Kein Honigschlecken für deutsche Imker

Ob als Brotaufstrich, Backzutat, oder Süßungsmittel, seine vielfältige Verwendung macht Honig zu einem beliebten Genussmittel. Rund 1,4 Kilogramm je Kopf verzehrten die Deutschen im Jahr 2009, das ergibt einen Gesamtverbrauch von rund 100000 Tonnen. Um die Nachfrage zu decken, werden 80 Prozent des Angebotes aus dem Ausland importiert und als Rohware von einigen großen Abfüllbetrieben wie Langnese, Breitsamer und Biophar aufgekauft.

Vor allem in den Ländern Süd- und Mittelamerikas konnte sich aufgrund klimatisch günstiger Voraussetzungen und niedriger Lohnkosten eine kommerzielle Honigwirtschaft etablieren, gegen die die heimische Imkerei im wichtigsten Importland der Welt – Deutschland – kaum konkurrieren kann. Die Honigerzeugung erfolgt hier hauptsächlich durch die 81500 Mitglieder des Deutschen Imkerbundes (DIB). Nach Angaben des DIB wurden 2009 insgesamt 16413 Tonnen Honig erzeugt. Die vergangenen drei Jahre brachten niedrige Ernten, wobei der Durchschnitt unter 20000 Tonnen lag. Zur Erwerbsstruktur in der Imkerbranche sagt DIB-Sprecherin Petra Friedrich: „95 Prozent unserer Mitglieder sind Freizeit- und Nebenerwerbsimker. Berufsimker gibt es ein paar hundert, die aber auch nicht ausschließlich von der Imkerei leben.“

Einer dieser wenigen verbliebenen Vollerwerbsimker ist der nach Bioland-Richtlinien arbeitende Jan-Dirk Bunsen, der mit einer jährlichen Honigernte von etwa 15 Tonnen die größte Imkerei in Rheinland-Pfalz betreibt. Jedes seiner etwa 400 Bienenvölker erwirtschaftet einen Umsatz von durchschnittlich etwa 250 Euro, wobei eine Umsatzrendite von 40 Prozent möglich ist. „Die Imkerei wächst nur noch in kleinen Schritten“, sagt Bunsen. „Viel wichtiger ist nun, dass die Arbeit für uns Imker durch technische Hilfsmittel immer leichter wird.“ Mit moderner Ausstattung werden jährlich etwa 30000 Honiggläser befüllt, das sind 60 Prozent der Gesamternte. „Rund 80 Prozent der verpackten Ware verkaufen wir an die klassische Bioschiene.“ Der Rest geht an konventionelle Wiederverkäufer. Die verbliebene lose Ware kann derzeit gewinnbringend an den Fachhandel und an Imkerkollegen abgesetzt werden.

Die größte Gewinnspanne unter seinen Produkten erzielen laut Bunsen Raps- und Frühjahrsblütenhonig, die für einen Endverbraucherpreis von etwa 5 Euro je 500 Gramm erhältlich sind. Neben fünf Mischblütenhonigen sind acht Sortenhonige im Angebot. Letztere müssen laut Verordnung zu 60 Prozent aus der benannten Blütentracht stammen. Honige der Kategorie Mischblüte werden auf dem deutschen Markt zu einem Durchschnittspreis von 3,75 Euro je 500 Gramm angeboten, sie stehen an erster Stelle des Gesamtverbrauchs. Weiterhin unterscheidet man zwischen Nektarhonig und Honigtauhonig, der von den Absonderungen der Rindenläuse stammt. Zur Erzeugung dieser Honigsorten, darunter regionale Spezialitäten wie Tannen-, Edelkastanien- und Waldhonig, muss man die Bienenvölker transportieren, wodurch sich deutlich höhere Endverbraucherpreise von bis zu 6,70 Euro ergeben. „Auch wenn es mühsam ist, die Bienen während der Nacht umzustellen, macht es Spaß, das vielfältige Angebot der Natur mit den Bienen zu nutzen und mitzureisen“, sagt Bunsen. Über Video kontrolliert der Imker die Honigproduktion ausgewählter Völker, und sobald die Waben gefüllt sind, beginnt die Heimreise zurück aus den Wäldern der Vogesen, des Schwarzwaldes und anderer Trachtregionen zu den Überwinterungsplätzen nahe der Imkerei.

Die Übertragung der Pollen sichert die Bestäubung wichtiger landwirtschaftlicher Kulturpflanzen. Daraus ergibt sich ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen, der den Wert der Honigproduktion laut DIB um das 10- bis 15-fache übersteigt. Nach Schätzungen der Universität Hohenheim beträgt der ökonomische Wert der Bestäubung in Deutschland etwa 2,5 Milliarden Euro und weltweit bis 100 Milliarden. Als Folge hat sich in vielen Staaten ein eigener Zweig der Imkerei entwickelt, der sein Einkommen aus dem Vermieten von Bienenvölkern erzielt.
In Deutschland gewährleistet die Hobbyimkerstruktur eine Bestäubung der Landwirtschafts- und Wildpflanzen. „Das wachsende Bewusstsein der Bevölkerung, Verantwortung für die Natur zu übernehmen, trägt dazu bei, dass viele Kunden verstärkt deutsche Honige bestimmter Regionen und Trachten kaufen“, sagt Friedrich. Mehr als die Hälfte des heimischen Honigs wird für einen Durchschnittspreis von 4,50 Euro unter der Verbandsmarke „Echter Deutscher Honig“ des DIB vermarktet. Hauptvertriebsweg ist die Direktvermarktung, daneben wird er vor allem in Fachgeschäften und Reformhäusern angeboten, neuerdings auch in Supermärkten. „Laut Verordnung ist Honig ein Naturprodukt, dem nichts hinzugefügt oder entzogen werden darf. Das positive Image des Honigs wird deshalb gerne genutzt, um in anderen Produkten damit als Inhaltsstoff zu werben“, sagt Friedrich.

Auf dem deutschen Markt wächst vielleicht auch deshalb der Anteil biologischer Honigerzeugung. „Die geschätzte Produktion von Bio-Honig liegt für 2009 bei 1000 Tonnen, wovon etwa 30 bis 40 Prozent durch die 210 Imker des Biolandverbands erwirtschaftet wird“, erklärt Gerald Wehde, der Pressesprecher von Bioland. Die Mitgliederzahlen seien seit vielen Jahren steigend. „Die Verbraucher orientieren sich mehr in Richtung nachhaltige Produktion von Lebensmitteln, die ohne Einsatz von bedenklichen Stoffen erzeugt wurden“, sagt Wehde. Kritiker äußern Bedenken hinsichtlich der Reinheit von Bio-Honig, denn schließlich kann ein Imker nicht vermeiden, dass seine Bienen auch die Kulturen der konventionellen Landwirtschaft befliegen. „Eine vollkommene Rückstandsfreiheit kann, wie auch für andere Produkte des ökologischen Landbaus, nicht garantiert werden. Allerdings sind sehr viele Trachtpflanzen wie Akazie, Edelkastanie und Heidekraut wildwachsende Pflanzen, bei denen sich diese Frage gar nicht stellt“, erklärt Wehde. Das entscheidende Element der ökologischen Imkerei sei die Betriebsweise des Imkers. Also die Medikamente, Hilfsstoffe und Materialien, die er einsetzt. Gegen den größten Bienenfeind, die vor drei Jahrzehnten aus Asien eingeschleppt Varroamilbe, werden ausschließlich Ameisensäure und Oxalsäure eingesetzt, die ohnehin Inhaltsstoffe vieler Lebensmittel sind.

Stärkere Nachfrage und häufige Missernten führten zu deutlichen Preissteigerungen für einheimischen Honig. 2009 lag die Honigernte bei durchschnittlich 23,7 Kilogramm je Volk, in normalen Jahren sind es 27. Als Ursache für die Missernten sieht man hauptsächlich die Folgen der zunehmenden Kultivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft. Der verstärkte Anbau von Monokulturen führt zum Verlust eines reichen Blütenangebots. Die größten Schäden verursacht jedoch die Varroamilbe, die laut DIB zu jährlichen Einbußen von rund 10 Prozent führt. Zunehmend sehen vor allem die deutschen Bio-Imker auch eine Bedrohung durch die Grüne Gentechnik, weil Freiheit von genmanipulierten Pollen nicht garantiert werden kann.

Insgesamt hat die Imkerei erheblich an Attraktivität eingebüßt. Gerade einmal 700000 Völker werden heute von deutschen Imkern gehalten, Ende der fünfziger Jahre waren es zwei Millionen. Ernüchternd wirkt auf Interessenten auch die finanzielle Belastung, zumal an Imker keine direkten Subventionen vergeben werden. „Als Anfangskapital sind für einen Vollerwerbsimker je Bienenvolk etwa 500 Euro fällig. Neben Gerätschaften und Bienenkästen muss der Imker auch einen Grundbestand an Bienen erwerben. Bienenvölker werden von Imkern vermehrt und an Imker verkauft“, sagt Bunsen.

Auch die ungleichmäßige Arbeitsbelastung eines Berufsimkers ist nicht jedermanns Sache. „Während in der Hauptsaison von April bis August eine 70-Stunden-Woche zu leisten ist, hat man im Winter nur wenig zu tun.“ Bunsen bezeichnet die Imkerbranche daher als „Insiderclub“. Vor allem an Nachwuchs mangelt es: Das Durchschnittsalter der deutschen Imker liegt bei 60 Jahren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kein Honigschlecken für deutsche Imker
Autor
Jeanne Blaul-Zirker Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. September 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

Beruf und Chance