Mehrzahl seien aber Australier und Neuseeländer.

Für dieses besondere Erlebnis zahlt man je Person 2900 Euro; die Übernachtungen davor und danach und die Inlandsflüge sind im Preis enthalten. Neben der Robinsonade, die nur ein Nischenprodukt ist, hat sich Tischler Reisen auf weit entfernte Zielorte außerhalb Europas spezialisiert. Man wirbt mit authentischen Reiseerlebnissen abseits vom Massentourismus und maßgeschneiderten Angeboten. Auch ausgefallene Wünsche wie die Übernachtung in einer Gastfamilie oder ein Privatchauffeur würden erfüllt. „Der Markt für individuelle Fernreisen teilt sich in erster Linie auf viele kleinere Anbieter auf, aber auch Konzerne wie die Dertour-Gruppe, TUI oder FTI interessieren sich zunehmend dafür“, sagt Zilling.

Fernreisen machten 2013 nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes 16 Prozent der Reiseziele aus, der Anteil der Südsee betrug nur 0,9 Prozent. Sie verzeichnete allerdings die höchsten Zuwachsraten, vor allem die individuellen Fernreisen legten zu. Für Tischler Reisen arbeiten 45 Personen; das inhabergeführte Unternehmen wurde 1976 von Thomas Tischler als Mittler von Charterflügen für englische Gastarbeiter in München gegründet. Es folgte die Organisation von Abenteuerreisen auf die Philippinen. „Mein erster Auftrag war es, die Marlboro Abenteuer Reisen zu organisieren“, erzählt Tischler.

Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes lag Tischler mit gut 22 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr und einem Marktanteil von 0,9 Prozent auf Platz 46 in der Rangliste der deutschen Reiseveranstalter. Die Robinsonade macht nach Angaben des Unternehmens nur einen Bruchteil des Umsatzes aus. Angebote in die Südsee trügen mit etwa 3Prozent zum Umsatz bei, zwischen 2000 und 3000 Personen buchten diese Reiseziele. Es sei ein kleiner, aber stetig wachsender Markt.

Das Robinson-Spezial wählen etwa 2Prozent der Südseereisenden. Kunden sind laut Zilling vor allem Paare mittleren Alters zwischen 40 und 65 Jahren. „Schnorcheln, Kajakfahren oder einfach nur am Strand spazieren – man kann total abschalten“, schrieb ein Gast nach dem Aufenthalt. Ein anderer betonte: „Dies ist eine einzigartige Erfahrung und jedem zu empfehlen, der sich wie Tom Hanks in ,Cast Away‘ fühlen will.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo der Urlauber zum Alleinunterhalter wird
Autor
Patrizia Spanier
Schule
Berufskolleg , Siegburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2014, Nr. 181, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance