Das Leben wird auf die Probe gestellt

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Miprotect kaum von einem handelsüblichen Schwangerschaftstest. Allerdings misst Miprotect ganz andere Werte. Wenn dort zwei Streifen erscheinen und das Ergebnis somit positiv ist, könnte es um weit mehr als um ein einzelnes Menschenleben gehen. Unter Umständen könnte dieses Testergebnis Tausende Menschen das Leben kosten. Denn „positiv“ bedeutet bei Miprotect, dass biologische Kampfstoffe eingesetzt worden sind.

Miprotect von der Miprolab GmbH in Göttingen ist der erste und einzige deutsche Schnelltest, der das Aufspüren von biologischen Waffen ermöglicht. Miprolab, das sich seit fast zehn Jahren mit mikrobiologischer Detektion und Diagnostik beschäftigt und auch einen Schnelltest zur Schlangenbiss-Diagnose im Angebot hat, wurde 2005 aus der Georg-August-Universität Göttingen heraus gegründet. Mittlerweile sind neben dem Geschäftsführer Frank Gessler und der technischen Leiterin Sibylle Pagel-Wieder neun weitere Mitarbeiter in dem Unternehmen tätig.

„Das Aufspüren biologischer Stoffe ist im Vergleich zu chemischen Kampfstoffen oder radioaktivem Material relativ schwierig“, erklärt Dieter Rothbacher, ehemaliger UN-Chemiewaffen-Inspekteur. Rothbacher, der als Gesandter der Vereinten Nationen den Abbau des Chemiewaffenprogramms Saddam Husseins im Irak überwachte, ist heute Miteigentümer des Unternehmens Hotzone Solu tions, das international Einsatzkräfte für ABC-Waffen-Szenarien ausbildet. Durch Miprotect sei es viel leichter geworden, die biologischen Erreger zu bestimmen.

Bärbel Niederwöhrmeier, Abteilungsleiterin im Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz (WIS) des deutschen Verteidigungsministeriums, zeigt ein weiteres Problem auf: „Bei den biologischen Waffen besteht im Gegensatz zu den chemischen und atomaren Waffen die besondere Gefährdung in der Möglichkeit der Multiplikation. Es handelt sich in vielen Fällen um Zoonosen, das heißt die Übertragung von Tier zu Mensch oder Mensch zu Tier ist möglich.“

Um in einer solchen Situation handlungsfähig zu sein und das Schlimmste durch möglichst frühe Diagnosen zu verhindern, bedient sich auch das deutsche und schweizerische Militär des Miprotect-Systems. Dennoch, merkt Niederwöhrmeier an, könne man leider noch nicht direkt von Früherkennung, dem Aufspüren vor Ort und in Echtzeit, sprechen. Für die Früherkennung von A- und C-Kampfstoffen seien tragbare, feldfähige Geräte auf dem Markt verfügbar. „Für den Nachweis von biologischen Kampfstoffen ist die Echtzeitanalyse jedoch noch nicht möglich. Hier sind Nachweiszeiten von bis zu dreißig Minuten nicht ungewöhnlich.“ Immerhin kann Miprotect mit einer Nachweiszeit von weniger als zwanzig Minuten punkten.

Miprotect solle vor allem dem Schutz der Bevölkerung vor bioterroristischen Anschlägen dienen, sagt Pagel-Wieder. „Ist ein biologischer Kampfstoff erst einmal ausgebracht, müssen die verantwortlichen Einsatzkräfte in kürzester Zeit die notwendigen Schutzmaßnahmen einleiten.“ 2005, im Gründungsjahr von Miprolab, waren in Deutschland insbesondere amerikanische und kanadische Produkte zur B-Waffen-Detektion auf dem Markt. Lange Lieferzeiten waren in Europa nicht ungewöhnlich. Außerdem wurden bei Untersuchungen der amerikanischen und kanadischen Schnelltests durch das Labor Spiez – die schweizerische Fachstelle für den Schutz der Bevölkerung vor atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen und Gefahren – und das WIS qualitative Unzulänglichkeiten festgestellt. „Und so erhielten wir 2005 von der Armasuisse, der Beschaffungsorganisation für Rüstungsgüter der Schweiz, und dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr den Auftrag, Schnelltests für den Nachweis von biologischen Kampfstoffen in Kooperation mit dem WIS und dem Labor Spiez zu entwickeln und herzustellen“, berichtet Frank Gessler, Mitgründer von Miprolab.

Die Anfangsinvestitionen zur Entwicklung von Miprotect beliefen sich auf 750000 Euro. „Seit 2013 ist Miprotect nun endlich offiziell auf dem Markt“, sagt Pagel-Wieder. Der Schnelltest sei relativ einfach zu handhaben, ähnlich wie ein Schwangerschaftstest. Die Substanz werde mit einem Röhrchen aufgenommen und darin verdünnt. Die verdünnte Probe müsse in der ovalen Öffnung des Tests aufgetragen werden. Bei Vorhandensein von biologischem Material komme es zur Bildung eines Antigen-Antikörper-Komplexes in der Membran der Testregion. „Die Endanwender sind in erster Linie im zivilen Bereich zu finden, zum Beispiel die Berufsfeuerwehren oder das THW. Im militärischen Bereich wird der Test von ABC-Abwehreinheiten sowie von wissenschaftlich-technischen Institutionen des Militärs nachgefragt.“

Die Miprolab GmbH hat im 1. Quartal 2014 einen Umsatz von rund 800000 Euro erzielt. Im vergangenen Jahr hatte Miprotect einen Anteil am Gesamtumsatz von 33,5 Prozent. Dieser lag bei 495000 Euro. Ein Test kostet 27,50 Euro. 2013 wurden 10000 Tests verkauft, im ersten Quartal 2014 schon 26000.

Miprotect wird in Deutschland schon eingesetzt. Beispielsweise wurde Ende 2012 in der Arbeitsagentur in Coesfeld ein Brief mit verdächtigem weißem Pulver und Todesanzeigen gefunden. Durch Miprotect konnte jedoch schnell festgestellt werden, dass der Stoff ungefährlich war; es handelte sich um Urnenasche. Deutsche ABC-Abwehreinheiten haben den Test außerdem in Nato-Übungen eingesetzt sowie bei Auslandseinsätzen in Afghanistan und im Kosovo.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Leben wird auf die Probe gestellt
Autor
Leonie Uliczka
Schule
Mallinckrodt-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2014, Nr. 217, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance