Stabile Luftschlösser

Innerhalb von zwei Tagen wird das 35 Quadratmeter große Haus fertiggestellt, es kostet 4000 Euro. Das Haus wiegt nur 400 Kilogramm, denn es besteht aus Holzabfällen in Form von Papier und zu 90 Prozent aus Luft.

Das Geheimnis des Universal-World-House ist der Verbundwerkstoff SwissCell. Sein Erfinder ist Diplom-Ingenieur Gerd Niemöller, Gründer und Mehrheitsgesellschafter der TPH Swiss GmbH sowie Verwaltungsrat in deren Ausgründung The Wall AG. TPH Swiss ist Hauptaktionär von The Wall, welche ihren Sitz in Schaffhausen in der Schweiz hat. Dort und in Ratingen werden die Aktien und Produkte vertrieben. Die Forschung, Entwicklung und Produktion der sogenannten SwissCell-Paneele finden in Altenholz bei Kiel statt. Es handelt sich um in Melaminharz getränkte Zellulosefasern, also mit Kunststoff verstärktes Papier. Das wird bei 160 Grad Celsius und unter einem Druck von 30 Bar zu einem neuen Material in Wabenform gepresst. Das Ganze sieht dann aus wie Schmirgelpapier, das mit Kunststoff überzogen ist. „Für die Ur-Wabe habe ich etwa zwei Jahre, mit Unterbrechungen, gebraucht“, erzählt Niemöller. „Der Bau des Wabenvollautomaten hat rund eineinhalb Jahre gedauert – er geht gerade durch die Erprobung.“ Niemöller entschied sich für die Waben, da diese leicht und zugleich stabil sind. SwissCell ist ein universell einsetzbarer Werkstoff mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Er ist einfach und schnell zu verarbeiten, was das Konstruieren und Bauen von Wänden, Dächern, Möbeln und vielem anderen vereinfacht. Es gebe kaum etwas, das man nicht aus SwissCell herstellen könne, sagt Niemöller. Auf Waben und den Wabenpressautomaten hat Niemöller in vielen Ländern Patente angemeldet.

Für die Konstruktion einer Hauswand benötigt man eine Deckschicht. Sie besteht aus umweltverträglichen, kalt hergestellten mineralischen Deckplatten, die beidseitig auf die Papierwaben geklebt werden. Das Material hat nur ein Zwölftel des Gewichtes vergleichbarer Fertighauswände. Trotzdem ist SwissCell hoch belastbar, ein Quadratmeter hat eine Traglast von mehr als 200 Tonnen. Es isoliert gut und hat eine feuerfeste Füllung.

Im Vergleich zu anderen leichten Waben-Materialien wie Aluminium ist die Produktion billig, SwissCell-Paneele kosten rund 150 Euro je Kubikmeter. Und sie kann vollautomatisch erfolgen. Somit zielt SwissCell auf den Massenmarkt. Zu Umsatz- und Gewinnzahlen kann man sich jedoch noch kein Bild verschaffen. „The Wall wird erst in diesem Jahr nennenswerte Umsätze erzielen, bisher haben wir geforscht und unsere Maschinen entwickelt. Wir erwarten, in diesem Jahr noch so viel Umsatz und Gewinn zu generieren, dass die gesamten Aufwendungen wieder zurückfließen“, sagt Niemöller. Diese wurden ausschließlich durch Eigenkapital und den Verkauf von Aktien finanziert. Niemöller geht von 10 bis 20 Millionen Euro Umsatz aus.

Der geringe Preis macht SwissCell für Katastrophengebiete und für die Dritte Welt interessant. „Erdbebensicher, temperaturbeständig, schnell aufzubauen und dabei bezahlbar“, beschreibt das Unternehmen den Einsatz von Schnell-Bau-Häusern mit SwissCell-Paneelen in diesen Gebieten.

Hierauf hat sich eine weitere Tochtergesellschaft der TPH Swiss, die Consido AG, spezialisiert. „Consido hat einen Masterplan: den weltweiten Bau von umweltverträglichen Siedlungen. Dazu gehören das Haus, erneuerbare Energie, sauberes Wasser und eine saubere Umwelt. Zu den einzelnen Themen wird es in Zukunft weitere Tochterfirmen der TPH Swiss geben“, erklärt Niemöller.

Consido möchte das Problem der Wohnungsnot in Südafrika lösen. Mit nur 16 mobilen Hausfabriken könnte innerhalb von einem Jahr der Wohnungsbedarf von ganz Kapstadt gedeckt werden. In den nächsten Jahren möchte man führender Hersteller von Fertig- und Serienhäusern im unteren Preissegment werden.

Ein Fertighaus verbraucht 6 Tonnen Holz, rechnet das Unternehmen vor. Das Universal World House benötigt nur 400 Kilogramm Holzabfälle. „Wir erwarten bereits im ersten Jahr erhebliche Umsätze und Gewinne“, kündigt Niemöller an. Er möchte künftig den preiswertesten Weg, umweltfreundlich zu bauen, bieten. Werbung wird dafür keine betrieben. „Wir werden mit Anfragen überrannt“, berichtet Niemöller. „Wir“, das ist sein Team aus derzeit 50 Mitarbeitern.

Anfragen für Niemöllers Haus kommen von überall auf der Welt. Auch ein Indianerreservat in Amerika erkundigte sich schon nach dem Universal World House. In Deutschland darf man es auch bauen lassen, noch ist aber eine Sondergenehmigung erforderlich. Niemöller und sein Team arbeiten gerade an der generellen Zulassung. Bisher wurden nur Musterhäuser geliefert, ab Mai sollen weitere auf Haiti und in Amerika gebaut werden, und man steht mit vielen Ländern und Firmen in Verhandlungen. Die Entwicklung in den vergangenen Monaten verlief rasant. „Täglich kommen Besucher in unser Forschungs- und Entwicklungszentrum nach Kiel, um sich die Häuser und Produktionsmaschinen anzuschauen“, schildert Niemöller, der sich für die Zukunft einiges vorgenommen hat. „Um unseren Vorsprung zu halten und möglicherweise auszubauen, geben wir einen beträchtlichen Betrag für Forschung und Entwicklung aus – erwarten Sie in Zukunft noch einige Überraschungen.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Stabile Luftschlösser
Autor
Alina Spitzber, Johannes-Kepler-Gymnasium, Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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