Die Düfte kennt man nur flüchtig

Die Düfte kennt man nur flüchtig

In den alten Hochkulturen der Ägypter und Inder beginnt die Geschichte des Parfüms. Heute gehört der Gebrauch von Duftwasser zum Alltag vieler Menschen. Nach Angaben des Statistikportals Statista wird das globale Marktvolumen von Parfüm auf rund 50 Milliarden Dollar geschätzt. In Deutschland werden für Düfte jährlich rund 1,6 Milliarden Euro ausgegeben, gut zwei Drittel für Damen- und ein Drittel für Herrendüfte. Knapp 50 Prozent der deutschen Frauen geben an, täglich oder mehrmals am Tag Parfüm oder Duftwasser zu verwenden.

Doch nach welchen Kriterien sucht der Verbraucher ein Parfüm aus? Das Marktforschungsunternehmen Facit hat herausgefunden, dass Form und Farbe einer Verpackung ein wichtiges Kriterium sind. Rund die Hälfte des Kauferfolgs mache die Gestaltung des Flakons und der Umverpackung aus. Ein schönes Äußeres fördert auch die Kaufbereitschaft von Günther Strähle aus Blaustein, der gerne Düfte verschenkt. „Beim Einkauf achte ich eher auf die Verpackung und den Flakon als auf den Duft“, berichtet er. Einen anderen Bezug zu Parfümflakons hat Jürgen Kunz aus Neu-Ulm. „Ich besitze rund 1350 Miniflakons, unter anderem zwei sehr unscheinbare aus dem Hause 4711, die aber in Sammlerkreisen bis zu 100 Euro bringen“, erzählt er.

Nicht nur die kleinen Originale aus dem Hause 4711, sondern auch die großen Flakons von 4711, die allseits bekannte Odol-Flasche und viele der auf der ganzen Welt angebotenen Parfümflakons stammen von der Heinz-Glas Group Holding HGGH GmbH & Co.KgaA; produziert wird an sieben Standorten auf der Welt. Heinz-Glas gehört mit seiner fast 400 Jahre zurückreichenden Glasmacher-Tradition zu den weltmarktführenden Unternehmen in der Herstellung und Veredelung von Glasflakons für die Parfüm- und Kosmetikindustrie. Es gebe nur wenige Wettbewerber, heißt es von dem Unternehmen. Seit 1977 leitet Carl-August Heinz das Familienunternehmen.

Das Unternehmen beziffert seinen Umsatz auf 250 Millionen Euro im Jahr, zwei Drittel werden in Deutschland erwirtschaftet. Der Umsatz habe sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt. „Das Wachstum kam vor allem aus dem wachsenden Veredelungs- und Dekorationsanteil unserer Glasflakons, aber auch über neue in- und ausländische Tochtergesellschaften“, erklärt Thomas Kneitz, der Geschäftsführer der FHH Familie Heinz Holding GmbH. Heinz-Glas beschäftigt fast 3000 Mitarbeiter. Neue Technologien, vor allem in der Veredelung, vergrößerten das Leistungsspektrum und führten zu neuen Arbeitsplätzen. In Deutschland fertigt man nicht nur am Unternehmenssitz im fränkischen Kleintettau, sondern auch in Piesau in Thüringen. Dort werden jährlich rund 35000 Tonnen Glas verschmolzen, an beiden deutschen Produktionsstätten etwa 60000 Tonnen und global rund 75000 Tonnen. Nach Angaben von Alfred Krischke, dem Technischen Direktor, wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 555 Millionen Flakons verkauft, aus dem Ausland kamen nochmal 250 Millionen Flakons hinzu.

Die Energiekosten hätten einen hohen Anteil an den Gesamtkosten, erklärt Krischke. „Die stark gestiegenen und wegen der Förderung der erneuerbaren Energien weiter steigenden Stromkosten bedeuten für unsere deutschen Standorte einen wesentlichen Wettbewerbsnachteil, den wir über Effizienzsteigerungen und Kostensenkung nicht mehr ausreichend kompensieren können“, sagt er. Eine Verlagerung der Produktion in Länder mit geringeren Energiekosten erscheine als unausweichliche Konsequenz.

Zu den Kunden von Heinz-Glas gehören Unternehmen wie Avon Cosmetics, Beiersdorf, Estée Lauder, LOréal und Yves Rocher. „Vermehrt bedienen wir das Luxussegment, vor allem in Frankreich und den Vereinigten Staaten“, sagt Marketingmitarbeiterin Ute Schaller. Zu den Kunden gehörten auch Dior, Chanel und Yves Saint Laurent. Die Kunden seien anspruchsvoller geworden, sagt Schaller. „Im Moment sieht man außergewöhnliche, extravagante Veredelungen, aufwendige Verschlüsse sowie besonders schwere dickwandige Flakons.“

Flakons für Damen- und Männerdüfte seien verschieden. „Die meisten Flakons für Damendüfte sind in der Formgestaltung etwas lieblicher und fließender sowie mehr verziert. Die Flakons der Herrendüfte zeichnet eine kantige, geradlinige, oft geometrische Form aus.“ Die Edelflakons von Labels wie Dior, Chanel, Boss, Bruno Banani und Prada werden laut Schaller in Kleintettau hergestellt.

„Die Grundsubstanzen eines jeden Glases sind immer gleich: Sand, Sulfat und Salpeter. Für besondere Flakons ist jedoch eine besondere Rezeptur notwendig. Diese sorgt für den Reinheitsgrad des Glases und dessen Formgebung“, erklärt Jürgen Kühnert, der Leiter des Standortes Piesau. Bis auf ein Zehntel Gramm muss die Mischung stimmen, damit aus dem Rohstoffgemenge ein besonderes Produkt wird. Die Arbeitsumgebung des Glasmachers ist bei 100 Grad Celsius und einem hohen Lärmpegel vergleichbar mit dem Start eines Düsenjets. Die Rohstoffe werden bei etwa 1600 Grad Celsius geschmolzen. Es dauert einen Tag, bis das Gemenge miteinander verschmolzen ist.

Das zähflüssige Glas, das die Konsistenz von Honig hat, wird maschinell in gleichmäßige Portionen geschnitten. Anschließend werden die glühenden Glastropfen über Rutschen in zuvor aufwendig hergestellte Formen geführt. Nun wird das Glas in eine Vorform gepresst. Erst anschließend wird Druckluft in den Glaskörper gepresst; dadurch entsteht die markante Form der Flakons. Dann werden die rund 600 Grad heißen Flakons in einem 20 Meter langen Kühlofen auf 30 Grad Celsius heruntergekühlt. Da es sich laut Kühnert bei Glas um einen sehr spröden Werkstoff handelt, würde dieser bei nicht sachgerechter Abkühlung zerbrechen.

„Unsere Kunden tragen ihre Design ideen an uns heran“, berichtet Schaller. Diese werden dann im Zeichenbüro umgesetzt. Es vergeht teilweise bis zu ein Jahr, bis die Idee umgesetzt werden kann. Die Produktion eines Flakons dauert im Durchschnitt 2,5 Tage. Anschließend wird die Anlage für andere Formen umgebaut. Rund 300 Formen produziere man jährlich. Ob Metallic-Look oder Soft-Touch-Bedruckung – alles sei machbar.

Gläserne Kostbarkeiten können auch im Europäischen Flakonglasmuseum in Kleintettau besichtigt werden. Es wird von der Carl-August-Heinz-Stiftung finanziert. „Der älteste uns bekannte Flakon von Heinz-Glas ist ein mundgeblasener Miniatur-Flakon, der im Oktober letzten Jahres bei Fundamentarbeiten auf dem Betriebsgelände geborgen werden konnte“, sagt Restaurator Sandro Welsch. „Dieses Stück kann um das Jahr 1907 datiert werden.“ Der kleinste Flakon fasst etwa einen Milliliter und wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Heinz-Glas hergestellt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Düfte kennt man nur flüchtig
Autor
Veronika Erika Ayerle
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2014, Nr. 229, S. 23
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance