Im Interview: Michael Braungart, Professor an der Erasmus-Universität in Rotterdam Ein Che

Produkte sollen nicht im Müll landen, sondern zu neuen Produkten werden, findet

Michael Braungart. Mit einem Architekten hat er ein neuartiges Umweltkonzept entwickelt: Je mehr gekauft wird, desto besser.

Wie viele Unternehmen haben das Cradle-to-Cradle-Prinzip bisher eingeführt?

Es gibt bislang weit über 1000 Cradle-to-Cradle-Produkte, und es gibt viele hundert Unternehmen, die Cradle to Cradle zu ihrer Grundlage machen.

Wie funktioniert das Konzept zum Beispiel?

Wir haben einen Fernseher für Philips entwickelt, der spart so viel Strom ein, dass man ihn den Kunden schenken könnte, wenn man allein die Stromeinsparungen über etwa zwölf Jahre nimmt. Uns geht es darum, die Dinge noch mal neu zu erfinden, und nicht darum, die Menschen umzuerziehen oder ihnen Angst zu machen.

Welche Auswirkungen haben steigende Rohstoffpreise auf das Konzept?

Letztlich ist es nicht das Entscheidende, ob sich die Rohstoffpreise verändern. Glücklicherweise ist jetzt die „Ich bin doch nicht blöd“-Generation in den Universitäten angekommen. Meine Studenten wollen einfach nur stolz sein auf das, was sie machen. Wenn sich Chemikalien in der Muttermilch wiederfinden, bin ich einfach nur ein schlechter Chemiker. Wenn ein Produkt zu Müll wird, ist das einfach dumm. Wer möchte denn dumm sein?

Was ist anders als bei herkömmlichen Umweltkonzepten?

Je mehr man als Kunde kauft, umso schneller kommt das Unternehmen voran. Damit wird Kaufen etwas Gutes. Wenn man viel kauft, hilft man dem Unternehmen, sich zu ändern. Aus Sicht des traditionellen Umweltschutzes war es hingegen immer besser, etwas gar nicht zu kaufen.

Sind die Cradle-to-Cradle-Produkte teurer?

Durchschnittlich sind unsere Produkte um etwa 20 bis 30 Prozent billiger, weil man die Intelligenz an den Anfang stellt. Man braucht hinterher keine Verbrennungs- oder Kläranlagen, und der Arbeitsschutz ist einfacher. Natürlich sind sie zunächst teurer, am Ende aber günstiger. Ein einfaches Beispiel sind unsere essbaren Bezugsstoffe, die zum Beispiel in der First Class des Airbus 380 verwendet werden. Sie können in Gärtnereien abgegeben werden. Andere Bezüge muss man als Sonderabfall teuer verbrennen lassen.

Welche Rolle spielt Plastik in der Cradle-to-Cradle-Welt?

Öl ist viel zu schade, um es für Energie zu verwenden. Es zu verbrennen ist so ziemlich das Dümmste. Es gibt bestimmte Kunststoffe, die man sinnvollerweise aus Öl herstellt und die man praktisch endlos einsetzen kann. Das heißt, sie lassen sich 200 Mal einschmelzen und wiederverwenden. Und dort fängt man sinnvollerweise mit Öl an. Die Massenkunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen lassen sich durchaus aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen und zwar aus Ölen, die man zum Beispiel aus Algen gewinnt. Diese Öle lassen sich für die Herstellung von Kunststoffen oder auch für andere Bereiche wunderbar einsetzen. Dann muss man keine landwirtschaftliche Fläche wegnehmen.

Was sollten die Politiker ändern, damit Cradle to Cradle auch in Deutschland mehr Erfolg haben könnte?

Wir brauchen Langzeitziele. Zum Beispiel haben die Leute bisher alles zum Buchdruck verwendet, was funktioniert. Alle unterschiedlichen, färbenden Metalle wurden eingesetzt, um Druckfarben herzustellen. Wenn Sie ein traditionelles Druckerzeugnis nehmen, dann ist die Asche so giftig, dass Sie diese nicht in die Landwirtschaft bringen können. Wenn nur der Zellstoff recycelt wird, geht dieser als Füllstoff in Kartons, und so kontaminiert man dann die Pizza und die Nudeln und auch die Adventskalender. Man könnte sagen, wir möchten Dinge nicht nur schadstofffrei haben, sondern alle Zutaten müssen positiv festgelegt werden.

Wenn ich als Politiker sage, 2025 soll in Deutschland nichts mehr produziert werden, was sich in der Muttermilch wiederfindet, dann haben meine jungen Wissenschaftler eine Chance, ihre neuen Dinge auf die Welt zu bringen. Oder wenn die Regierung sagt, wir möchten 2020 nur noch Druckerzeugnisse haben, die kompostierbar sind, dann schafft das eine völlig neue Ausgangslage, und die Länder, aus denen wir importieren, müssen sich dann auch danach richten.

Ist Cradle to Cradle für manche Unternehmen nur eine Imagepflege?

Es zeigt sich, dass die Unternehmen, die das machen, wirtschaftlich erfolgreich sind.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Interview: Michael Braungart, Professor an der Erasmus-Universität in Rotterdam Ein Che
Autor
Christopher Altstädt, Patrizia Spanier
Schule
Berufskolleg , Siegburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2014, Nr. 295, S. 23
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance