Manche nehmen das Leben auf die leichte Schulter

Es sei der „totale Horror“ gewesen, sagt der versierte Tourengeher Daniel Buss, als er und eine Freundin am 6. Februar 2010 in der Nähe von Kitzbühel von einer Lawine fortgerissen wurden. „Ein Schneebrett über uns war abgebrochen. Es gab einen Schlag, und meine Skier wurden unter mir weggerissen. Ich bin sofort hingefallen, ein Entkommen war unmöglich“, erzählt Buss. Im Gegensatz zu seiner Begleiterin trug der erfahrene Alpinist einen Lawinenairbag, den er sofort auslöste. „Dank des Airbags schwamm ich wie auf einer Wasserrutsche auf den Schneemassen. Mein Kopf war immer oben, und ich konnte gut atmen“, sagt Buss. Als die Schneemassen zum Stillstand kamen, war er bis zur Brust im Schnee eingegraben. Seine Begleiterin, die kein Avalanche-Airbag-System (ABS) hatte, lag eineinhalb Meter tief unter dem Schnee – glücklicherweise direkt unter ihm. Als sich Buss selbst ausgrub, stieß er zufällig auf ihren Ski und konnte die bewusstlose Frau retten. „Ohne meinen ABS-Rucksack wären wir beide tot gewesen“, ist Buss sicher.

Durch seinen Lawinenunfall kam er in Kontakt mit dem Unternehmen, dessen Produkt wahrscheinlich sein Leben gerettet hat: die ABS Peter Aschauer GmbH aus Gräfelfing bei München, bei der Buss heute als Vertriebschef arbeitet. Peter Aschauer hat den Lawinenairbag erfunden. Er tüftelt seit fast 35 Jahren an dem System, nachdem er 1980 selbst beinahe zum Lawinenopfer geworden wäre. Aschauer machte sich die Lawinenerfahrung eines Forstmeisters zunutze, der beim Tragen von erlegtem Wild auf den Schultern an der Oberfläche von Schneebrettern geblieben war. Diese Volumenerweiterung des eigenen Körpers wurde in einfachen Versuchen getestet. 1980 bekam Aschauer für den Lawinenairbag ein Patent.

„In den touristischen Berggebieten, insbesondere in Nordamerika und in Europa, kommen rund 200 Personen je Winter in Lawinen ums Leben“, sagt Benjamin Zweifel, Lawinenprognostiker des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. „In der Schweiz stirbt rund jede achte Person, die von einer Lawine erfasst wird.“ Statistisch gesehen sinkt die Überlebenschance von ganz verschütteten Personen – auch der Kopf ist vergraben – markant: Sie beträgt nur 50 Prozent. Deswegen ist eine schnelle Bergung wichtig. Unverzichtbar ist eine Standardausrüstung aus Lawinenverschütteten-Suchgerät, Sonde und Schaufel. Darüber hinaus setzen immer mehr Tourengeher auf einen Lawinenairbag. Auch der Verband Deutscher Berg- und Skiführer „empfiehlt die Mitnahme eines Lawinenairbags, da dieser die Gefahr einer Verschüttung signifikant reduzieren kann“, wie dessen Präsident, Michael Lentrodt, betont.

Wenn man den Auslösegriff am Lawinenrucksack zieht, entfalten sich durch ein pyrotechnisch-pneumatisches System zwei Airbags in Schallgeschwindigkeit mit einem Volumen von 170 Litern. Durch diese Volumenvergrößerung schwimmt der Träger auf der Lawine. Der Airbag funktioniert allerdings nicht wie eine Schwimmweste. Denn eine Lawine ist physikalisch keine Flüssigkeit wie Wasser, sondern ein strömendes Granulat. Das zugrunde liegende physikalische Prinzip ist das der inversen Segregation: Unter dem Einfluss der Schwerkraft geschieht eine Entmischung, die inverse Segregation, durch die große Partikel eher an die Oberfläche, kleinere eher in die unteren Schichten gelangen. Der Lawinenairbag macht seinen Träger zu einem großen Partikel, der von dieser Sortierung profitiert und mit größerer Wahrscheinlichkeit an der Lawinenoberfläche abgelagert wird.

Die ABS Peter Aschauer GmbH ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Bereich der Lawinenairbags. „Der erste Lawinenairbag wurde 1985 vorgestellt. Seit beinahe dreißig Jahren verkaufen wir unsere Airbag-Rucksäcke mit starken Steigerungsraten, insbesondere in den letzten Jahren mit jährlichen Steigerungen von 20 bis 30 Prozent“, sagt Marketingmanagerin Katja Töbelmann. In den vergangenen drei Jahren hätten sie sogar mehr als 30Prozent betragen. Der Bilanzgewinn belief sich im Geschäftsjahr 2012/2013 auf 3,3 Millionen Euro. Der Airbag wird in mehr als 25 Länder exportiert.

Das bayerische Unternehmen beschäftigt 32 Mitarbeiter. Die Fertigung eines ABS-Rucksacks inklusive Funktionsprüfung dauere eine knappe Stunde. Im Winter 2013/2014 wurden mehr als 30000 Airbagsysteme verkauft. Die Preisspanne liegt zwischen 630 und 874 Euro. „Etwa 50 Prozent werden in eigene Rucksäcke eingebaut, und die andere Hälfte in Rucksäcke von Partnerfirmen integriert“, erklärt Töbelmann. Der größte Partner ist der führende Hersteller für Lawinennotfallausrüstungen, die Bergzeit GmbH mit der Marke Ortovox.

Seit 1985 wird das System in Zusammenarbeit mit Lawinenexperten, Bergführern, Universitäten und Sportlern weiterentwickelt. „So ist ABS beispielsweise der einzige Anbieter, der eine Wireless Activation, einen Fernauslöser per Funk, anbietet, der es ermöglicht, dass ein Skifahrer im Notfall den ABS-Airbag seines Kameraden auslöst“, sagt Töbelmann. Viel habe sich auch beim Gewicht getan. Lange Zeit habe das hohe Gewicht viele Skitourengeher vom Kauf abgehalten. „Mittlerweile wiegt der leichteste Airbagrucksack nur 2,2 Kilogramm.“

Knapp zwei Jahrzehnte hatte das Unternehmen das Monopol auf dem Markt, bis das Patent auslief. ABS ist zwar immer noch Weltmarktführer, jedoch gibt es heute drei unabhängige Anbieter, die sich in Europa den Markt teilen: Neben ABS sind das der amerikanische Hersteller Backcountry Access, der 2013 vom Sportartikelhersteller K2 Sports übernommen wurde, und das Unternehmen Snowpulse, das seit 2011 zum schweizerischen Outdoor-Ausrüstungsunternehmen Mammut gehört. Die Preise für die Lawinenairbags reichen bei Mammut von 670 bis 970 Schweizer Franken, plus eine Kartusche entweder aus Stahl für 120 Franken oder Karbon für 250 Franken.

„In den letzten Jahren hat sich einiges auf dem Lawinenairbag-Markt getan. Noch nie hatten Kunden eine so große Auswahl“, berichtet der Pressesprecher von Snowpulse, Harald Schreiber. „Der Markt ist derzeit sehr profitabel und lockt weitere Mitbewerber an.“ So stellten zwei neue Hersteller auf der Sportartikelmesse Ispo 2014 in München neue Systeme vor: Black Diamond und Scott. Das Jetforce-System von Black Diamond nutzt eine aus der Weltraumforschung bekannte elektrisch betriebene Turbine zum Aufblasen des Ballons, im Gegensatz zu den Kartuschen der Konkurrenten.

ABS wirbt mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit von 97 Prozent für seine Modelle und beruft sich auf eine Statistik des Schweizer Lawinenforschungsinstituts. Die Airbags seien aber kein Freifahrtschein, warnt Lawinenfachmann Zweifel: „Eine Lawine bleibt auch mit noch so viel Ausrüstung lebensgefährlich.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche nehmen das Leben auf die leichte Schulter
Autor
Julian Frings
Schule
Lise-Meitner-Gymnasium , Grenzach-Wyhlen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2014, Nr. 217, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance