Passionierte Laiendarsteller

Oberammergau fiebert seinen Festspielen entgegen. Die größten Passionsaufführungen der Welt finden seit der Uraufführung im Jahr 1634 traditionell alle zehn Jahre statt; weil im Land die Pest wütete, hatten die Menschen ein Gelübde abgelegt.

Nur in Oberammergau Geborene oder solche, die seit mindestens zwanzig Jahren dort leben, dürfen bei den Spielen vom 15. Mai bis zum 3. Oktober als Akteure auftreten. Diese Ehre fordert ihren Tribut, denn seit dem 25. Februar 2009 gilt wieder der Haar- und Barterlass. Demnach sind die Schauspieler verpflichtet, sich ab diesem Datum bis zur Aufführung die Haare wachsen zu lassen, was für entsprechende Authentizität sorgen soll. Diesem Dogma unterwerfen sich in diesem Jahr etwa 2000 Erwachsene und mehr als 450 Kinder aus Oberammergau, das insgesamt rund 5000 Einwohner hat.

Im Jahr 1990 besuchten 480000 Teilnehmer die Spiele, vor zehn Jahren waren es 520000. Diesmal werden seitens der Festspielleitung wieder rund 500000 Besucher erwartet. Hierfür stehen für jede der insgesamt 102 Aufführungen 4700 überdachte Zuschauerplätze zur Verfügung.

Die Einzelkarten kosten zwischen 50 und 165 Euro laut Frederik Mayet, Pressesprecher der Passionsspiele. Mayet, der zugleich hauptberuflicher Pressesprecher des Münchner Volkstheaters ist, agiert in diesem Jahr als einer der beiden Jesus-Darsteller. Neben dem Angebot an Einzelkarten gibt es Arrangements zwischen 199 und 575 Euro, einschließlich Hotel und Transfer. „Das sollte man nutzen, solange die Möglichkeit dazu besteht. In unseren Zeiten des Internets werden die Arrangements jedoch zusehends weniger attraktiv“, meint Ignaz Schön, der Organisator der Passionsspiele, „so dass sich vermutlich in zehn Jahren das Verkaufssystem grundlegend ändern wird.“ Die Einzelkarten, die ein Drittel des Kontingents darstellen, sind nach Mitteilung der Pressestelle schon länger vergriffen. Schön rechnet mit einem positiven wirtschaftlichen Ergebnis. Bei einem Verkauf von 80 Prozent der Karten sei mit einem Überschuss zu rechnen. Das war im vergangenen Jahrhundert immer der Fall. Die Ausgaben mit erwarteten 33 Millionen Euro liegen freilich so hoch wie nie. „Insgesamt sind im Budget 21 Millionen Euro an Gehältern und Löhnen eingeplant“, erklärt Mayet. „Dividiert man das aber durch 2500 Mitwirkende und verteilt das auf eine sechsmonatige Probenzeit und eine fünfmonatige Spielzeit, ist die Summe, die jemand im Schnitt erhält, eher als Aufwandsentschädigung zu sehen.“

Ignaz Schön von der Gemeinde Oberammergau schätzt die Steuermehreinnahmen des Staates auf 20 Millionen Euro, vor allem aus der Mehrwertsteuer. Auch das Holzschnitzergewerbe profitiere von den Spielen, „allerdings waren die Holzschnitzer bei der letzten Passion mit den Erlösen nicht recht zufrieden“. Abgesehen davon, verzeichnet das gesamte Hotel- und Gaststättengewerbe in der Region Oberbayern für die Zeit der Passionsspiele einen kräftigen Umsatzanstieg.

„Freilich müssen wir alle aufpassen, dass die äußeren wirtschaftlichen Fragen nicht alles andere übertönen“, mahnt Peter Lederer, der Pfarrer der Gemeinde. „Im Jahr 2000 hatten wir beispielsweise große Probleme mit einem Reiseunternehmen, das in großem Stil Karten aufgekauft und massiv verteuert vertrieben hat.“ Auch Kardinal Joseph Ratzinger habe in seiner Eröffnungspredigt aus dem Jahre 1980 zur Vorsicht gemahnt. „Wenn dieser Maßstab vergessen wird, dann werden die Passionsspiele sinnlos, ja sie können dann schnell zu etwas sehr Verkehrtem und Falschem werden.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Passionierte Laiendarsteller
Autor
Marian Szidze, Friedrich-Koenig-Gymnasium, Würzburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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