So süß sind Schüler nur am ersten Schultag

So süß sind Schüler nur am ersten Schultag

Sie hielten kleine, mittelgroße und riesige Zuckertüten in den Händen, verglichen die Tütengrößen und waren, je nachdem, neidisch oder stolz. Meine Zuckertüte hättet ihr sehen müssen! Ich kam mir vor wie ein Zuckertütenfürst." Diese Zeilen stammen von Erich Kästner. Jeder hat sie schon gehabt oder wird sie bekommen: die Schultüte. Hans-Günter Löwe, ehemaliger Lehrer und Autor aus Hamburg, der sich in einem Buch mit Geschichte und Brauch der Schultüte auseinandergesetzt hat, erklärt: "Nachdem der Nikolaus seine Arbeit für das Jahr erledigt hat, möchte er sich schlafen legen. Vorher vertraut er den Zwergen noch eine besondere Zwiebel an, aus der ein Zuckertütenbaum heranwachsen soll." Der Zuckertütenbaum gehöre in Mitteldeutschland zu den Geheimnissen der Kindheit beziehungsweise zum Schulanfang jedes Kindes.

In ihren Anfängen sei die Schultüte lediglich den Wohlhabenden vorbehalten gewesen; sie habe gezeigt, dass man sich Bildung leisten konnte. Dem ist spätestens seit einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichtes von 1993 nicht mehr so: Dort heißt es: "Der Besitz einer Schultüte gehört zum notwendigen Lebensunterhalt eines Kindes, das eingeschult wird." Seitdem steht allen Eltern, die Sozialhilfe erhalten, Geld für den Kauf einer einfachen Schultüte samt Inhalt zu.

Ungefähr zu der Zeit, als Kästner eingeschult wurde, kam Carl August Nestler im erzgebirgischen Dorf Wiesa in Sachsen auf die Idee, sich mit der Produktion von Pappprodukten selbständig zu machen. Zunächst wurde Pappspielzeug hergestellt, später entdeckte man dann das wirtschaftliche Potential der Schultüte. So begann Nestler 1910 als erster Hersteller in Deutschland mit der serienmäßigen Produktion von Schultüten.

Die Nestler GmbH Feinkartonagen in Ehrenfriedersdorf wird seit 1990 von Ursula Nestler geleitet. Ihre Tochter, Bettina Nestler, verantwortlich für Produktentwicklung, berichtet: "Da die Schultüten-Einschulungstradition nur in Deutschland, in Teilen Österreichs und der Schweiz bekannt ist, gibt es deutschlandweit nur fünf Hersteller. Jährlich werden von der Branche zwischen 4 und 5 Millionen Schultüten hergestellt, von denen Nestler 2 Millionen produziert."

Trotz sinkender Erstklässler-Zahlen habe man den Absatz der Schultüten steigern können. Die demographische Entwicklung werde dadurch kompensiert, dass Kinder oft mehr als eine Schultüte geschenkt bekämen. Bettina Nestler sagt: "Im Schnitt können wir sogar von neun ausgehen." Ursula Nestler erklärt das damit, dass die Schultüte zu Schulbeginn eine gute Verpackung für Geschenke sei. "Zugleich weitet sich stetig der Werbeartikel-Bereich aus", ergänzt Bettina Nestler. So produziert Nestler für Werbeträger individuelle Tüten; sie werden mit dem Logo des Unternehmens bedruckt und mit Werbegeschenken gefüllt.

Im Jahr 1995 produzierte Nestler erstmals mehr als eine Million Schultüten. 2013 erreichte man die Zwei-Millionen-Marke. Seitdem sei der Absatz weiter leicht gestiegen. Der Verkauf der Schultüten macht rund 60 Prozent des Umsatzes aus. Die restlichen 40 Prozent stammen aus dem Verkauf von Pappostereiern und Weihnachtskugeln.

Wann es die erste Schultüte gab, ist nicht wirklich bekannt. Lange Zeit dachte man, dass die erste Schultüte 1817 in Jena überreicht wurde. Mittlerweile sind jedoch ältere Befunde aufgetaucht. Der älteste geht bis 1781/82 zurück. Damals wurde Karl Gottlieb Bretschneider, ein bekannter protestantischer Theologe in Sachsen, eingeschult. In seiner Autobiographie schreibt er: "Ich erinnere mich noch, wie ich in die Dorfschule zu Gersdorf geführt wurde und eine Zuckerdüte vom Schulmeister bekam, und wie ich glaubte, dass ich alle Tage eine solche erhalten würde." "Somit konnte für ihn das Schenken von Schultüten noch keine bekannte Angelegenheit gewesen sein", folgert Löwe. Gut zwanzig Jahre später scheint die Schultüte schon ein alter Brauch zu sein. So schreibt der deutsche Schriftsteller Ludwig Bechstein: "Im fünften Jahre führte man mich zur Schule, ich empfing die Süßigkeit des wichtigen Tages, als mir der Kantor nach altem Brauch eine große Zuckerdüte verehrte."

Nestler beschäftigt rund sechzig Mitarbeiter. Für die Produktion der Schultüten werden Motivbögen entworfen, die von Druckereien vervielfältigt werden. Dann werden die Druckbögen in die Tütenform gewickelt, gefalzt und mit Borten verziert. "Von entscheidender Bedeutung für den Verkaufserfolg ist die Gestaltung der Tüten", schreibt Löwe. Nestler hat etwa sechzig Motive im Programm. Bis in die frühen neunziger Jahre wurden nur Märchen oder traditionelle Motive abgebildet. "Mit der Entwicklung des Medienkonsums ergaben sich neue Motive. Heutzutage sind nicht mehr Märchen, sondern Motive aus Kinofilmen und Fernsehserien angesagt", sagt Bettina Nestler. Derzeit seien Figuren aus Monster High, Star Wars, Disneys Cars und Mia and me besonders beliebt, aber auch Klassiker wie Pferdemotive und Dinosaurier.

Vor gut 100 Jahren, um 1915, wurde die Schultüte auch als Symbol für den Nationalstolz genutzt: Bilder des Kaisers Wilhelm II. oder des österreichischen Kaisers Franz Joseph wurden darauf gedruckt. Während der Nazi-Zeit war die Einheitstüte verbreitet. Erstaunlicherweise gab es aber so gut wie keine nationalsozialistischen Elemente auf den Schultüten.

In der DDR wurde die Tüte dann üblicherweise mit einem einzigen Bild oder einer Bildergeschichte bedruckt. Im Westen sah die Gestaltung anders aus. Lange Zeit beschränkte man sich auf einfarbiges Papier, Metallfolie, Filz oder Stoff. Oft wurde das Ganze mit einem Schriftzug oder Bild versehen.

Heute basteln immer mehr Eltern und Kinder die Schultüte selbst. Bei Nestler haben die Bastelsets aber nur einen Umsatzanteil von 5 Prozent. Im Handel werden die Schultüten zu Preisen zwischen 2 und 25 Euro verkauft, die Selbstbastel-Sets für 15 bis 25 Euro.

Nach einer Forsa-Umfrage von 2012 waren 31 Prozent der befragten Eltern bereit, für Schultüte und Inhalt 11 bis 20 Euro auszugeben, 40 Prozent waren bereit, bis zu 40 Euro zu investieren. In Ostdeutschland war es noch mehr. "Die neuen Bundesländer feiern den Schulanfang deutlich intensiver als die alten Bundesländer. Der Tag wird wie eine kleine Hochzeit begangen", weiß Bettina Nestler. Der Inhalt der Tüten ist über die Jahre gleich geblieben: Süßigkeiten, Spielzeug und Schulutensilien. 99 Prozent der Eltern kommen laut Umfrage nach wie vor nicht auf die Idee, ein Handy in die Schultüte zu stecken.

Informationen zum Beitrag

Titel
So süß sind Schüler nur am ersten Schultag
Autor
Leonie Uliczka
Schule
Mallinckrodt-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2014, Nr. 205, S. 21
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance